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Neue Beweise: Die Macht der Mafia

VON JULIUS MÜLLER-MEININGEN - zuletzt aktualisiert: 27.10.2009 - 16:03

Rom (RP). Der italienische Staat könnte in die Anschläge auf die "Mafia-Jäger" Giovanni Falcone und Paolo Borsellino von 1992 verwickelt sein. Das legen neue Aussagen von zwei Kronzeugen nahe.

Nach 17 Jahren kommen schlimme Erinnerungen auf, andere verschwinden. Die Witwe des von der Mafia ermordeten Staatsanwalts Paolo Borsellino denkt an die seltsame Umsicht ihres Ehemannes in den Tagen vor dem Attentat zurück. "Mein Mann forderte mich auf, die Jalousien herunterzulassen, weil er fürchtete, wir könnten beobachtet werden", sagt Agnese Borsellino.

Ein ehemaliger Justizminister erinnert sich an Details, die belegen würden, dass Paolo Borsellino von den Verhandlungen wusste, die im Frühjahr 1992 zwischen der sizilianischen Cosa Nostra und dem italienischen Staat im Gange waren.

Fest steht, dass der Staatsanwalt Borsellino am 19. Juli 1992 einem verheerenden Bomben-Attentat in Palermo zum Opfer fiel. Nur zwei Monate nachdem sein Kollege und Freund, der Untersuchungsrichter Giovanni Falcone zusammen mit seiner Frau von der Mafia in die Luft gesprengt worden war. Nun ist in Italien eine Diskussion in Gang gekommen über die Verwicklung des Staates in die Gräueltaten. Die zentrale Frage: Wusste der aufrechte Ermittler und Volksheld Paolo Borsellino von den Verhandlungen zwischen Behörden und Cosa Nostra und musste er deshalb sterben?

Nie zuvor hatte sich der Konflikt zwischen Staat und Mafia so zugespitzt wie damals, als die Cosa Nostra unter den Paten Toto Riina und Bernardo Provenzano mit spektakulären Attentaten ihre Macht demonstrierte. Um weitere Anschläge, auch gegen hohe Politiker, zu vermeiden, sollen die Behörden Verhandlungen mit der Mafia geführt haben. Das legen zumindest neue Aussagen zweier Kronzeugen nahe.

Massimo Ciancimino ist der Sohn des verstorbenen Bürgermeisters von Palermo und Cosa-Nostra-Bosses Vito Ciancimino. Er behauptet, sein Vater habe im Sinne der Mafia mit hohen Carabinieri-Offizieren verhandelt, die dazu vom Innen- und Verteidigungsminister autorisiert worden waren. Die ehemaligen Minister Nicola Mancino und Virginio Rognoni bestreiten ihre Beteiligung.

Die Staatsanwälte von Palermo und Caltanisetta haben die Ermittlungen 17 Jahre nach der Tat dennoch wieder aufgenommen. Immer noch gibt es zu viele Unklarheiten. Warum sollte der Zeuge Massimo Ciancimino lügen? Wohin ist das rote Notizbuch Borsellinos nach dem Attentat verschwunden? Augenzeugen wollen unmittelbar nach der Detonation einen ranghohen Carabiniere gesehen haben, wie er sich vom Tatort entfernte – mit der Aktentasche Borsellinos, in der das Notizbuch lag. "Mit dem Borsellino-Attentat kurz nach dem gegen Falcone könnte die Cosa Nostra versucht haben, die Verhandlungen mit den Institutionen zu beschleunigen", sagt Italiens oberster Antimafia-Staatsanwalt Piero Grasso.

Es wird kaum Zufall sein, dass sich in diese Diskussion sogar der Boss der Bosse, der seit seiner Verhaftung 1993 äußerst schweigsame Toto Riina, eingemischt hat. "Die anderen haben ihn umgebracht", ließ er aus dem Gefängnis mitteilen. Den Ermittlern riet er: "Schaut nicht immer nur auf mich. Seht euch in den eigenen Reihen um." Als wolle er damit sagen, der Staat selbst sei für das Attentat auf Borsellino verantwortlich.

Immerhin sehen die Staatsanwälte 17 Jahre nach der "Saison der Attentate" jetzt schon etwas klarer. "Wir sind im Vorzimmer der Wahrheit", sagte etwa der bekannte Ermittler aus Palermo, Antonio Ingroia. "Doch nicht alle in Italien wollen die Wahrheit auch wissen."

Quelle: RP

 
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