| 19.20 Uhr

Russische Ermittler
"Flug 9268 brach in der Luft auseinander"

Russische Maschine stürzt über dem Sinai ab - 224 Tote
Russische Maschine stürzt über dem Sinai ab - 224 Tote FOTO: afp, KD/EIS
Moskau . Die über der Sinai-Halbinsel in Ägypten abgestürzte russische Chartermaschine ist nach Einschätzung zweier russischer Luftfahrtexperten bereits in der Luft auseinandergebrochen.

Dafür spreche der große Radius, in dem die Trümmer auf dem Boden verstreut seien, sagte der Chef der russischen Luftfahrtbehörde, Alexander Neradko, am Sonntag. Ein schnelles Absacken aus hoher Höhe könnte darauf hindeuten, dass im Gepäckraum der Maschine eine Bombe explodiert sei, meinte Alexander Fridljand.

Eine weitere Möglichkeit sei, dass das gesamte Energiesystem des Airbus 321-200 gestört gewesen sei und dadurch ein Feuer an Bord oder den Ausfall von beiden Motoren verursacht habe, sagte Fridljand, der ein Forschungszentrum für Luftfahrt in Moskau leitet.

Bei dem Absturz der Maschine der russischen Gesellschaft Metrojet kamen am Samstagmorgen alle 224 Insassen ums Leben. Der Jet war im Badeort Scharm el Scheich im Süden der Sinai-Halbinsel mit Ziel St.
Petersburg gestartet, die Trümmer fanden sich in einer Konfliktregion im Norden des Sinai rund 70 Kilometer südlich der Stadt Al-Arisch.

Das Absturzgebiet ist etwa 16 Quadratkilometer groß. Dort sind islamistische Extremisten aktiv. Ein lokaler Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat hatte behauptet, das Flugzeug abgeschossen zu haben. Ägyptische Behördenmitarbeiter hatten zunächst einen technischen Defekt angenommen.

Neradko äußerte sich nicht zur möglichen Absturzursache und verwies auf die laufenden Ermittlungen. Er ist derzeit in Ägypten und inspiziert das Absturzgebiet.

Der russische Verkehrsminister Maxim Sokolow sagte, es sei noch unklar, wo die beiden Datenrekorder der Maschine ausgewertet werden sollen. Der Flugdatenschreiber und der Stimmenrekorder waren an der Absturzstelle im Norden des Sinai-Halbinsel gefunden worden.

Die Ermittler prüfen verschiedene Szenarien, die von einem Terroranschlag bis hin zu menschlichen Versagen reichen. Was gilt als wahrscheinlich und was schließen Experten eher aus? Ein Überblick:

ABSCHUSS DURCH DEN IS:

Zwar bekannte sich der ägyptische Ableger der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) dazu, die Maschine mit 224 Menschen an Bord zum Absturz gebracht zu haben, Experten bezweifeln dies aber. Demnach verfügt die Gruppe nicht über die Möglichkeiten, ein Flugzeug in 9000 Metern Höhe abzuschießen. Dazu fehlten dem IS auf dem Sinai sowohl die Ausrüstung als auch die Expertise, sind sich der ehemalige Direktor des französischen Museums für Luft- und Raumfahrt, Gérard Feldzer, und der frühere Chef der französischen Luftfahrtermittlungsbehörde BEA, Jean-Paul Troadec, einig.

Die Theorie, dass der Urlaubsflieger auf seinem Weg vom Badeort Scharm el Scheich nach St. Petersburg dagegen in niedrigerer Höhe von einer Rakete getroffen wurde, halten die Experten für denkbar. Einem Militärexperten zufolge könnte die Maschine aus technischen Gründen in den Sinkflug gegangen sein. In niedrigerer Höhe hätten die Aufständischen das Flugzeug mit den ihnen verfügbaren Raketen abschießen können. Allerdings halten die Experten auch das für eher unwahrscheinlich, da dazu noch immer viel Vorbereitung notwendig gewesen wäre.

TERRORANSCHLAG:

Luftfahrtexperten zufolge kann ein Anschlag, etwa durch eine Bombe an Bord, nicht ausgeschlossen werden. Sollte eine Bombe in rund 10.000 Metern Höhe an Bord explodiert sein, wäre das Flugzeug wegen des Drucks Militärexperten zufolge aber in der Luft komplett zerstört worden. Es könnte aber "weiter unten etwas passiert sein", möglicherweise habe jemand an Bord den Piloten gezwungen, in den Sinkflug zu gehen. Dann könnte es eine Explosion gegeben haben. Anderen Experten zufolge sind überdies die Gepäckkontrollen an ägyptischen Flughäfen eher lax.

Ein ranghoher russischer Ermittler erklärte inzwischen, dass das Flugzeug bereits in der Luft auseinanderbrach. Daher lagen die Trümmerteile weit verstreut. Diese Tatsache kann sowohl für die Theorie eines Anschlags als auch eines technischen Defekts an Bord sprechen, wobei es den Experten zufolge äußerst selten ist, dass ein technisches Problem zu einer Explosion des Flugzeugs in der Luft führt.

TECHNISCHES PROBLEM:

Ein Vertreter der ägyptischen Flugaufsicht hatte angegeben, der Pilot habe zuletzt einen Ausfall des Kommunikationssystems gemeldet. Er soll sich den Experten zufolge also eines Problems bewusst gewesen sein.

Russische Airlines standen lange im Ruf, mit veralteten oder schlecht gewarteten Maschinen zu fliegen. In den vergangenen Jahren investierten die großen Fluggesellschaften jedoch in ihre Flotte. Die kleinen Airlines, welche Ferienziele anfliegen, setzen dagegen nach wie vor deutlich ältere Maschinen ein. Diese werden vor allem von ärmeren Russen genutzt.

Die russische Luftfahrtbehörde Rosawjazija erklärte indes, es gebe "keinen Grund davon auszugehen, dass die Ursache des Desasters ein technisches Problem oder ein Fehler der Crew war". Die betroffene russische Fluggesellschaft Kogalimawija, die unter dem Namen Metrojet fliegt, erklärte, die Maschine sei im vergangenen Jahr Sicherheitsprüfungen unterzogen worden.

MENSCHLICHES VERSAGEN:

Metrojet zufolge hatte der Pilot Waleri Nemow 12.000 Flugstunden absolviert, davon 3860 mit einem Airbus A321 wie der Unglücksmaschine. Die Wetterbedingungen zum Zeitpunkt des Absturzes waren zudem gut.

(felt/dpa/AFP)
 
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