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Jahrelange Dürre
Kaliforniens Farmer beten für Regen

Dürre in Kalifornien: Farmer beten für Regen
"Lieber Gott, bitte fülle unseren Wassertank": Die vierjährige Yaritza Pizano schließt gemeinsam mit ihrer Großmutter die Bitte um Regen in ihr Nachtgebet ein. Seit 2014 ist die Familie ohne Wasser. FOTO: ap
East Porterville. Notstand im Paradies: Vier Jahre Dürre haben in Kalifornien vielerorts die Brunnen austrocknen lassen. Opfer sind vor allem die Armen. Von Frank Herrmann

Geoff Galloway blickt über lange Reihen dreijähriger Mandarinenbäume und schwärmt vom Paradies. Nirgends sei das Klima besser, der Boden fruchtbarer als hier, im Süden des Central Valley, im San Joaquin Valley, dem schon Weltliteratur gewidmet war, John Steinbecks "Früchte des Zorns".

"Richtigen Frost haben wir höchstens einmal in sieben Jahren", sagt Galloway, 39, schnittige Sonnenbrille, und erzählt, wie er einst voller Hoffnung ins "ag business" einstieg. Ins Agrargeschäft, das in dem breiten, tischebenen Tal lange Zeit blühte wie sonst nirgendwo. 2003 erwarb er mit seiner Frau Sabra eine Farm in der Nähe der Kleinstadt East Porterville. Als sie 2012 das erste Dürrejahr hinter sich hatten, sprach noch keiner von einem Desaster. Trockenperioden hatte es immer gegeben, die letzte akute 1976/77. Aber dass nun eine Dürre vier Jahre andauert, das hat das moderne Kalifornien noch nicht erlebt.

Schwere Waldbrände in Kalifornien FOTO: afp, JE/RAB

Galloway jedenfalls steht kurz vor dem Ruin. Dutzende Orangenbäume hat er bereits aus der Erde gerissen, ein trauriger, welker Haufen an einem staubigen Weg. Das knappe Wasser, für das er achtmal so viel berappen muss wie vor der Dürre, soll den Mandarinen zukommen, weil sie mehr einbringen als die Apfelsinen. Zwölf magere Monate stehe er finanziell vielleicht noch durch, orakelt der Obstbauer. Wenn sich dann nichts zum Besseren wende, gebe er auf. "Aber wer kauft uns die Farm ab? Wer will eine Farm ohne Wasser?"

"River Road" – es klingt wie Hohn

Manche in East Porterville haben nicht mal Trinkwasser. East Porterville, das sieht man dem Ort auf den ersten Blick an, ist wild gewachsen mit dem Agrarboom, ohne dass sich ein Planer groß Gedanken gemacht hätte. Die Straßen sind wellig und staubig, die Häuser billig und flach. Hier und da Basketballkörbe vor Zäunen, Statussymbole des American Way of Life. Zwei Drittel der 7000 Einwohner stammen aus Lateinamerika. Eine Metzgerei ist nach der mexikanischen Metropole Guadalajara benannt, ein Schuhladen trägt den melodischen Namen "Pasion del Buen Vestir". Dort, wo East Porterville an das wohlhabendere Porterville grenzt, bilden die immer noch grünen Hügel eines Golfplatzes so etwas wie eine Pufferzone.

Neben einer Baracke mit blätternder Farbe, in der Juana Garcia mit ihren fünf Kindern lebt, ragt ein rostiges Rohr aus der Erde. Es endete einmal in einem Tank, den aber hat Juana Garcia längst verhökert. Die Grundwasserschicht, zu der das Rohr führt, fünf Meter tief, ist seit zwei Jahren leergepumpt. Ein Bohrtrupp müsste anrücken, 30 Meter unter der Erde dürfte es Wasser geben, aber von den 20.000 Dollar, die so ein Trupp verlangt, kann Juana Garcia nur träumen. Ihr Mann, ein Obstpflücker, wie sie in den Achtzigern aus der mexikanischen Provinz Michoacán eingewandert, hat sich aus dem Staub gemacht. Da sie an Lupus leidet, einer tückischen Immunschwächekrankheit, kann sie keiner Arbeit nachgehen, selbst wenn sich jemand fände, der den Nachwuchs betreut: Christopher, ihr Jüngster, ist fünf. Nur der älteste Sohn, 19 Jahre alt, Verkäufer in einem Supermarkt, verdient schon eigenes Geld.

Zu allem Überfluss führen zwei ihrer acht Geschwister einen erbitterten Streit um das Haus. Die Mutter, erzählt Juana, habe es ihr vermacht, aber kein Testament hinterlassen. Es gibt keinen Erbschein, keinen Eintrag im Grundbuch, nichts, womit die Tochter nachweisen könnte, dass ihr das Anwesen gehört. Aus Sicht der Behörden wohnt sie illegal an der River Road, übrigens eine Straße, deren Name wie Hohn klingt, denn der Tule River, an dem sie verläuft, ist ausgetrocknet. Folglich stellt ihr die Stadt keinen Wassercontainer aufs Grundstück, einen dieser zwei Meter hohen Behälter, wie sie mittlerweile in dutzenden Vorgärten stehen, in regelmäßigen Abständen aufgefüllt von der Kommune. Juana Garcia ist angewiesen auf Donna Johnson, die "Water Lady", wie man sie in dem Siebentausend-Einwohner-Ort nennt.

