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Anklage legt Entführung und Todesumstände der Opfer dar: Dutroux-Prozess: Enthüllungen angekündigt

zuletzt aktualisiert: 02.03.2004 - 19:56

Arlon (rpo). Am Dienstag ist der Prozess gegen den belgischen Kinderschänder Marc Dutroux in den zweiten Verhandlungstag gegangen. Nach der Enthüllung grausiger Details durch die Anklage drohten die Anwälte Dutroux' mit Enthüllungen.

Dutroux könnte schon am Mittwoch Namen nennen, kündigte Xavier Magnée am Dienstag zum Ende des zweiten Prozesstags im südbelgischen Arlon an. Zuvor hatte Magnée vor Gericht erläutert, warum sein Mandant kein Einzeltäter gewesen sein könne. Die Anwälte der Dutroux-Opfer nannten die Strategie der Verteidigung "pervers" und "unanständig". Sie fürchten, dass die Schuld des 47-Jährigen heruntergespielt wird.

"Ich hoffe aus meinem ganzen Herzen, dass er spricht, uns Informationen gibt und die Wahrheit sagt", sagte Magnée am Abend vor Journalisten. Dutroux soll sich am Mittwoch zum ersten Mal zu den Vorwürfen der Anklage äußern. Die Verteidigung will in dem Prozess nachweisen, dass Dutroux Auftraggeber hatte. Diese sehen sie in einem kriminellen Milieu in der belgischen Industriestadt Charleroi, das mit Autos, gefälschten Papieren und auch mit Frauen handelte.

Wahrheit nur "scheibchenweise"

Der Opferanwalt Jean-Philippe Rivière warnte die zwölf Geschworenen, sich durch eine "Nebelwand" blenden zu lassen. Sein Kollege Jan Fermon sagte, die Verteidigungsstrategie beleidige "die Intelligenz der Opfer und aller Menschen im Gerichtssaal". Er vertritt die heute 20-jährige Laetitia Delhez, die Dutroux als 14-Jährige entführte und vergewaltigte. Fermon will zusammen mit den Geschworenen das Kellerverlies in Dutroux' ehemaligem Haus bei Charleroi besuchen, um ihnen einen Eindruck vom Leiden der dort gefangenen sechs Mädchen zu geben.

Zuvor hatte der Streit über ein "Geheimdossier" für Aufregung gesorgt. Die Staatsanwaltschaft wies Vorwürfe der Verteidiger zurück, sie enthalte der Öffentlichkeit wichtige Details des Falles vor. Magnée hatte der Anklage vorgeworfen, die Wahrheit nur "scheibchenweise" zu präsentieren. Er verwies auf ein so genanntes Dossier "B" mit angeblich brisantem Material. Es wurde aus den Akten herausgenommen, da die Ermittlungen zum Teil noch nicht abgeschlossen sind. Darunter befinden sich Magnée zufolge wichtige Zeugenaussagen oder Haarproben, die Dutroux entlasten könnten.

Die Verteidiger verweisen insbesondere auf die Haare von "mindestens zwei oder drei Unbekannten", die Ermittler nach der Festnahme Dutroux' 1996 in seinem Kellerversteck fanden. In dem zwei mal ein Meter kleinen, fensterlosen Raum in seinem Haus in Marcinelle bei Charleroi hielt der arbeitslose Elektriker zwischen Juni 1995 und August 1996 nacheinander sechs Mädchen im Alter von acht bis 19 Jahren fest.

Angeklagte bewegungslos

Am Vormittag hatte Generalstaatsanwalt Michel Bourlet die 56-seitige Anklageschrift verlesen. Währenddessen verharrten die vier Angeklagten weitgehend bewegungslos in ihrem mit Panzerglas gesicherten Kasten. Dutroux wirkte im Gegensatz zum ersten Prozesstag aufmerksam. Er machte sich von Zeit zu Zeit Notizen in vor ihm liegenden Unterlagen - vermutlich einer Kopie der Anklageschrift. Die Seiten blätterte er im gleichen Rhythmus um wie Bourlet. Am Montag hatte Dutroux den Unmut des Gerichts auf sich gezogen, indem er zeitweise den Oberkörper auf die Arme legte und sich schlafend stellte.

Dutroux und seine Ex-Frau Michelle Martin hielten während der Verlesung der Anklageschrift einen Abstand von etwa einem Meter. Sie tauschten weder Blicke noch Worte. Dutroux macht seine 44 Jahre alte Ex-Frau für den Tod der beiden achtjährigen Mädchen Julie und Mélissa verantwortlich. Sie verhungerten vermutlich, als er bis März 1996 eine rund dreimonatige Haftstrafe wegen Diebstahls und Freiheitsberaubung absaß. Dutroux behauptet, er habe Martin mit der Versorgung der Mädchen beauftragt.

Am Mittwoch soll sich Dutroux äußern

Mit auf der Anklagebank sitzen die mutmaßlichen Komplizen Michel Lelièvre und Michel Nihoul. Letzterer wurde verdächtigt, Verbindungsmann zu einem Pädophilen-Ring gewesen sein mit Kontakten in höchste Justiz- und Politikkreise. Dies ließ sich allerdings nie nachweisen.

Am Mittwoch sollte sich Dutroux erstmals zu den Vorwürfen äußern. Auch die zwölf Geschwörenen können dabei Fragen an den Angeklagten richten. In dem am Montag begonnenen Mammutprozess sollen insgesamt rund 450 Zeugen auftreten. Das Urteil für Dutroux dürfte lebenslänglich lauten. Mit Abschluss des Prozesses wird erst Anfang Mai gerechnet.


 
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