Skandal bei der France Télécom: Fragebogen gegen den Suizid
zuletzt aktualisiert: 19.10.2009 - 13:01Paris (RPO). Frankreich steht unter Schock: In den letzten 18 Monaten haben sich 25 Mitarbeiter der France Télécom das Leben genommen. Ihre Verzweiflung begründeten viele mit dem hohen Druck im Unternehmen. Die Chefetage ist alamiert. Mit Fragebögen will sie jetzt mehr über die Belastung ihrer Mitarbeiter erfahren. Selbst muss sie vor der Nationalversammlungen Rede und Antwort stehen.
Lange hat es gedauert, bis die Chefs der France Télecom aktiv wurden. 25 Mitarbeiter des Konzern haben sich inzwischen das Leben genommen. Zuletzt erhängte sich ein Ingenieur in der Bretagne. Die Gewerkschaften, aber auch die Regierung erhöhen den Druck auf die Unternehmensspitze. Insbesondere die Arbeitnehmervertreter machen den Druck innerhalb des Unternehmens für die Selbstmorde verantwortlich.
Fragebogen zu Ängsten und Sorgen
Jetzt wollen die Chefs mittels Fragebogen mehr über die Ängste und Sorgen ihrer Beschäftigten erfahren. Ab Montag werden alle 102.000 Mitarbeiter aufgefordert, eines der Exemplare auszufüllen. Auf 13 Seiten sollen sie darüber Auskunft geben, wie sehr sie die Arbeit bei der France Télécom belastet. Insgesamt 174 Fragen sollen unter anderem darüber aufklären, ob sie kürzlich versetzt wurden, wie ihr Verhältnis zum Vorgesetzten aussieht und wann sie zuletzt gelobt wurden.
Die Führung des Unternehmens, an dem teilweise noch der Staat beteiligt ist, muss schnell handeln. Immer mehr Mitarbeiter gehen an die Öffentlichkeit und berichten von Kollegen, die mehr und mehr unter ihren Arbeitsbedingungen leiden – die mit dem auf sie ausgeübten Druck nicht mehr leben wollen.
"Human und erfolgreich"
So besucht Konzernchef Didier Lombard inzwischen jedes Unternehmen, in dem sich bislang ein dramatischer Unglücksfall ereignet hat. In der Öffentlichkeit wird dennoch über seinen Rücktritt gesprochen. Doch bislang stellt sich Lombard noch gegen seinen Rückzug. Der Kapitän könne das Schiff in einem Sturm nicht verlassen, sagte er in einem Interview der Zeitung "Le Figaro". Er müsse dafür sorgen, dass France Télécom ein "humanes und erfolgreiches" Unternehmen werde. Lombards Vertrag läuft noch bis 2011.
Er äußerte sich entsetzt über den jüngsten Selbstmord des Ingenieurs am Donnerstag. Die Gewerkschaften sehen den 2006 eingeleiteten Konzernumbau mit zehntausenden Entlassungen und Versetzungen als eine Ursache für die Selbstmordserie. Der für das schmerzhafte Umstrukturierungsprogramm verantwortliche Vizechef Louis-Pierre Wenes musste kürzlich seinen Platz räumen.
500 Versetzungen auf Eis gelegt
Erst auf Druck der Regierung reagierte der Konzern mit rund 100.000 Beschäftigten auf die Selbstmorde. So wurden 500 geplante Versetzungen vorerst auf Eis gelegt und die Angestellten aufgerufen, auf depressive Stimmungen oder Anzeichen auf mögliche Selbstmordabsichten ihrer Kollegen zu achten. Arbeitsminister Xavier Darcos entsandte zudem einen Mitarbeiter zur Kontrolle in das frühere Staatsunternehmen.
Im November soll Unternehmenschef Didier Lombard zudem vor der Nationalversammlung in Paris Rede und Antwort stehen. Der Télécom-Chef werde in der ersten Novemberwoche vor den Parlamentariern erscheinen, sagte Sozialausschuss-Chef Pierre Méhaignerie am Freitag.
Vom Außendienst in trostlose Call-Center
Und dennoch bleiben nicht nur die Mitarbeiter des Telefonriesen misstrauisch – schließlich soll die Umstruktierung langfristig weitergehen. Seit 2006 hat die France Télécom bereits 22.000 Stellen gestrichen. Bis heute hat jeder dritte Beschäftige mindestens schon einmal seinen Arbeitsplatz gewechselt. Viele derer, die früher die Kunden zu Hause besuchten, sitzen heute in trostlosen Call-Centern. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt – schließlich können die France-Télécom-Mitarbeiter jetzt innerhalb eines Monats per Fragebogen über die Missstände in ihrem Unternehmen aufmerksam machen.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum