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Im Wald ausgesetzter Junge
"Wir sind zu weit gegangen"

Japan: Ausgesetzter Junge nach fast einer Woche im Wald aufgetaucht
Japan: Ausgesetzter Junge nach fast einer Woche im Wald aufgetaucht FOTO: ap
Tokio . Eine fragwürdige Erziehungsmaßnahme wurde zum Alptraum - auch für die Eltern: Zur Strafe setzten sie ihren siebenjährigen Sohn im Wald aus. Der verschwand spurlos - und tauchte erst Tage später wieder auf. Jetzt diskutiert das ganze Land über den Fall.

Erst nach sechs Tagen kam für die Eltern die erlösende Nachricht: Ihr Junge ist wieder aufgetaucht - ohne größere Schäden. Mit einer tiefen Verbeugung begrüßt Takayuki Tanooka die versammelte japanische Presse. Dann berichtet er von einer Erziehungsmaßnahme, die gründlich daneben ging - und nun das ganze Land schockiert. In seinen Gesichtsausdruck mischen sich Reue und Erleichterung. Sein siebenjähriger Sohn Yamato, den er und seine Frau vor gut einer Woche als Bestrafung fürs Steineschmeißen im Wald aussetzten, ist am Freitag nach sechs Tagen unversehrt wieder aufgetaucht.

Der Stein, der dem Vater vom Herzen fällt, ist gefühlt unendliche Male größer als diejenigen, die der Junge beim Spielen an einem Fluss auf andere Leute und Autos geworfen haben soll. "Ich habe wirklich nicht gedacht, dass es so weit kommen würde. Wir sind zu weit gegangen", sagt Tanooka vor dem Krankenhaus in Hakodate, in das sein Sohn gebracht wurde. Sie hätten nur das Beste für Yamato gewollt - und dann das. "Wir haben ihn die ganze Zeit mit aller Liebe erzogen."

"Eine gut gemeinte harmlose Disziplinarmaßnahme"

Auch die Entscheidung, Yamato als Strafe in einem als Bärengegend bekannten Wald auf der Hauptinsel Hokkaido auszusetzen, sei nur gut gemeint gewesen, versichert der Vater. Eine harmlose Disziplinarmaßnahme, mehr nicht. Nach wenigen Minuten schon waren die Eltern an den Ort zurückgekehrt, an dem sie ihren Sohn ausgesetzt hatten. Doch der Siebenjährige war verschwunden - der Alptraum eines jeden Vaters und einer jeden Mutter.

Am Freitagmorgen wurde der Siebenjährige schließlich auf einem Militärübungsplatz in Shikabe wiedergefunden, fünf Kilometer von dem Ort entfernt, an dem er verschwunden war. Sein Name sei Yamato Tanooka, habe er gesagt, als ihn ein Soldat beim Aufsperren einer Baracke entdeckt habe, teilt die Polizei mit. Ein Soldat zeigt in dem Gebäude die Matratze, auf der es sich der Junge gemütlich gemacht hatte. Allen Beteiligten - darunter mehr als 180 Polizisten und Soldaten, die das Gebiet in den vergangenen Tagen durchkämmt haben - steht die Erleichterung ins Gesicht geschrieben.

Nach seiner Entdeckung erzählte der Junge der Polizei, er habe einige Tage auf dem Militärübungsplatz verbracht, nachdem er allein durch den Wald geirrt sei, wie die Nachrichtenagentur Kyodo meldet. Im Krankenhaus kam er mittlerweile an einen Tropf, die Ärzte kümmern sich nun um seine Dehydrierung. Bis auf ein paar Kratzer an den Armen und Beinen ist er aber völlig unverletzt.

Der Fall löste in Japan eine Debatte über elterliche Erziehungsmaßnahmen aus. In die Stoßgebete für das Wohl des Jungen mischten sich bittere Vorwürfe gegen die Eltern. Die Japaner sind gespalten: Ging die Lektion der Eltern in Ordnung oder war es Kindesmissbrauch?

Japanische Eltern haben den Ruf, Kinder zu verwöhnen und nicht streng genug zu sein. Allerdings werden Kinder häufig fast wie eine Art Eigentum der Familie angesehen. Vernachlässigung und Missbrauch kommen in Wirklichkeit deutlich häufiger vor als Verhätschelung.

Welche Erziehung Yamato Tanooka in Zukunft erleben wird, muss sich erst noch zeigen. Im Wald ausgesetzt wird er definitiv nie wieder. Sein Vater Takayuki hält Tränen zurück, als er vom Wiedersehen mit seinem Sohn spricht. "Ich habe ihm gesagt, dass es mir so sehr leidtut, ihm so viel Schmerz zugefügt zu haben."

(felt/ap)
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