Nach Entlassung des Chefermittlers: Fall Madeleine "in der Sackgasse"
zuletzt aktualisiert: 03.10.2007 - 14:55Lissabon (RPO). Fünf Monate nach dem mysteriösen Verschwinden des kleinen britischen Mädchens Madeleine McCann in Portugal scheint eine Aufklärung des Falls immer unwahrscheinlicher. Nach Kritik an seinen britischen Kollegen wurde am Dienstag Chefermittler Gonçalo Amaral entlassen.
Er hatte zuvor der britischen Polizei öffentlich vorgeworfen, für Maddies Eltern Kate und Gerry McCann Partei zu ergreifen und sich von ihnen in die Irre führen zu lassen. Amaral steht hinter der Entscheidung, die McCanns offiziell als Verdächtige einzustufen. Portugiesische Medien gaben am Mittwoch der britischen Presse die Schuld an Amarals Entlassung.
"Der Inspektor tritt ab, die Ermittlungen geraten immer tiefer in die Sackgasse", kommentierte die portugiesische Zeitung "Diario de Noticias" am Mittwoch den spektakulären Rausschmiss des Chefermittlers.
Legten Eltern falsche Spuren?
Sie erinnerte daran, wie Amaral seit Beginn der Ermittlungen in der britischen Presse verunglimpft worden sei: Abwechselnd sei der Vater dreier Töchter als faul, "ungepflegt" oder dem Alkohol zugeneigt bezeichnet worden. Das Privatleben des 48-Jährigen sei "ausgebreitet, beschmutzt, in Verruf gebracht und überwacht" worden, sagte Paulo Cristovao, ehemaliger Ermittler in Portimao, dem "Diario". Tags zuvor hatte Amaral in einem "Diario"-Interview der britischen Polizei vorgeworfen, wiederholt von den McCanns gelegte Spuren verfolgt zu haben, obwohl diese selbst als tatverdächtig gelten müssten. Kurz darauf wurde er entlassen.
Amaral galt als der vehementeste Verfechter der These, dass die McCanns versehentlich Maddies Tod verursacht und ihre Leiche dann beseitigt haben könnten. Er war davon überzeugt, dass "90 Prozent der Verbrechen an Minderjährigen von ihrer engsten Umgebung begangen werden".
Unter Hinweis auf die laufenden Ermittlungen hat die Polizei allerdings bis heute keinen Beweis für diese These vorgelegt - weder wurde der DNA-Befund über gefundene Spuren bekanntgegeben, noch die Ergebnisse anderer Suchaktionen. In seiner vorläufig letzten Erklärung versicherte Staatsanwalt Luis Bilro Verao am 19. September, die Polizei ermittle weiterhin in alle Richtungen, es gebe "keine neuen Elemente".
Spekulationen um zweistündiges Zeitfenster
Angesichts des offiziellen Schweigens stürzen sich die britischen und portugiesischen Zeitungen auf alle Informationen, die von den McCanns und ihren Freunden oder von anonymen Polizeiquellen gestreut werden. So soll es den McCanns nach Informationen der portugiesischen Presse Anfang August bei einer Reise ins südspanische Huelva gelungen sein, zwei Stunden lang der Aufmerksamkeit der Journalisten zu entkommen. Bei dieser Gelegenheit könnten sie, so die Spekulation, Maddies Leiche "beseitigt" haben. Laut "Correio da Manha" reisten mehrere Polizisten nach Huelva, "um nach Maddie zu suchen" - eine Information, die umgehend dementiert wurde: In Wirklichkeit hätten die Beamten an einer Feier zu Ehren ihres Schutzpatrons teilgenommen.
Der Sprecher der McCanns, Clarence Mitchell, zeigte sich indirekt zufrieden über Amarals Entlassung. Dessen Nachfolger solle sich von nun an wieder auf die Suche nach Maddie konzentrieren, sagte Mitchell am Mittwoch. "Es ist wirklich an der Zeit, mit den abwegigen Vermutungen aufzuhören". Offenbar unzufrieden mit der Arbeit der portugiesischen Ermittler hatten die McCanns bereits im Mai Privatdetektive angeheuert, um nach Maddie zu suchen.
Doch auch diese fanden bisher keine heiße Spur. Madeleine war Anfang Mai kurz vor ihrem vierten Geburtstag aus einer Ferienanlage im portugiesischen Praia de Luz verschwunden. Die McCanns zeigen sich bis heute davon überzeugt, dass sie entführt wurde. Dagegen gehen die portugiesischen Ermittler inzwischen vom Tod des Mädchens aus.
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