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71 Tote in Österreich
Flüchtlingsdrama: Mehrere Verdächtige festgenommen

Österreich: Lkw mit toten Flüchtlingen entdeckt
Österreich: Lkw mit toten Flüchtlingen entdeckt FOTO: dpa
Eisenstadt. Bei dem Flüchtlingsdrama in Österreich sind nach offiziellen Angaben 71 Menschen ums Leben gekommen. 59 der in einem Lastwagen gefundenen Opfer seien Männer, acht Frauen und vier Kinder gewesen. Die Polizei hat in Ungarn drei mutmaßliche Schlepper festgenommen.

Das teilte der Polizeichef des Burgenlandes, Hans Peter Dokozil, am Freitag bei einer Pressekonferenz mit. Die Ermittler hätten bei der Bergung der Leichen auch ein syrisches Reisedokument gefunden und gingen daher davon aus, dass es sich bei den Flüchtlingen um Syrer handele. Nach Einschätzung der Polizei sind die Flüchtlinge vermutlich im Kühlraum des Schlepper-Lastwagens erstickt. Die Untersuchungen dazu seien aber noch im Gange. Experten gingen unter anderem der Frage nach, ob und wie viel Luft in den Laderaum des am Mittwoch an der Autobahn A4 rund 50 Kilometer südlich von Wien abgestellten Fahrzeugs gelangt war.

Drei mutmaßliche Schlepper gefasst

Die ungarische Polizei nahm mehrere Verdächtige fest, drei davon sollen im Zentrum der Ermittlungen stehen: der Eigentümer des Lastwagens sowie die beiden mutmaßlichen Fahrer. Nach bisherigen Erkenntnissen gehören sie zum Umfeld eines bulgarisch-ungarischen Schlepperrings. Nach den Drahtziehern wird weiter gesucht.

Von Albanien bis zum Südsudan: Ursachen der großen Flucht FOTO: ALESSANDRO BIANCHI

Ein ungarisches Gericht ordnete am Samstag Untersuchungshaft an. Die Schleuser sollten bis zu einer möglichen Anklageerhebung in Gewahrsam bleiben, maximal aber bis zum 29. September, sagte der Gerichtspräsident in Kecskemet, Ferenc Bicskei. Die Verdächtigen, drei Bulgaren im Alter von 29, 30 und 50 Jahren sowie ein 28-jähriger Afghane, bestritten die Vorwürfe und legten Einspruch gegen die Gerichtsentscheidung ein. Die Staatsanwaltschaft hingegen beharrte darauf, dass die Untersuchungshaft wegen der Schwere des Verbrechens und der hohen Fluchtgefahr gerechtfertigt sei.

Den Lastwagen hat nach Angaben des ungarischen Kanzleramtsministers Janos Lazar, ein rumänischer Staatsbürger in der südungarischen Stadt Kecskemet angemeldet. Das Fahrzeug war mit einem ungarischen Zollkennzeichen ausgestattet: ein solches können nur ausländische Staatsbürger beantragen, und es gilt nur einen Monat lang.

Die Laderaumwände des Lkw tragen das Logo und Aufschriften eines großen slowakischen Lebensmittelherstellers. Dieser hatte das Fahrzeug aber schon vor mehr als einem Jahr ausrangiert und verkauft.  Ungarische Medien fanden heraus, dass der Lastwagen seitdem mehrfach den Besitzer wechselte. Einer der letzten Eigentümer war offensichtlich eine ungarische Briefkasten-Firma mit Niederlassung an einer Budapester Sammeladresse. Das Unternehmen soll aber schon seit Monaten bankrott sein. Als letzter Eigentümer gilt ein ukrainischer Staatsbürger.

Brennpunkte: Die Flüchtlingsbrennpunkte Europas FOTO: dpa, kc jak

Grausamer Fund auf burgenländischer Autobahn

Der Kühl-Lastwagen war in einer Pannenbucht an einer Autobahn im Burgenland abgestellt und am Donnerstag dort entdeckt worden. Da viele der Leichen bereits stark verwest waren, war es schwierig, unmittelbar genauere Angaben zur Zahl der Toten machen. Der Lkw wurde in einer ehemaligen Veterinärgrenzdienststelle untersucht, in der es auch eine Kühlmöglichkeit gibt.

Mitarbeiter des Autobahn-Streckendienstes Asfinag hatten den 7,5 Tonnen schweren Lkw am Donnerstag im Autobahnabschnitt bei Parndorf (Bezirk Neusiedl am See) entdeckt. Aus dem Laderaum quoll laut offiziellen Angaben Verwesungsflüssigkeit. Für die weiteren Ermittlungen wurde bei der Polizei ein Krisenstab eingerichtet. Die Gerichtsmediziner würden in jedem einzelnen Fall die Todesursache klären, sagte Doskozil.

Flüchtlingsansturm in Mazedonien FOTO: ap

Österreich will gegen die Schlepper ankämpfen

"Diese Tragödie macht uns alle betroffen", betonte Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP). "Schlepper sind Kriminelle. Und wer jetzt noch immer meint, dass es sanftmütige Fluchthelfer sind, dem ist nicht zu helfen." Das Drama müsse ein "Signal an die europäische Ebene" sein, sagte sie. Es müssten an den EU-Grenzen endlich Außenstellen geschaffen werden, in denen Flüchtlinge sofort Schutz bekommen. Justizminister Wolfgang Brandstetter (ÖVP) sagte, die organisierte Schlepperei müsse europaweit konsequent bekämpft werden.

Im an Ungarn grenzenden Burgenland wurden allein in den vergangenen beiden Tagen Hunderte Flüchtlinge aufgegriffen, sagte Doskozil. In den kommenden Tagen sei wegen der nahenden Fertigstellung des ungarischen Grenzzauns zudem mit einer Verschärfung der Schlepperproblematik zu rechnen. Österreich verzeichnete zuletzt stark gestiegene Flüchtlingszahlen. Viele von ihnen durchqueren die Alpenrepublik vom Balkan in Richtung Deutschland.

Gabriel will Schleppern "das Handwerk legen"

SPD-Chef und Vizekanzler Sigmar Gabriel reagierte bestürzt auf das Flüchtlingsdrama. Die Nachricht mache einen "unendlich wütend", sagte Gabriel am Freitag am Rande einer Sommerreise durch Hessen. Es gebe Menschenhändler, denen das Leben anderer Menschen völlig egal sei. Diese Schlepper wollten nur Geld verdienen und trügen dazu bei, Menschen umzubringen. Man müsse alles dafür tun, "diese Typen zu erwischen und vor Gericht zu bringen und zu bestrafen und solchen Schleppern das Handwerk zu legen", mahnte er. Das Flüchtlingsdrama in Österreich zeige auch, "dass die Not von Menschen zum Geschäftsmodell geworden ist – ohne Rücksicht auf Leben und Gesundheit".

Der EU-Militäreinsatz gegen Schleuserkriminalität im Mittelmeer soll Anfang Oktober ausgeweitet werden. Wie am Freitag aus EU-Kreisen verlautete, dringt die Einsatzführung darauf, bereits im September eine entsprechende politische Entscheidung zu treffen. Sie würde es den beteiligten Soldaten unter anderem erlauben, von Schleusern genutzte Schiffe auf Hoher See zu durchsuchen. Zudem könnten mutmaßliche Menschenschmuggler festgenommen werden. In der derzeit laufenden ersten Phase des Einsatzes sammeln die Soldaten lediglich Informationen über die Schleuserbanden - unter anderem über die Befragung in Seenot geratener Flüchtlinge.

(dpa/AFP/rtr)
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