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Auf der Flucht
Angst vor dem kalten Tod

Flüchtlinge: Angst vor dem kalten Tod
Ein junger Flüchtling hat sich an der Grenze zu Österreich in eine Decke eingehüllt. FOTO: dpa, ase
Bapska. Die Syrer haben die Hoffnung auf Frieden verloren. Der Flüchtlingsstrom wird größer. Experten glauben, dass der Winter die Situation noch verschärfen wird. Die EU ist gefordert, bevor die Kälte für viele Menschen den sicheren Tod bedeutet. Von Kilian Treß

Dauerregen prasselt auf die Äcker, Windböen pflügen unentwegt über das Land. Zigtausende Flüchtlinge, die täglich zwischen Mazedonien und Slowenien nach Norden strömen, sind diesen widrigen Bedingungen seit Tagen ausgesetzt. Schutzlos. Ein kaltnasser Herbst ist eingezogen, ein harter Winter steht vor der Tür. "Es ist eisig, die Flüchtlinge frieren. Sie sind nicht auf das kalte europäische Wetter eingestellt", sagt Iris Manner, Sprecherin der Hilfsorganisation World Vision.

Die Wege sind völlig aufgeweicht, knietief versinken die Flüchtlinge im Matsch. Ihre Kleidung ist zu dünn, oft zerrissen und völlig durchnässt, einige der Kinder haben nicht einmal Schuhe an den Füßen. "Viele sind stark erkrankt", erklärt Manner. Wenn sich bis zum Winter nichts ändere, "werden wir es mit Schwerkranken und vielen Todesfällen zu tun haben", befürchtet Karl Kopp, Europareferent bei Pro Asyl. Die Lage ist ernst, und der nahende Winter verschärft die Situation von Tag zu Tag. Bald sind die ersten Nächte mit Frost auf dem Balkan zu erwarten. Wie immer um diese Zeit. "Das ist ein Tod mit Ansage", sagt Kopp.

Bapska im Südosten Kroatiens ist ein 1500-Seelen-Ort an der serbisch-kroatischen Grenze. Bis vor einem Monat war der Ort ein unbekanntes Fleckchen Erde auf dem Balkan. Seit der Grenzschließung zwischen Ungarn und Serbien ist Bapska für fast alle Flüchtlinge auf der Balkanroute ein wichtiges Etappenziel auf dem Weg nach Deutschland. Monatlich werden es mehr. Die sinkenden Temperaturen halten sie nicht ab.

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40.487 Flüchtlinge haben allein im September ihren Asyl-Erstantrag in Deutschland gestellt. Ein Plus von 18,3 Prozent gegenüber dem Vormonat August. Und im Oktober, für den noch keine Daten vorliegen, dürfte die Zahl der Anträge noch stärker gestiegen sein. Das Bundesinnenministerium schrieb noch vor Kurzem: "Der Blick in die vergangenen Jahre zeigt, dass die Zahlen normalerweise am Ende des Jahres sinken." Andere Institutionen sehen indes keinen sich abschwächenden Flüchtlingsstrom.

Sogar die nachgeordnete Behörde widerspricht. "Aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre lässt sich sagen, dass die Zahlen der Asylanträge in der zweiten Jahreshälfte meist deutlich über denen der ersten Jahreshälfte liegen", sagt eine Sprecherin des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge .

Diese Einschätzung des Bundesamts bestätigen die Berichte der Hilfsorganisationen, die entlang des Flüchtlingsstroms auf dem Balkan aktiv sind. Es würden immer mehr Menschen. "Im September haben täglich etwa 3000 Flüchtlinge die Grenze Kroatiens passiert", beobachtete World Vision vor Ort. Seit zwei Wochen wachse der Strom stetig. "Erst waren es 3500, einen Tag später 4000, dann weit über 5000 Menschen pro Tag", berichtet Manner. Am vergangenen Donnerstag wurde die Rekordzahl von 12.500 Flüchtlingen erreicht, die bis nach Slowenien weiterzogen.

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Die Grenzübergänge sind überfüllt. Immer wieder wird die Aufnahme wegen der Massen für Stunden gestoppt, auf der serbischen Seite stauen sich dann bereits wieder Tausende Menschen. "Wir versorgen sie mit Wolldecken, damit sie nicht in ihrer nassen Kleidung frieren", sagt Iris Manner von World Vision. Täglich kaufen die Helfer den Bestand in der Region vollständig auf. Doch selbst dann reichen die etwa 600 Decken täglich nicht für alle. "Sie brauchen Winterkleidung, die haben sie nicht", sagt Manner.

Dasselbe Bild zeige sich auch an den Grenzen zwischen Griechenland und Mazedonien sowie zwischen Mazedonien und Serbien. Etwa in Presevo, einer zentralen Registrierungsstelle für Flüchtlinge. "Es gibt seit Tagen eine klassische Nadelöhr-Situation: Bis zu 10.000 Menschen kommen täglich hier an, um dann mitunter tagelang in Warteschlangen zu verbringen. Die ziehen ziellos durch die Stadt. Die Menschen sind schutzlos dem andauernden Regen und der Kälte ausgesetzt, und obendrein mit Lebensmitteln unterversorgt", schildert die Humedica-Einsatzkoordinatorin Victoria Happe-Wenz die Lage.

Die Situation werde von Tag zu Tag dramatischer, sagt auch Katharina Ebel. Sie ist für die SOS-Kinderdörfer zwischen dem Nahen Osten und Kroatien unterwegs, um mit Flüchtlingen aus dem syrischen Bürgerkrieg in Kontakt zu treten. "Aktuell beobachten wir, dass die Zahl der Frauen und Kinder, die vor allem aus den Camps in der Türkei und im Libanon kommen, stark zunimmt", sagt Ebel. "Sie haben die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges in Syrien verloren und wollen nur eins: Sicherheit und eine Zukunft für ihre Kinder."

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Der Winter in Europa, so sehen es die meisten Helfer vor Ort, wird sie von der Flucht nicht abhalten. Denn auch in Syrien wird es allmählich empfindlich kalt. Genauso wie im Libanon und im Südosten der Türkei. Zudem gibt es in den dortigen Flüchtlingslagern kaum Möglichkeiten, die Zelte zu heizen. Es bleibt ihnen oft nur das Feuerholz: Aber offenes Feuer ist brandgefährlich. "Wenn ein Zelt Feuer fängt, brennen viele", sagt Sylvia Holten von Word Vision. Junge Menschen sehen als Perspektive nur noch die Flucht nach Europa und dort vor allem nach Deutschland. In den Lagern würden schon jetzt Nahrungsmittel streng nach Kalorienzahl verteilt, weiß auch Pro-Asyl-Referent Kopp.

Als härteste Fluchtetappe gilt die Strecke durch Mazedonien und Serbien. "Zwischen Dezember und März ist mit starkem Schneefall zu rechnen", wissen die Meteorologen des Wetterdienstes Meteogroup aus Erfahrung. Nachtfrost bis zu minus sechs Grad ist keine Seltenheit. "Wir erwarten jetzt konzertierte Maßnahmen Europas. Das heißt: den Zivilschutzfall ausrufen, für Nahrung sowie für Kleidung und Schlafplätze sorgen und legale Wege für die Flüchtlinge eröffnen", sagt Kopp mit Blick auf den morgigen EU-Gipfel. Sonst droht eine humanitäre Katastrophe auf dem Balkan.

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Quelle: RP
 
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