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Anwalt erwägt kurzzeitig Rückzug vom Prozess: Dutroux-Opfer besichtigen Ort des Schreckens

zuletzt aktualisiert: 28.04.2004 - 14:53

Arlon/Marcinelle (rpo). Der Besuch im Kerker des mutmaßlichen Kindermörders Marc Dutroux hat bei den Beteiligten des Prozesses und den Opfern tiefe Spuren hinterlassen. Nur einer übte sich am Ort des Schreckens in Gleichgültigkeit: der Angeklagte selbst. 

Am Mittwoch erwägte Dutroux' Hauptverteidiger Xavier Magnée offenbar sogar kurzzeitig, das Handtuch zu werfen. Magnée sei mit der Linie der Verteidigung nicht mehr einverstanden und halte Dutroux für "unkontrollierbar", zitierte das belgische Fernsehen den Pflichtverteidiger Ronny Baudewijn. Später kam von Staranwalt Magnée die Entwarnung: "Ich habe meine Entscheidung getroffen. Ich bleibe."

Ungeheure Kaltschnäuzigkeit

Magnées Frust ist verständlich. Erst am Dienstag hatte Dutroux bei dem Ortstermin in seinem ehemaligen Haus in Marcinelle bei der belgischen Industriestadt Charleroi wieder einmal seine ungeheure Kaltschnäuzigkeit zur Schau gestellt. In einem gepanzerten Mercedes ließ der 47-Jährige die Stunden unbeteiligt verstreichen. 110 Prozessbeteiligte besichtigten das Haus, in dem er 1995 und 1996 sechs Mädchen gefangen hielt und missbrauchte. Vier von den Kindern im Alter von acht bis 19 Jahren überlebten die Torturen nicht. Als gehe ihn das alles nichts an, stieg Dutroux aus dem Polizeiwagen und ließ sich in Handschellen in den Kerker führen, den er eigens für die Entführungen hergerichtet hatte.

Auf die Opfer wirkte dies wie ein Affront. "Lump!" stieß die 20-jährige Sabine Dardenne hervor, die als Zwölfjährige im Sommer 1996 ein 80-tägiges Martyrium in Dutroux' Kellerverlies durchlitten hatte. Für sie, die im Prozess ebenso wie ihre 22-jährige Leidensgenossin Laetitia Delhez bisher enormen Mut bewies, war die Rückkehr an den Ort ihres Leidens zu viel. Als die jungen Frauen nach rund zehn Minuten aus dem Kerker zurückkehrten, konnten sie Tränen und Wut nicht mehr unterdrücken. "Wenn ich könnte, würde ich ihn anspucken", stieß Sabine in Richtung ihres Peinigers hervor.

Auch anderen Prozessteilnehmern, die aus dem Keller des unscheinbaren Backsteinbaus in der Route de Philippeville 128 in Marcinelle zurückkehrten, stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Sehr viel kleiner, sehr viel beengter als gedacht wirkte das Verlies, in dem Dutroux neben Sabine und Laetitia auch die beiden achtjährigen Mädchen Julie und Mélissa einkerkerte, die dort vermutlich an Hunger starben.

Nur 1,61 Meter hoch

Ein Erwachsener kann in der nur 1,61 Meter hohen ehemaligen Wasserzisterne nur gebückt stehen. Mit ausgestrecktem Arm berührt die Hand die gegenüberliegende Wand des leer geräumten Raumes. In die gelbe Farbe hat eine Kinderhand fünf Buchstaben geritzt: "Julie". "Es hat mich enorm berührt, noch einmal ihre Schrift zu sehen", sagt Jean-Denis Lejeune, Vater des toten Mädchens, nach dem Gang in den Keller einem Fernsehsender.

Im Obergeschoss des Hauses schauen sich die Prozessteilnehmer zudem die "Leidenskammer" an, in der Dutroux die sechs Mädchen brutal vergewaltigte. Sie sehen auch das Hochbett, an das er die Mädchen nach dem Missbrauch kettete.

"Das Martyrium der Kleinen kann nur zu etwas dienen, wenn es uns eine Lehre ist", hatte Dutroux-Advokat Magnée vor Beginn des Prozesses im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP gesagt. Damit meinte er auch seinen Mandanten. Seine humanistische Hoffnung, dass es Dutroux während des Prozesses zumindest gelingen möge, "einen Blick mit den Eltern, einen Blick mit Sabine und Laetitia zu wechseln", hat sich bis dato nicht erfüllt. Im Gegenteil - bisher macht Dutroux nur eines deutlich: Seine unfassbare Gleichgültigkeit.


 
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