Außer Kontrolle: Drei Tote bei Geisterfahrt eines Bauzugs
zuletzt aktualisiert: 17.05.2006 - 11:52Thun (rpo). Bei der Geisterfahrt eines außer Kontrolle geratenen Bauzugs in der Schweiz sind am Mittwoch drei Arbeiter ums Leben gekommen. Alle drei waren an Bord des ins Tal rasenden Zug und konnten sich nicht mehr retten bevor dieser auf Anordnung des Stellwerks "kontrolliert" in einen anderen Bauzug raste, womit er zum Stehen gebracht werden sollte.
Die Verantwortlichen hätten den Bauzug bewusst auf einen anderen aufprallen lassen, nachdem er nicht mehr gestoppt habe werden können, teilte der Sprecher der Betreibergesellschaft BLS, Matthias Tromp, vor Journalisten in Thun mit. Einer der tödlich verunglückten Arbeiter habe in Deutschland gewohnt. Aus ungeklärten Gründen habe sich der Bauzug bei Schotterarbeiten bei Blausee gelöst und habe nicht mehr gebremst werden können, sagte Tromp. Auf dem Bauzug befanden sich ein Lokführer und ein Schienentraktorführer der BLS sowie ein Mitarbeiter einer privaten Baufirma.
Sie lösten beim Stellwerk Spiez Alarm aus, sagte der BLS-Direktor weiter. In einer extremen Stresssituation wurde dort beschlossen, den Geisterzug auf die gerade Strecke in Richtung Dürrenast bei Thun zu lenken. Dort - rund 30 Kilometer von Blausee entfernt - befinden sich zurzeit zwei Baustellen der BLS, auf denen in der Nacht zum Mittwoch elf Arbeiter im Einsatz standen. Sie konnten sich noch rechtzeitig in Sicherheit bringen, bevor der Bauzug um etwa 03.20 Uhr auf zwei stehende Materialwagen aufprallte. Der Bauzug entgleiste dabei nicht, wie Tromp sagte. Er fuhr aber noch rund 200 Meter weiter. Trotz Großaufgebot von Polizei, Feuerwehr und Sanitäter sei für die drei Männer auf dem Zug jede Hilfe zu spät gekommen.
Bei den Opfern handelt es sich um zwei Schweizer und um einen in Deutschland wohnhaft gewesenen Mann. Sie waren alle Familienväter. Tromp und BLS-Verwaltungsratspräsident Hans Lauri zeigten sich bestürzt über das tragische Unglück und sprachen den Angehörigen ihr tief empfundenes Beileid aus. Die Bahnstrecke Thun - Spiez blieb nach dem Unglück bis auf weiteres unterbrochen. Die internationalen Züge auf der Lötschbergstrecke wurden umgeleitet und erhielten rund eine Stunde Verspätung.
Es handelt sich um das zweite Unglück der BLS innerhalb von drei Wochen. In der Nähe des jetzigen Unglücksorts waren am vergangenen 28. April beim Bahnhof Thun ein ICE der Deutschen Bahn und eine BLS-Doppellok zusammengestoßen. Acht Menschen wurden leicht verletzt. Die Ursache war menschliches Versagen: Der BLS-Lokführer hatte ein "Halt"-Signal zu spät bemerkt.
Mehr Opfer forderte ein Bahnunglück in der Schweiz letztmals im Jahre 1994. Am 21. März schlitzte der Ausleger eines Schienenkrans bei Däniken einen Schnellzug seitlich auf, neun Bahngäste kamen ums Leben.
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