Prozessauftakt im Fall Amstetten: "Die Mappe ist wie eine Mauer"
zuletzt aktualisiert: 16.03.2009 - 17:59St. Pölten (RPO). Hinter einem leuchtend blauen Aktenordner verbarg Josef Fritzl auf dem Weg zur Anklagebank sein Gesicht. Die zahlreichen Journalisten sollten sein Gesicht nicht sehen. "Die Mappe ist wie eine Mauer" - zu diesem Schluss kommt der Psychiater Reinhard Haller. Im Prozess legte Fritzl ein Teilgeständnis ab. Den Mordvorwurf stritt er indes ab. Unterdessen mehren sich die Anzeichen für eine schnelle Urteilsverkündung.
Der Psychiater Reinhard Haller zog aus dem Vorhalten des blauen Aktenordners seine Schlüsse: "Das Verhüllen ist mit hoher Symbolik zu werten", sagte Haller am Montag der österreichischen Nachrichtenagentur APA. "Die Mappe ist wie eine Mauer, ähnlich wie bei seinen Straftaten."
Prozess möglicherweise noch diese Woche abgeschlossen
Der Prozess um den Inzest-Fall von Amstetten könnte schneller abgeschlossen sein als erwartet. Der Angeklagte Josef Fritzl legte am Montag zum Auftakt der Verhandlung im niederösterreichischen St. Pölten ein Teilgeständnis ab. Ihm wird zur Last gelegt, seine Tochter Elisabeth 24 Jahre lang in einem Kellerverlies gefangengehalten und mit ihr sieben Kinder gezeugt zu haben, von denen eins kurz nach der Geburt starb. Ein Urteil könnte nach Justizangaben möglicherweise bereits am Donnerstag fallen.
Die Vorwürfe des Mordes durch Unterlassen und der Sklaverei wies Fritzl zurück. Er bekannte sich aber in den Anklagepunkten Inzest und Freiheitsberaubung für schuldig und der Nötigung und Vergewaltigung teilweise schuldig. Was er damit gemeint habe, müsse sich im Lauf der Verhandlung ergeben, erklärte Gerichtssprecher Franz Cutka.
"Nicht Verfahren einer gesamten Nation"
Der Schwurgerichtsprozess vor dem Landesgericht St. Pölten war von strengen Sicherheitsvorkehrungen und großem Medianandrang begleitet. Die Anklage schilderte das "unvorstellbare Martyrium" der heute 42-jährigen Elisabeth, die Verteidigung appellierte an die Geschworenen, Fritzl nicht als "Monster" zu betrachten. Die Vorsitzende Richterin Andrea Humer hob hervor, dass es um einen Einzeltäter gehe: "Das ist nicht das Verfahren eines Ortes oder einer gesamten Nation."
Nach zweieinhalbstündiger Verhandlung wurde zum Schutz der Opfer die Öffentlichkeit ausgeschlossen, während die ersten, auf Video aufgenommenen Aussagen der Tochter angehört und Fritzl dazu vernommen wurde. Einzelheiten gab der Sprecher nicht preis. Nach seiner Auskunft haben alle anderen Angehörigen die Aussage verweigert, so dass nur die insgesamt elfstündigen Videobänder sowie Gutachten behandelt werden. Je nach Verlauf sei es "denkbar, möglicherweise schon am Donnerstag zu einem Urteil kommen", einen Tag eher als erwartet.
Fritzl verbarg auf dem Weg zur Anklagebank sein Gesicht mit einem blauen Aktenordner vor den Kameras und antwortete mit kaum hörbarer Stimme auf die Fragen zur Person. In seiner Kindheit sei das Leben mit seiner Mutter sehr schwierig gewesen, Freunde habe er nicht gehabt.
Staatsanwältin Christiane Burkheiser sagte, Fritzl wirke "wie ein netter alter Herr von nebenan". Er habe "keine Anzeichen von Reue und Unrechtsbewusstsein gezeigt".
Totes Kind im Ofen verbrannt
Eindringlich schilderte sie das "unvorstellbare Martyrium" der Opfer. Im Alter von 18 Jahren wurde Elisabeth in den engen, feuchten Keller gesperrt, wo sie sieben Kinder zur Welt brachte. Drei wuchsen als angebliche Findelkinder bei Fritzl und seiner Frau auf, drei mussten im Keller bleiben und sahen kein Tageslicht, bis der Fall voriges Jahr im April eher zufällig bekannt wurde. Fritzl gab laut österreichischer Nachrichtenagentur APA zu, seiner Tochter und den mit ihr eingesperrten Kindern weisgemacht zu haben, das Verlies sei mit Strom- und Gasfallen gegen Fluchtversuche gesichert.
Eines der Kinder starb 1996 kurz nach der Geburt. Die Anklage wirft Fritzl deshalb Mord durch Unterlassung vor, weil er keine Hilfe geholt habe. Die Beweislage ist allerdings schwierig, weil Fritzl den Leichnam nach eigenen Angaben im Heizofen verbrannt hat. "Keiner kann sich wirklich vorstellen, was sich da unten abgespielt hat", sagte die Staatsanwältin laut APA. Fritzl habe seine Tochter mehrfach vor den Augen der Kinder vergewaltigt.
In den ersten Jahren der Gefangenschaft habe er nicht mit seiner Tochter gesprochen, sie einmal mit dem Abstellen des Stroms im Keller bestraft. Sie habe "zeitweise mit drei kleinen Kindern und einem Baby im Bauch" auf elf Quadratmetern hausen müssen. "Es gab kein Warmwasser, keine Dusche, keine Heizung und vor allem kein Tageslicht und keine Frischluftzufuhr." Fritzl habe über seine Tochter wie sein Eigentum verfügt. "Er kam, nahm sie und ging wieder", sagte Burkheiser. Elisabeth sei "gebrochen" gewesen.
"Kein Monster"
Verteidiger Rudolf Mayer bat die Geschworenen um ein objektives Verfahren. Sein Mandant sei "kein Monster" und bereue seine Taten. Hätte Fritzl nur Sex gewollt, hätte er die Kinder alle umbringen können. So aber habe er den Gefangenen, die er als Zweitfamilie betrachtete, sogar einen Weihnachtsbaum gebracht.
Das psychiatrische Gutachten befand Fritzl für voll zurechnungsfähig, bescheinigte ihm aber eine "höhergradig seelisch-geistige Abartigkeit". Daher beantragte die Anklage zugleich die Unterbringung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher, wo Fritzl selbst nach einer zeitlich begrenzten Haftstrafe noch unbefristet festgehalten werden könnte.
Seinen Opfern bleibt ein Auftritt vor Gericht erspart. Elisabeth lebt inzwischen mit den Kindern an geheimgehaltenem Ort. Für die Dauer des Prozesses wurden sie sicherheitshalber wieder in der Klinik untergebracht, wo sie die erste Zeit in Freiheit verbracht hatten.
Der Prozess sollte am Dienstag mit der Video-Aussage fortgesetzt werden. Ob auch bereits Gutachter gehört werden, stand noch nicht fest.
Alle Hintergründe zum Inzest-Fall von Amstetten finden Sie auf unserer Übersichtsseite.
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