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Flüchtlingskrise
Marine rettet 4500 Menschen vor Libyen aus Seenot

In eigenen Worten: Flüchtlinge berichten über ihre Flucht
In eigenen Worten: Flüchtlinge berichten über ihre Flucht FOTO: rp
Rom. Während in der Ägäis beim Kentern eines Bootes vor der Insel Lesbos ein fünfjähriges Kind ertrunken ist, sind am Samstag vor der libyschen Küste mehr als 4500 Flüchtlinge aus dem Mittelmeer geborgen worden.

Die Menschen seien von zivilen Schiffen sowie Polizei- und Militärschiffen aus 20 Booten gerettet worden, teilte die italienische Küstenwache mit. Auch ein Marineschiff der Bundeswehr war demnach involviert. Die geborgenen Menschen stammten nach Angaben von beteiligten Rettern unter anderem aus Eritrea, Libyen, Nigeria, Somalia und Syrien. Eine Frau sei tot aufgefunden worden.

Täglich versuchen derzeit zahlreiche Menschen, von Afrika nach Europa zu gelangen. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR nahmen seit Jahresbeginn bereits mehr als 300.000 Flüchtlinge den lebensgefährlichen Weg über das Mittelmeer, mehr als 2500 starben dabei. Erst am Freitag ertranken vor der libyschen Küste sieben Flüchtlinge, 102 weitere konnten gerettet werden. Die libysche Küstenwache nahm zudem 124 Menschen fest, bevor sie in See stechen konnten.

Drama in der Ägais

Auch im östlichen Mittelmeer kommt es weiter zu Tragödien: Beim Kentern eines Bootes vor der Insel Lesbos ist ein fünfjähriges Kind ertrunken. Zwölf Migranten konnten aus den Fluten gerettet werden. Wie ein Sprecher der Küstenwache am Samstag weiter mitteile, wurden 13 Menschen vermisst. Täglich kämen rund 3000 neue Migranten von der türkischen Küste auf den griechischen Inseln im Osten der Ägäis an, sagte der für Handelsschifffahrt zuständige Vize-Minister Christos Zois am Samstag dem griechischen Fernsehsender Mega.

Südwestlich der Halbinsel Peloponnes entdeckte die Küstenwache ein Boot mit rund 200 Flüchtlingen an Bord. Die Menschen hatten ein Notsignal gesendet, ihr Boot sei manövrierunfähig. Zudem war einer der Migranten schwer erkrankt. Der Mann wurde nach griechischen Medienberichten per Hubschrauber in das Krankenhaus der nahe gelegenen Hafenstadt Kalamata gebracht worden. Das Boot war demnach auf dem Weg nach Italien.

Die Ägäis ist eine der Routen, über die Tausende Flüchtlinge nach Europa kommen. Immer wieder kommt es zu Unglücken. Erst vergangenen Sonntag waren 34 Migranten vor der Kleininsel Farmakonisi ums Leben gekommen.

Deutsche Polizei rechnet mit steigenden Flüchtlingszahlen

Unterdessen rechnet die Bundespolizei nach einem vorübergehenden Rückgang in der kommenden Woche wieder mit mehr Flüchtlingen. Für Samstag und Sonntag seien je zwei Sonderzüge aus Österreich mit Migranten angekündigt, sagt ein Sprecher der Bundespolizei in Potsdam. Ab Montag seien täglich fünf Züge anvisiert. Bis zum Nachmittag wurden an der deutsch-österreichischen Grenze bei Passau rund 600 Flüchtlinge aufgegriffen, erheblich weniger als am Vortag, sagt ein Polizeisprecher. In Freilassing wird am späten Nachmittag ein Zug aus Graz mit 400 bis 500 Migranten erwartet.

Österreich muss wegen der deutschen Kontrollen an der Grenze zwischen beiden Ländern eine wachsende Zahl an Migranten betreuen. "Es gibt einen Rückstau in Österreich", sagte der Rettungschef des österreichischen Roten Kreuzes, Gerry Foitik, am Samstag. In der Nacht auf Sonntag würden rund 9000 Menschen im Land übernachten, sagte er der Presseagentur APA.

Am Samstag wurden von der Polizei rund 10.000 Menschen an der Ostgrenze zu Ungarn erwartet. Erstmals wurde auch die südliche Grenze zu Slowenien von Flüchtlingen überschritten: Bis zum Abend hatten mehr als 150 Menschen diese Route gewählt, einige Hunderte mehr waren innerhalb Sloweniens in Richtung Grenze unterwegs.

Der erneute Anstieg war auch im Westen Österreichs spürbar. Rund 700 Flüchtlinge brachten den Salzburger Hauptbahnhof nahe der bayerischen Grenze an seine Kapazitätsgrenze, wie örtliche Behörden mitteilten.

Wien und Berlin fordern Milliarden für den Nahen Osten

Derweil haben Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) und der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) für die Aufstockung der UN-Hilfen für die syrischen Flüchtlinge im Libanon und Jordanien um fünf Milliarden Euro plädiert. "Wir müssen in den Ländern helfen, wo das Elend so groß ist, dass sich die Menschen auf den Weg machen", sagte Gabriel am Samstag in Wien. "Wenn die Menschen nichts mehr zu essen und zu trinken haben, was bleibt ihnen dann anders übrig als zu flüchten?", fragte er. "Kein Zaun der Welt" könne sie dabei aufhalten.

"Ein Land kann einen Zaun bauen und versuchen, humanitäre Aufgaben dem Nachbarn zuzuschieben", sagte Faymann. Für gewisse Probleme reiche eine nationale Lösung nicht, sondern es brauche "internationale Solidarität". Hunderttausende Syrer leben in Flüchtlingslagern in Jordanien, während 1,2 Millionen Bürgerkriegsflüchtlinge im Libanon unter oft prekären Umständen Zuflucht finden. Deutschland forderte bereits am 9. September einen Gipfel der G7-Staaten und arabischer Länder, um mehr Geld für die Flüchtlinge zu sammeln.

Europa sieht sich derzeit mit der größten Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert. Ungarn riegelte seine Grenze zu Serbien mit einem Zaun ab, um Flüchtlinge an der Einreise zu hindern. Die Migranten wichen daraufhin nach Kroatien aus, das von dem Andrang rasch überfordert war. Seit Freitag lässt Ungarn nun tausende Flüchtlinge aus Kroatien einreisen und unbehelligt das Land in Richtung Österreich durchqueren. Die meisten Migranten wollen nach Deutschland oder Schweden, wo sie sich bessere Arbeits- und Lebensbedingungen ausrechnen.

(AFP/dpa/Reu)
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