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Tainan
Dutzende Tote bei Erdbeben in Taiwan

Tainan. Mehr als 100 Menschen werden in den Trümmern vermisst. Die meisten Opfer gab es in einem 16-stöckigen Wohnhaus - in Betonteilen fanden sich Dosen und Styropor. Von Andreas Landwehr und Yu-Tzu Chiu

Das große Haus liegt auf der Seite. Mit rund 200 Menschen in den Wohnungen ist es bei dem Erdbeben im Süden Taiwans einfach komplett umgekippt. Die 16-stöckige Gebäudestruktur mit den Fenstern und Wänden ist zum Teil erhalten - jetzt nur quer, nicht hoch. Um den Ort der Verwüstung im Stadtviertel Yungkang von Tainan herum stehen kleinere Häuser. Sie sind meist unbeschädigt

"Es war schrecklich", berichtet die 46-jährige Carol Chen über den Moment, als die Erde am Samstag früh um 3.57 Uhr Ortszeit bebte. "Ich hatte solche Angst, dass ich sofort aus dem Bett gesprungen bin." Sie lief aus dem Haus direkt auf die Straße, wo sich verängstigte Nachbarn sammelten.

Frau Chen lebt nicht weit von dem umgefallenen Haus in der fast zwei Millionen Einwohner zählenden ältesten Stadt Taiwans. Das Beben war mit der Stärke 6,4 zwar heftig, aber eigentlich nicht so stark, dass es ganze Hochhäuser einfach umreißen könnte. "Ich kann nicht glauben, dass ein Haus, das so stabil aussieht, in zehn Sekunden umfällt", sagt ein Student, der auf der anderen Straßenseite wohnt, der "Taipei Times". "Ich frage mich, wie das Haus einstürzen kann, wenn benachbarte Häuser nur ein paar Kacheln verlieren."

War es Pfusch am Bau? Bewohner finden in den Trümmern von Stützpfeilern auch Dosen für Speiseöl, die offenbar beim Bau in den Beton gemischt worden waren, wie die taiwanesische Nachrichtenagentur CNA berichtet. In anderen Berichten ist auch von Styropor und Bauschutt als Füllmaterial in tragenden Wandteilen die Rede.

Schienen zunächst erstaunlich viele der mehr als 200 Bewohner lebend geborgen worden zu sein, zeigt sich am Tag danach, dass es doch mehr Opfer gegeben hat. Dutzende werden noch in den Trümmern des Wohnhauses vermisst - besonders in den unteren Etagen. Stündlich steigt die Zahl der Toten, doch werden auch weiter Überlebende geborgen. Bis gestern Nachmittag zählte das Katastrophenzentrum 29 Tote in Tainan durch das Erdbeben, davon 22 in dem umgestürzten Hochhaus. Rettungskräfte suchten in der Stadt weiter nach rund 120 Vermissten.

Nach 27 Stunden finden Helfer gestern ein 14-jähriges Mädchen in dem umgekippten Hochhaus, verletzt und eingeklemmt in den Trümmern. "Es tut so weh! Helft mir! Ich sterbe!", ruft das Mädchen verzweifelt. Eine Katze hilft bei der Rettung eines kleinen Jungen, indem sie an einem Fenster miaut und die Retter auf sich aufmerksam macht, wie die "United Daily News" berichtet. Die Katze, die auch noch "Miaomiao" heißt, führt die Bergungskräfte zu dem Jungen. Sein überglücklicher Vater berichtet dem Blatt, Sohn und Katze seien unzertrennlich.

"Erst schwankte das Gebäude hin und her, dann auf und ab, schließlich stark nach links", schildert der Gebrauchtwagenhändler Lin Bao-gui aus Tainan der "Taipei Times". Die Taiwanesen sind es gewohnt, dass die Erde wackelt, aber diesmal werden Erinnerungen an die Erdbebenkatastrophe von 1999 wach, als 2400 Menschen ums Leben kamen.

Papst Franziskus sprach den Opfern des schweren Erdbebens sein Mitgefühl aus. Musikstar Madonna beschrieb das Erdbeben als "furchterregend". Bei ihrem zweiten Konzert in Taipeh, wo die Sängerin im Hotel von den Erdstößen überrascht worden war, sprach sie den Familien der Todesopfer ihr Beileid aus.

(dpa)
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