Kriegsgefangene unter Obama: Ein Besuch im Lager Guantanamo
VON FRANK HERRMANN - zuletzt aktualisiert: 29.06.2009 - 20:43Düsseldorf/Guantanmo (RP). Das umstrittene Gefangenenlager auf Kuba unter Barack Obama: Das Militär will zeigen, dass es die neue Zeit versteht und die Gitterkäfige aus Camp X-Ray Vergangenheit sind. In den Hochsicherheitstrakten tobt ein Kleinkrieg. Unser Korrespondent Frank Herrmann durfte sich vor Ort umsehen.
Vielleicht lässt sich an den Büchern ablesen, wie drinnen in den Zellen die Stimmung ist. Es gab eine Zeit, da war Harry Potter groß in Mode. Heute sind Leitfäden der englischen Grammatik so begehrt, dass die Bibliothekarin lebhaft bedauert, dass sie nicht genug davon hat. Vielleicht ist es ein Zeichen dafür, dass sich die Häftlinge gezielt auf einen neuen Abschnitt vorbereiten, entweder auf die Freiheit oder ein Verfahren vor einem englischsprachigen Gericht.
Die Bibliothek im Lager
Vielleicht ist auch eine Art Gruppendynamik am Werk. So zumindest sieht es die Bibliothekarin, eine zierliche Frau aus Puerto Rico. "Genau wie bei Teenagern. Was gerade in Mode ist, wollen die anderen auch alle haben." Vom regen Auf und Ab erzählt sie, von Beliebtheitswellen, wie jeder Buchclub sie kennt. Nur dass dieser Club hier seine eigenen Regeln hat. Was gelesen wird, bestimmt das Militär. Die kleine Puertoricanerin leitet die Gefängnisbücherei von Guantanamo.
Der Weg zu ihrer Baracke mit den lärmenden Kästen der Klimaanlagen führt durch ein Labyrinth aus Stacheldraht, Kieswegen, Betonsperren und Maschendrahtzäunen. Über die Zäune sind grüne Planen gespannt, damit drinnen keiner sehen kann, was draußen passiert. Bevor sie das Gefängnis betreten, legen die Soldaten die Uniformjacken ab, auf denen ihre Namen stehen. Hinter den Toren sind sie nur noch Nummern. Und auch die Bibliothekarin zieht es vor, inkognito zu bleiben.
"Nennen Sie mich einfach Rosario", flötet sie und erklärt, was in den Regalen stehen darf und was nicht. Historisches ja, Literatur zum Islam nur, wenn moderate Denker die Feder führten. Warum das Magazin "Swimmer's World" durchging und "Runner's World" nicht? "Keine Ahnung, es gab keine Begründung", sagt Clive Stafford Smith, ein Londoner Rechtsanwalt, der die bizarre Anekdote erzählt. Zum Bestand zählen auch die beiden Bücher Barack Obamas, "Dreams from My Father" und "Audacity of Hope", jeweils doppelt. Alle vier Exemplare sind ausgeliehen.
Guantanamo unter Obama
Guantanamo unter Obama, es ist eine mühsame Spurensuche. Die Präsidentenorder, das Lager bis 22. Januar 2010 zu schließen, hängt am schwarzen Brett in den Höfen. Doch wer ergründen will, wie sich die Insassen in diesem Alcatraz auf Abruf fühlen, der prallt gegen Gummiwände. Interviews sind tabu, da lässt Colonel Bruce Vargo nicht mit sich spaßen, so jovial er sich sonst auch gibt.
"Lässt man Häftlinge mit den Medien reden, stellt man sie zur Schau", es wäre ein Verstoß gegen die Genfer Konvention zum Schutz von Kriegsgefangenen. Obwohl es ja eigentlich keine Kriegsgefangenen seien. Allein die Semantik ist kompliziert in Guantanamo, und der Oberst hat keine Lust, sich in ihren Fallstricken zu verheddern: "Das ist nicht mehr meine Kragenweite."
Expansion trotz Schließung?
In der Ferne dröhnen Bohrhämmer, irgendwo entsteht ein neuer Hof, ein "rec yard" für Fitnessübungen. Szenen aus Absurdistan? Nein, paradox findet Vargo den Baulärm nicht, obwohl sich das Ende abzeichnet. "Wir expandieren nach Plan", sagt er tapfer. Die benötigten Millionen sind vom US-Kongress bewilligt, "warum sollen wir die Arbeiten stoppen?"
Hazael Orengo ist froh, dass ihm jemand Gesellschaft leistet. Sie zieht sich hin, so eine Nachtschicht auf dem Wachturm. Unter anderen Umständen könnte man sagen, dass Specialist Orengo ein netter Gastgeber ist. "Wollen Sie mal probieren?", fragt er und streckt sein Walkie-Talkie entgegen.