Die Katastrophe ist unsichtbar

Donna Johnson fährt in ihrem wuchtigen Dodge zur Feuerwache, zu einem Tank für den allgemeinen Gebrauch, und hält dann bei den Ärmsten der Armen, die sich nicht mal eine fahrbare Schrottkiste leisten können und das Wasser aus Donnas Fässern eimerweise in ihre eigenen schöpfen. Die trübe Brühe taugt zum Klospülen, zum Wischen des Fußbodens, zur Not auch zum Wäschewaschen. Sobald die vier Bottiche neben Juanas Küche voll sind, zieht die "Water Lady" deshalb zusätzlich 24er Packungen Mineralwasserflaschen von der Ladefläche ihres Pick-up.

Bei Donna und Howard Johnson, solide Mittelschicht, kam im Frühjahr 2014 nichts mehr aus dem Brunnen. Anfangs behielten sie es für sich, es war ihnen peinlich, als ob es ihre Schuld wäre. Zum Duschen fuhren sie ins Fitnesscenter. Nach drei Wochen hatte Donna das Versteckspiel satt, sie schrieb auf ein Blatt Papier, was ihr widerfahren war, fügte ihre Telefonnummer hinzu und pinnte das Blatt ans Schwarze Brett eines Imbisslokals. Damit wurde sie, 72 Jahre alt, Turnschuhe, Ohrringe in Regenbogenfarben, zum Kummerkasten von East Porterville.

Eine Baumarktkette hat ein zinsloses Darlehen gewährt, damit sie Mineralwasser kaufen kann. Ein Farmer spendete Fässer und Eimer, das Benzin für den Pick-up zahlt sie selber. Ihre Mutter war beim Roten Kreuz, in Topeka, Kansas, mitten in der Prärie. Dass man Menschen in Not hilft, lernte sie schon als Kind. Der Unterschied ist: Topeka liegt in der "Tornado Alley" des Mittleren Westens, wo Wirbelstürme bisweilen ganze Straßenzüge in Bretterhaufen verwandeln. Dramatische Bilder. Sichtbare Katastrophen.

"In Kalifornien haben wir es mit einem unsichtbaren Desaster zu tun", sagt Donna. "Es gibt keine apokalyptischen Bilder, doch die Katastrophe ist deswegen nicht weniger schlimm." Eigentlich wollten die Johnsons in Ruhe Pferde züchten, als sie 1987 aus der Megacity Los Angeles aufs Land zogen. Das mit der "Water Lady" stand nicht auf dem Plan.

12000 ausgetrocknete Brunnen, allein hier

"Es riefen Leute aus Vierteln an, von denen ich gar nicht gewusst hatte, dass sie existierten", blendet Donna Johnson zurück. In aller Regel waren es Landarbeiter, die mit ihren Familien in besseren Schuppen leben und für ihre Plackerei mit acht- bis zehntausend Dollar pro Jahr entlohnt werden. Die meisten stammen aus Mexiko, viele haben nie richtig Englisch gelernt. Zumeist waren es ihre Kinder, die Donna Johnson anvertrauten, dass auch sie auf dem Trockenen sitzen.

An die 1200 Brunnen sind ausgetrocknet in und um East Porterville. Zwar denkt die Stadt daran, zusätzliche Rohre zu verlegen, um auch die Barackensiedlungen ans Wassernetz anzuschließen. Doch dazu wird ein Anrainer typischerweise mit 25.000 Dollar zur Kasse gebeten, und das können sich nur wenige leisten, so dringend alle den Anschluss bräuchten. "Catch-22", sagt Donna Johnson: die Quadratur des Kreises.

Macario Beltran hat es mit Fleiß und Sparsamkeit zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Mit 17 kam er aus Mexiko, fünf Jahre lang pflückte er Weintrauben, danach wartete er die Maschinen einer Molkerei. Heute ist er 42, vierfacher Vater und arbeitet als Automechaniker. Vom wandernden Erntehelfer in die Werkstatt: Eine Erfolgsgeschichte. 2007 kaufte Beltran seine eigenen vier Wände, die Familie sollte nicht länger in der schimmligen Bruchbude eines gierigen Besitzers zur Miete wohnen. Ein langgestrecktes Wohnmobil, nur ohne Räder. Er hat das Bad renoviert, einen neuen Kachelfußboden verlegt, draußen schöne Steinplatten.

Es war sein ganzer Stolz, nun wird es zum Klotz am Bein.

Der Fachmann für Motoren würde sofort wegziehen, wenn er nur könnte. Aber Käufer für sein mühsam hergerichtetes Heim findet er nicht, und der Hauskredit muss abgestottert werden, also ist er zum Bleiben verdammt. Wenn man so will, ist Macario Beltran ein Gefangener der Dürre. "Es konnte doch keiner ahnen, dass aus meinem Brunnen ein staubtrockenes Loch werden würde", sagt er. Damals, 2007, war Wasser kein Thema, es war einfach da, so selbstverständlich, wie morgens die Sonne aufging. "Niemand hat groß darüber nachgedacht. Und heute kannst du an nichts anderes mehr denken."

Quelle: RP
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