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Westbalkan-Route
Die gefährliche Flucht in den Westen

Westbalkan-Route: Die gefährliche Flucht in den Westen
FOTO: dpa/RP
Wien. Täglich versuchen bis zu 1000 neue Flüchtlinge über die Westbalkan-Route von Griechenland nach Österreich zu kommen. Von Christian Schwerdtfeger

Kaum einer kennt die Westbalkan-Route besser als Gerald Tatzgern. Der Leiter der Abteilung Menschenhandel im österreichischen Bundeskriminalamt ist bei so ziemlich jeder großen Polizeiaktion gegen Schleuserbanden im gesamten Balkan beteiligt. Der erfahrene Fahnder ist deshalb auch überzeugt, dass der Flüchtlingsstrom noch mindestens fünf bis zehn Jahre andauern werde.

Um den Schleusern das Handwerk zu legen, will er mehr ausländische Polizeieinheiten entlang der berüchtigten Route in Ungarn, Serbien und Mazedonien stationieren. "Für uns ist das dann eine Art verlängerter Arm, wir können so rascher reagieren", sagte Tatzgern der österreichischen Zeitung "Kurier".

Die Balkan-Route, auch "Black Route" genannt, gilt für einen Großteil der Flüchtlinge als Einfallstor nach Mittel- und Westeuropa. Sie führt von Griechenland über Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich bis kurz hinter die deutsche Grenze bei Freilassing. Für viele ist aber auch schon in Wien oder viel früher Schluss. Die Zahl der Menschen, die auf diesem Weg flüchten, hat sich seit Jahresbeginn dramatisch erhöht. Nach Angaben der österreichischen Bundespolizei kommen derzeit täglich bis zu 1000 Flüchtlinge über diese Route bis an die ungarische Grenze.

Österreich: Lkw mit toten Flüchtlingen entdeckt FOTO: dpa

Fast immer werden die Menschen unter qualvollen Umständen von skrupellosen Schleppern in Lastwagen geschmuggelt - wie gefährlich das ist, zeigt die Entdeckung des Lkw mit 71 toten Flüchtlingen auf der stark befahrenen Ost-Autobahn von Budapest nach Wien, der A 4. Unter den Opfern sind 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder.

Die Polizei hat zunächst sieben Verdächtige festgenommen; die Ermittlungen konzentrieren sich jedoch auf drei von ihnen. Es handelt sich dabei um den Eigentümer des Lastwagens sowie die beiden mutmaßlichen Fahrer. Nach bisherigen Erkenntnissen gehören sie zum Umfeld eines bulgarisch-ungarischen Schlepperrings. Die übrigen Verdächtigen wurden teils wieder freigelassen.

Die Fahrt in einem Lkw oder ähnlichen Transportmitteln macht aber nur einen geringen Teil der Flucht aus. Den Großteil legen die Flüchtlinge zu Fuß zurück. Dabei seien sie besonders in Mazedonien schweren Verkehrsunfällen und Naturgewalten ebenso schutzlos ausgeliefert wie Kriminellen, erklärt ein Sprecher des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen.

Mit Kriminellen sind nicht immer die Schlepper gemeint, sondern auch andere Banden des organisierten Verbrechens, die gezielt Flüchtlinge überfallen und ausrauben - und dabei auch den Tod ihrer Opfer in Kauf nehmen.

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Viele Flüchtlinge haben ihr gesamtes Vermögen in bar dabei

Denn viele Flüchtlinge haben ihr gesamtes Vermögen bar in US-Dollar oder Euro bei sich, auf die es die Täter abgesehen haben. Die Behörden schreiten selten ein. Auch Nahrungsmittel und medizinische Hilfe gibt es kaum. In Serbien sieht es nicht viel besser aus. Dort drohen den Flüchtlingen Verhaftung und Abschiebung. Wer es durch Serbien geschafft hat, ist aber noch längst nicht am Ende der Tortur. Die Behörden um die nationalkonservative Regierung von Viktor Orbán gehen besonders brutal mit Flüchtlingen um. Die Zustände in den Auffanglagern seien miserabel, berichten lokale Medien. In Ungarn befinden sich die Flüchtlinge aber in der EU, in der mitteleuropäischen Schengen-Zone. Das bedeutet: An der Grenze zu Österreich gibt es keine weiteren Kontrollen. Doch kann die Polizei in Ungarn und in Österreich jederzeit verdächtige Fahrzeuge stoppen und überprüfen. Die Schlepper, die den Flüchtlingen versprechen, sie nach Österreich oder Deutschland zu fahren, kassieren dem Vernehmen nach 500 bis 1000 Euro pro Person.

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Die ungarische Grenzregion zu Serbien spielt derzeit eine entscheidende Rolle. Denn Ungarn will die Grenze schließen. Ein 175 Kilometer langer Zaun von vier Meter Höhe soll gebaut werden. "Viele Flüchtlinge versuchten deshalb noch vor der endgültigen Fertigstellung des Zauns nach Österreich und von dort auch weiter nach Deutschland oder Skandinavien zu kommen", erklärt der Polizeichef des Burgenlandes, Hans Peter Doskozil, in dessen Zuständigkeitsgebiet der Lkw mit den 71 Toten gefunden worden war.

Trotz aller Gefahren und Risiken ist die Balkan-Route bei Flüchtlingen nicht unbeliebt - der Landweg gilt als sicherer als die Flucht übers Mittelmeer. Die Menschen, die so nach Westeuropa wollen, kommen vor allem aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Pakistan.

Schleuser setzen sie zuvor in viel zu kleinen und überfüllten Booten übers Meer von der Türkei nach Griechenland über. "Dieser Wasserweg ist ungleich kürzer und ungefährlicher als die Überfahrt von Nordafrika nach Italien", so die Bundespolizei. Teilweise setzen die Kriminellen die Flüchtlinge entlang der Strecke einfach auf den Seitenstreifen der Autobahn und an Raststätten ab.

Quelle: RP
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