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Scharfe Kritik an Amnesty International
Warum Menschenrechtler über Prostitution streiten

Rotlicht-Report 2013 in NRW: Die Fakten
Rotlicht-Report 2013 in NRW: Die Fakten FOTO: dapd, dapd
Dublin. Schon im Vorfeld hatte der nun gefällte Beschluss für Kritik gesorgt: Amnesty International setzt sich künftig für die Entkriminalisierung von Prostitution ein. Das schließt auch Kunden und Bordelle ein. Wie die Menschenrechtsorganisation das begründet, haben wir zusammengefasst. Von Dana Schülbe

"Prostitution ist kein Menschenrecht, aber Prostituierte haben Menschenrechte" – mit diesen Worten wehrt sich Gauri Van Gulik von Amnesty International in einem Video, das die Menschenrechtsorganisation veröffentlichte, gegen Kritik am Beschluss, sich für die Entkriminalisierung von Prostitution weltweit einzusetzen. Beim Treffen des Internationalen Rates der Menschenrechtsorganisation in Dublin hatte eine Mehrheit der 400 Delegierten aus 70 Ländern für diese Position gestimmt. 

Die Entscheidung war schon im Vorfeld massiv kritisiert worden. Frauenrechtsgruppen, Ärzte sowie Prominente wie Meryl Streep, Kate Winslet und Emma Thompson hatten einen offenen Brief unterzeichnet, in dem davor gewarnt wurde, der Name von Amnesty werde "ernstlich beschmutzt", wenn man einen solchen Beschluss fasse. Die Organisation würde an Glaubwürdigkeit verlieren. Eine entsprechende Online-Petition wurde von mehr als 8500 Menschen unterzeichnet

Die Kritik bezieht sich dabei vor allem darauf, dass die Menschenrechtsorganisation auch die Entkriminalisierung von Bordellen und Kunden befürwortet. Zwar stimme man zu, dass Prostituierte nicht kriminalisiert werden sollten, doch was die Organisation vorschlage, sei "eine Verletzung der lange etablierten Menschenrechte", heißt es in der Petition. Amnesty International wehrt sich gegen diese Kritik – unter anderem in dem Video, das am Dienstag veröffentlicht wurde.

Der offene Brief, sagt Van Gulik darin, habe die Organisation überrascht. Sie betont immer wieder, dass es Amnesty um die Menschenrechte der Sexarbeiter selbst gehe. So sagt Van Gulik, dass man sich auch für die Entkriminalisierung der Kunden einsetze, weil ihnen Prostituierte berichtet hätten, sie würden – um den Kunden zu schützen – etwa zu ihm nach Hause gehen oder an andere Orte, wo sie sich weniger sicher fühlten. 

Auf ihrer Webseite erklärt Amnesty International ebenfalls sehr ausführlich, warum man diesen Beschluss getroffen habe. So heißt es auch dort, dass Prostituierte "eine der am meisten vernachlässigten Gruppen in der Welt" seien. In vielen Ländern seien sie dem Risiko von Missbrauch ausgesetzt, dazu zählten Vergewaltigung, Gewalt, Menschenhandel oder Erpressung. Auch würden Sexarbeiter in der Regel vom Gesundheitswesen eines Staates ausgeschlossen. Genau das wolle man ändern.

Die Organisation unterscheidet bezüglich ihres Beschlusses genau zwischen Entkriminalisierung und Legalisierung von Prostitution. Man rufe nicht zur Legalisierung auf, weil dann ein Staat spezielle Gesetze machen würde, um die Arbeit formal zu regeln. Doch genau dadurch könnten Sexarbeiter weiterhin diskriminiert werden. Würde Prostitution allerdings entkriminalisiert, müssten die Betroffenen nicht mehr außerhalb des Gesetzes agieren und könnten Schutz durch die Polizei statt Diskriminierung erwarten.

Amnesty begründet zudem ausführlich, warum man die Entkriminalisierung von Bordellen und Kunden mit einschließe. So heißt es auf der Webseite, dass in vielen Ländern bereits zwei Prostituierte, die zusammenarbeiten würden, um sich besser zu schützen, als Bordell betrachtet würden. Die Organisation aber wolle, dass man sich wieder auf die Bekämpfung des Menschenhandels an sich konzentriere. Und eine Kriminalisierung der Kunden führe, wie es schon Van Gulik in dem Video sagt, dazu, dass sich Prostituierte teilweise an Orte begeben würden, an denen sie sich weniger sicher fühlten. "In unserer Strategie geht es nicht um die Rechte von Kunden – sie konzentriert sich vollkommen darauf, Prostituierte zu beschützen", heißt es von der Organisation.

Die Menschenrechtsorganisation betont, dass man – anders als es ihnen die Kritiker vorwerfen – mit diesem Beschluss keine Zuhälter beschützen wolle. "Dritte Parteien, die Sexarbeiter ausnutzen oder missbrauchen, sollen weiterhin kriminalisiert werden unter dem Modell, das wir vorschlagen", heißt es auf der Webseite. 

Doch die Kritiker halten dagegen: "Es gibt keine Logik in der Annahme, dass man zum Schutz der Ausgebeuteten die Ausbeuter entkriminalisieren muss", sagte die Chefin des Bündnisses Koalition gegen Frauenhandel, Taina Bien Aime, der Nachrichtenagentur AFP.

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