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Enzyklika des Papstes
"Erdenbewohner verhalten sich selbstmörderisch"

Die wichtigsten Zitate aus der Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus
Die wichtigsten Zitate aus der Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus
Rom. In seiner ersten eigenen Enzyklika hat Papst Franziskus die Verschmutzung der Umwelt und den Lebensstil vieler Menschen angeprangert. Von Lothar Schröder

Sie beginnt wie eine frohe Botschaft zum Mitsingen. Doch mit "Laudato si" stimmt Papst Franzisksus zu Beginn seiner ersten eigenen Enzyklika keine eingängige Taizé-Melodie an, sondern liest der postmodernen Welt die Leviten. Er tut dies mit Rückendeckung seines Namenspatrons – Franz von Assisi –, in dessen Sonnengesang "Laudato si" die Schöpfung verwandtschaftlich nah gepriesen wird: mit Bruder Sonne und den Schwestern Mond und Wasser. Die Erbauung des heiligen Franz kann Papst Franziskus heute nicht mehr teilen. Die von Gott geschaffene Welt ist mehr oder weniger zur Müllkippe geworden, so der Papst, und wird sich, sollten sich die Menschen nicht schleunigst zur Umkehr aufmachen, über kurz oder lang selbst abschaffen.

Als Umwelt-Enzyklika ist sie angekündigt worden, und in weiten Teilen liest sie sich auch so. Papst Franziskus ließ sich weit im Vorfeld von Klimaexperten beraten, lauschte den Berichten seiner Mitbrüder. Einer von ihnen war der Amazonas-Bischof Erwin Kräutler, der die Abholzung des Regenwaldes seit langem anprangert und bereits vor über einem Jahr mit dem Papst über die geplante Öko-Enzyklika sprach.

Doch die Auflistung all der Umweltschäden ist der schwächste Teil der 222-seitigen Schrift. Vielleicht auch deshalb, weil wir von der Ausbeutung der Ressourcen, der Verschmutzung der Meere, der Verunreinigung des Trinkwassers und der Luft sowie von unserem maßlosen Energieverbrauch schon zu oft gehört haben. Erwartbar trafen darum gestern auch die positiven Reaktionen etwa vom Club of Rome und Greenpeace ein. Eine Enzyklika, die sich nur darauf beschränkte, wäre kaum der Rede wert.

Der 78-jährige Argentinier aber fasst die Ökologie viel weiter und nennt sie immer wieder "ganzheitlich". Und das ist mehr als eine Worthülse. Denn Franziskus geht es nicht allein darum, für neue Solartechnik zu werben und andere Raffinessen der ökologischen Schadensbegrenzung zu preisen. Er spürt den Wurzeln nach und gelangt zum Leit- und Weltbild des modernen Menschen. Der ist nach den Worten des Papstes berauscht von scheinbar grenzenloser Freiheit, grenzenlosem Konsum und einer grenzenlosen Kommunikation, die immer mehr aus "bloßer Anhäufung von Daten" zu bestehen scheint und die für ihn eine Form "geistiger Umweltverschmutzung" ist.

"Nie hatte die Menschheit so viel Macht über sich selbst, und nichts kann garantieren, dass sie diese gut gebrauchen wird", schreibt Franziskus. Und ein paar Seiten später: "Der Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und der Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil, da er unhaltbar ist, nur in Katastrophen enden kann." Das Verhalten der Erdenbewohner ist darum für den Pontifex kollektiv "egoistisch" und zutiefst "individualistisch", es ist "maßlos" und als Folge davon "selbstmörderisch".

Mit dieser Diagnose unserer Zeit, genauer: unserer "konsumistischen" Haltung und des Zeitgeistes verwandelt sich die Öko-Enzyklika zur Sozial-Enzyklika. Denn der Raubbau an den Ressourcen der Welt und ihre Verschwendung ist ein Privileg der reichen Länder auf Kosten der armen. Darüber hinaus haben die Schwächsten der Erde stärker unter dem Klimawandel zu leiden als andere. Die so oft zitierte postmoderne Welt ist unsere westliche Welt, die unter der "absoluten Herrschaft der Finanzen" steht. Wirtschaftswachstum ist zum Automatismus geworden, der gar nicht mehr hinterfragt wird und Grundlage unseres Zusammenlebens ist.

Wer so tief gräbt, gelangt zu Lösungsvorschlägen, die erstens nicht einfach und zweitens langwierig sind – und mit deren Umsetzung einzelne Institutionen überfordert sein müssen. Zumal auch die Macht von Nationalstaaten nach der Einschätzung von Franziskus zunehmend schwindet. Um all die Probleme effektiv angehen zu können, sympathisiert der Papst mit einer "politischen Weltautorität", die wirkkräftig und zudem mit der Macht ausgestattet ist, Sanktionen zu verhängen.

Aber natürlich zeichnet auch die christliche Botschaft einen Weg vor. So fordert der Papst als radikalen Gegenentwurf ein Leben in Einfachheit, in Demut und Beschränkung. Ihm geht es um eine neue Achtsamkeit gegenüber der Schöpfung – als eine Art Gegengift "für den Verlust jenes Verantwortungsgefühls für unsere Mitmenschen, auf das sich jede zivile Gesellschaft gründet".

"Der Reiche und der Arme besitzen die gleiche Würde", schreibt Franziskus, denn der Herr habe sie alle erschaffen. Die Öko-Enzyklika ist auch eine Glaubens-Enzyklika und im Geiste Franz von Assisis eine Hoffnungs-Enzyklika.

Quelle: RP
 
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