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Flüchtlinge
Kein Ende des Flüchtlingsdramas in der Ägäis

Fotos: So leben die Flüchtlinge auf Kos
Fotos: So leben die Flüchtlinge auf Kos FOTO: Leslie Brook
Athen. Viele Flüchtlinge ertrinken auf ihrer gefährlichen Reise über das Mittelmeer. Wer es bis auf die griechischen Inseln schafft, ist erleichtert: Endlich in Europa! Doch die Odyssee ist damit lange noch nicht zu Ende.

"In der Ägäis sterben Menschen. Und viele Kinder. Mehr als man annimmt", sagt ein Offizier der griechischen Küstenwache von der Insel Chios. Bilder wie das von dem ertrunkenen Jungen am Strand von Bodrum in der Türkei hat der Offizier in den vergangenen Jahren mehrfach gesehen. Die Tragödie werde weitergehen, "wenn wir nicht jetzt sofort umdenken", sagt er.

Die explosive Lage hat die EU erkannt. Hochrangige EU-Vertreter wie der Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans und der Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos reisten am Freitag zur Insel Kos. Sie kündigten an, dass die Inseln der Ostägäis - auf denen seit Wochen Tausende Migranten ausharren - entlastet werden sollen. In der nahe Athen gelegenen Hafenstadt Piräus soll ein sogenanntes Hotspot-Zentrum für Flüchtlinge eröffnet werden. Dort sollen Flüchtlinge registriert werden, um festzustellen, wer das Recht auf Asyl hat und wer nicht. Im dem Zentrum würden neben griechischen Beamten auch solche aus anderen EU-Staaten arbeiten, hieß es.

Flüchtlinge im Hotel "Captain Elias" auf Kos FOTO: dpa, ase

Avramopoulos machte keinen Hehl daraus: Die Flüchtlingskrise werde nicht über Nacht enden, sagte er. "Es ist kein ungarisches, deutsches oder griechisches Problem. Wir brauchen Kooperation in der EU." Die beiden hochrangigen EU-Vertreter wurden von rund 30 rechtsextremistisch gesinnten Bürgern mit Parolen wie "Verräter! Raus Verräter! Ihr habt unsere Insel zerstört" empfangen. Avramopoulos reagierte gelassen. In Europa gebe es "keinen Raum für Fremdenfeindlichkeit", sagte er.

Kommt der Besuch der EU-Vertreter zu spät? Als es sich noch um ein paar Hundert Migranten gehandelt habe, habe man sich in Brüssel und den Hauptstädten der großen europäischen Länder nicht ernsthaft um das Problem gekümmert, sagt der 34-jährige Offizier der Küstenwache, der anonym bleiben will. Mit der Ankunft Tausender Flüchtlinge hätten die Verantwortlichen dort nun selbst das Problem. "Jetzt müssen sie handeln, und jetzt kommen sie an", sagt er mit Blick auf den Besuch der EU-Vertreter am Freitag.

Die Lage auf den Inseln der Ostägäis ist kritisch. Nicht nur für die Flüchtlinge - auch für die Einwohner. "10.000 Liter Exkremente gibt es täglich im Hafen von Mytilini", sagt Spyros Galinos, Bürgermeister des zentralen Ortes auf der Insel Lesbos. Tausende Asylsuchende warten im Freien auf eine Fähre, die sie zum Festland bringt. Fast täglich werden rund 2500 von ihnen abgeholt. Gleichzeitig kommen aber Tausende neue Migranten an.

Flüchtlinge lassen sich auf Fähre in Kos registrieren FOTO: ap

Lesbos: Polizei setzt Tränengas ein

Am Freitag kam es auf der Insel Lesbos zu Zusammenstößen zwischen Migranten und der Polizei. Die Beamten setzten Tränengas ein, als rund 1000 überwiegend aus Afghanistan stammende Flüchtlinge versuchten, mit Gewalt auf eine Fähre zu kommen, die nach Piräus fahren sollte.

Die Küstenwache sieht sich mittlerweile in der Rolle des "Verkehrspolizisten" für die Flüchtlinge und ihre Schleuser. Die Migrationswelle abwenden kann sie nicht, wie einige Politiker leichtfertig fordern. Wie könne man Frauen mit Kindern davon abhalten, nach Europa zu kommen, fragen viele Beamte der Küstenwache und der Polizei. "Wir sind mittlerweile quasi zu Helfern der Schleuser geworden", sagt der Offizier der Küstenwache aus Chios.

Flüchtlinge auf der griechischen Urlaubsinsel Kos FOTO: ap

Die Schlepper würden bereits die Migranten anweisen, das erste Schiff der Küstenwache anzusteuern, erzählt Saadi, ein Flüchtling aus Syrien. "Die werden euch aufnehmen", sei die Ansage der Schlepper.
Saadi hat es bereits sicher bis nach Athen geschafft.

Auch auf Kos, Samos, Leros und anderen kleineren Inseln ist die Lage dramatisch. Die Gemeinden und Verwaltungen sind überfordert. Nach EU-Verordnung und griechischem Gesetz darf man Flüchtlinge offiziell erst versorgen, wenn sie registriert sind. Wer etwa einen nicht-registrierten Migranten in seinem Wagen mitnimmt, um ihn in ein Aufnahmelager zu bringen, könnte sich als Schleuser strafbar machen.

Doch viele Organisationen - etwa die lokale humanitäre Organisation der Insel Lesbos, "Angalia" - versuchen notdürftig, den Flüchtlingen zu helfen. Migranten, die auf Lesbos 50 Kilometer laufen müssen, um den Hafen zu erreichen, versorgt "Angalia" mit Wasser, Essen und einem Schlafplatz. Hilfe dieser Art ist nicht verboten.

Der Bürgermeister der Ferieninsel Kos, Giorgos Kyritsis, warnte angesichts der unhaltbaren Zustände gar vor "einem Blutvergießen". Die desolate wirtschaftliche Lage in Griechenland erschwert die Situation zusätzlich. Auf der Insel mit rund 86.000 Einwohnern sind nach Angaben des Bürgermeisters in den vergangenen Wochen 85.000 Migranten angekommen. "Das ist so, als würden in München binnen wenigen Wochen 1,4 Millionen Flüchtlinge ankommen", sagt Minos Kirhatzoglou, ein Restaurantinhaber in der Hafenstadt Mytilini auf Lesbos.

Neben den Schleusern machen auch viele andere mit den Flüchtlingen ein gutes Geschäft. Die Fahrt mit der Fähre von Kos in das nahe Athen gelegene Piräus kostet 60 Euro, von Lesbos 45 Euro. Mit 35 Euro kommt man mit einem Bus von Athen nach Idomeni, dem Grenzübergang der Eisenbahn zu Mazedonien. Die bequemere Fahrt mit einem Taxi kostet laut einem Taxifahrer in Athen 500 Euro. Und wohin wollen die Flüchtlinge? "Oloi Germanía", sagt der Taxifahrer. "Alle wollen nach Deutschland."

(dpa)
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