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Verstrickungen zwischen Kriminellen und Polizei: Dutroux "ist nicht der alleinige Teufel"

zuletzt aktualisiert: 01.06.2004 - 21:18

Arlon (rpo). Die Plädoyers im Fall um den mutmaßlichen Kindermörder Marc Dutroux dauern an. Am Dienstag hat der Hauptverteidiger Xavier Magnée mit seinen Ausführungen begonnen. Dabei warf er den Behörden Ermittlungspannen vor.

Der Hauptverteidiger des mutmaßlichen belgischen Mädchenmörders Marc Dutroux hat die "Mafia von Charleroi" und schwere Pannen der Ermittler für die tragischen Geschehnisse mitverantwortlich gemacht, die zum grausamen Tod von vier Mädchen führten. In seinem Plädoyer vor dem Schwurgericht in Arlon zeichnete Staranwalt Xavier Magnée am Dienstag das Bild eines Sumpfes in Dutroux' Heimatstadt, in der Verstrickungen zwischen Kriminellen und Polizei an der Tagesordnung gewesen seien.

Die Geschworenen forderte Magnée indirekt auf, Dutroux nicht in allen Punkten schuldig zu sprechen. "Wenn Sie das täten, dann würden Sie die Akte Dutroux für immer schließen", sagte der Verteidiger an die zwölf Frauen und Männer gewandt. Dann würden womöglich Mitschuldige nicht mehr bestraft werden können. Die Entscheidung liege nun aber in der Hand der Geschworenen. Dutroux muss sich wegen dreifachen Mordes sowie Entführung, Freiheitsberaubung und Vergewaltigung von sechs Mädchen verantworten.

Magnée sagte, Dutroux sei nicht allein verantwortlich. "Er ist nicht der alleinige Teufel." Die Geschworenen dürften sich nicht von der vorgefertigten öffentlichen Meinung beeinflussen lassen. Im Lauf der achtjährigen Ermittlungen sei vielen Spuren nicht nachgegangen worden, sagte Magnèe, der in Belgien an den meisten prominenten Prozessen der vergangenen Jahre beteiligt gewesen ist.

"Ich spreche nicht nur als Anwalt zu ihnen, sondern auch als Bürger und Vater", sagte Magnée. Er verwies auf das belgische System, das "krank" gewesen sei. Aus politischen Gründen habe der Prozess jetzt begonnen, obwohl viele Punkte noch im Unklaren lägen. Wohl auch deshalb sei der leitende Untersuchungsrichter Jacques Langlois nicht allen Spuren gefolgt.

Hinweise auf einen Pädophilen-Ring

So sei etwa in Charleroi eine Kartei mit 73 Kindern, samt deren Alter und Haarfarbe gefunden worden, die auf einen Pädophilen-Ring hingewiesen hätten. Langlois sei dem aber nicht nachgegangen, weil er nach eigener Aussage "nicht für Charleroi zuständig" gewesen sei, sagte Magnée.

Auch die Tatsache, dass in dem Kellerverlies in Dutroux' Haus 6.000 gefundene Haare erst fünf Jahre nach den Taten untersucht worden seien, lasse auf grobe Mängel schließen, sagte Magnée. Unter den Haaren seien DNA-Spuren gefunden worden, die weder mit den Opfern noch mit den Angeklagten übereinstimmten. "Es waren Personen in dem Keller, die sicher nicht unschuldig waren."

Aber immer dann, wenn eine Spur nicht zu Dutroux selbst geführt habe, seien die Ermittlungen gestoppt worden. Dies gelte auch für die zahlreichen mysteriösen Todesfälle von Zeugen. "Das zeigt Ihnen, wie dieses Dossier funktioniert", sagte der Verteidiger an die Geschworenen gewandt. Deutlich werde dies auch bei den Umtrieben der "Mafia von Charleroi", die in Autoschieberei, Drogenhandel und Prostitution verwickelt sei.

Viele Polizisten hätten Kriminelle wie Dutroux geduldet

Viele Polizisten hätten Kriminelle wie Dutroux geduldet und teilweise selbst von ihnen profitiert, sagte Magnée. In der Stadt habe es zudem mehrere zweifelhafte Etablissements gegeben, in denen auch Kinder hätten prostituiert werden können. So sei in einem der Bordelle ein Verlies ähnlich dem in Dutroux' Haus gefunden worden. Die Ermittler habe aber all dies nicht interessiert.

Sich jetzt auf den mitangeklagten vorbestraften Brüsseler Geschäftsmann Michel Nihoul zu konzentrieren, der als Bindeglied zwischen Dutroux und einem Pädophilen-Ring fungiert haben könnte, werde dem Fall nicht gerecht, sagte Magnée. Würde Nihoul freigesprochen, wäre die ganze These von Hintermännern, die bei Dutroux Mädchen bestellt hätten, keineswegs hinfällig.

Die Staatsanwaltschaft hatte vergangene Woche darauf plädiert, die vier Angeklagten mit der Höchststrafe zu verurteilen. Für Dutroux würde dies lebenslang bedeuten. Ein Urteil in dem seit 1. März laufenden Prozess wird Mitte Juni erwartet.


 
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