Wahrscheinlich hat er sich nicht viel dabei gedacht, als er am Silvestertag mit der Nationalgarde Puerto Ricos in den Südostzipfel Kubas abrückte. Der Job ist krisensicher, der Sold stimmt. Aber manchmal, bekennt Orengo, kommt er ins Grübeln. "Worauf hab' ich mich hier nur eingelassen?" Er freut sich aufs Morgengebet, auch wenn er kein einziges Wort des arabischen Singsangs versteht.
Fünf Uhr früh in Guantanamo
Sammeln sich die Häftlinge unten im Hof zum Beten, ist seine Schicht bald zu Ende. Drei Minuten vor fünf. Hinter Hometrainern rollen bärtige Männer in blütenweißen Gewändern ihre Gebetsteppiche aus, die Gesichter einer ockerbraunen Barackenmauer zugewandt. Dort muss Mekka liegen. Einer kann nicht stehen, seine Beinprothese liegt hinter ihm.
Exotische Vögel zwitschern in der karibischen Nacht. Die Brandung rauscht. Schon jetzt drückt die schwüle Hitze. Überall gleißende Scheinwerfer und Überwachungskameras. Später löscht ein Zensor sämtliche Fotos, die zu viel zeigen. Keine Panoramabilder, keine Küstenabschnitte, nichts, was verraten könnte, wie die Lager aufgebaut sind und wo sie liegen. Aber auch bei Aufnahmen, auf denen man das Gesicht eines Inhaftierten erkennt, wird die Löschtaste gedrückt – wegen der Genfer Konvention und des Rechts auf Würde.
Camp 4
In Camp 4 leben die, die sich wegen guter Führung relativ frei bewegen dürfen. Im TV-Raum läuft ein Naturfilm, Biber in Alaska. Wer den Streifen sehen möchte, muss sich Fußfesseln, an einer Öse im Betonboden verankert, anlegen lassen. Den neuen Fernseher schützt eine Plastikscheibe. Den alten hatten Internierte zertrümmert, als sie sich mit einer halbnackten, für Duschgel werbenden Frau konfrontiert sahen.
Es gibt Zeitungen, "Al-Ahram" aus Kairo, "Al-Scharq al-Ausat" aus London, dazu "USA Today", alle mindestens zwei Wochen alt. Manche Spalten sind geschwärzt, Annoncen für käuflichen Sex und Viagra-Pillen sowieso. Und das Kreuzworträtsel, warum auch immer.
Hochsicherheitstrakt: Camp 5 und 6
Camp 5 ist, genau wie Camp 6, das neueste, ein Hochsicherheitstrakt, eine originalgetreue Kopie der Haftanstalt Terre Haute im Bundesstaat Indiana. In einer Vorzeigezelle liegt penibel sortiert die Grundausstattung, Gebetskappe, Gebetsteppich, eine Wasserflasche, ein Styroporbecher, zwölf Stück Malkreide, exemplarisch ein Buch – Emile Zola, "Die Freude am Leben". Daneben Kleidung, zwei komplette Sätze.
Körperflüssigkeiten als Waffe
Wer pariert, bekommt weiße und graugrüne Wäsche. Wer sich widersetzt, muss die orangefarbene anziehen, die in aller Welt das Symbol Guantanamos ist. Die Lage kann schnell eskalieren. Die Männer in den 2,40 mal 3,60 Meter großen Zellen haben ihre eigenen Waffen: Sperma, Spucke, Kot und Urin. Manchmal vermischen sie alles in einem Becher und werfen es nach den Aufpassern, sobald sich der Schlitz der Essenklappe öffnet – darum tragen die Wachen vorm Gesicht einen durchsichtigen Plastikschutz.
Die Stimmung ist trotz Obama nicht besser geworden
Im Lazarett zeigt ein Arzt Schläuche, die schlucken muss, wer zwangsernährt wird. Hungerstreiks sind an der Tagesordnung. Die Stimmung habe sich trotz Obama nicht gebessert, sagt Rechtsanwalt Smith. "Die Gefangenen haben schon so viele falsche Versprechen gehört." Um zu zeigen, was sich geändert hat, lädt Sergeant Emily Greene zur Fahrt nach Camp X-Ray ein. "Das Lager war ein Provisorium, nur vier Monate in Betrieb, von Januar bis April 2002", erklärt Greene und nähert sich einer Geisterkulisse.
Üppiges Tropengrün überwuchert die berüchtigten Gitterkäfige, die am Image Guantanamos haften wie Teer. In den schmalen Gängen dazwischen entstanden die Fotos, die das Militär damals selbst knipsen ließ, sei es aus Rache oder Siegerstolz: der bezwungene Feind, wie er gefesselt am Boden kniet. Heute steht dort kniehoch das Gras. Holz quillt, verzogene Türen knarren im Wind. Nichts darf verändert werden, jede Verhörbaracke, jede Zelle muss als potenzielles Beweismittel für einem eventuellen Prozess erhalten bleiben.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum