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Der mutmaßliche Täter von Frankreich
"Er war wahrscheinlich das perfekte Ziel für die Radikalen"

Ein Toter bei Terroranschlag in Frankreich
Ein Toter bei Terroranschlag in Frankreich FOTO: afp, JH
Besançon. Vorstrafen hatte er keine, mit seiner Familie führte er ein zurückgezogenes Leben, seinen Nachbarn fiel er nicht sonderlich auf. Jetzt spricht ganz Frankreich voller Grauen über Yassin Salhi. Der 35-Jährige soll den Anschlag auf eine Industrieanlage nahe der ostfranzösischen Stadt Lyon verübt haben.

Den Sicherheitsbehörden war er schon früher aufgefallen, doch offenbar wurde seine Gefährlichkeit unterschätzt. Bereits 2005 und 2006 wurden die französischen Geheimdienste auf den Mann aufmerksam. Er hatte Kontakt zu einer Gruppe radikaler Islamisten, als Eiferer fiel er aber nicht auf, wie ein Ermittler sagte. 2006 wurde er auf eine Liste verdächtiger Personen gesetzt, zwei Jahre später aber wieder aus dem Register gestrichen.

Salhi soll Verbindungen zur salafistischen Bewegung gehabt haben

Zwischen 2011 und 2014 wurden die Sicherheitsbehörden wiederholt auf den Mann aufmerksam, wieder gab er sich mit mutmaßlichen Islamisten ab. Damals trug er ein langes Männergewand und einen Bart, wie ihn Salafisten tragen. Innenminister Bernard Cazeneuve sagte am Freitag, Salhi habe Verbindungen zur "salafistischen Bewegung" gehabt. Anti-Terror-Staatsanwalt François Molins sagte, er habe Kontakte in die Salafisten-Szene von Lyon gehabt. Mit verbotenen Aktivitäten wurde er aber nie in Verbindung gebracht, vorbestraft war er nicht.

Im ostfranzösischen Pontarlier, wo Salhi im März 1980 auf die Welt kam, wurde mit Ungläubigkeit auf die Nachrichten von der Tat reagiert. "Er war ein ruhige Junge", erinnerte sich Nacer Benyahia, der Vorsitzende der Moschee in der nahe Besançon gelegenen Stadt. "Es war eine Freude, ihn in der Moschee zu haben, er war angenehm."

Als einsamer Junge das perfekte Ziel für Radikale

Benyahia zufolge verlor Salhi bereits als Jugendlicher seinen aus Algerien stammden Vater, mit seiner marokkanischstämmigen Mutter zog er später aus Pontarlier weg. "Er war einsam, er war wahrscheinlich das perfekte Ziel für die Radikalen, die ihre Beute aussuchen", sagte der muslimische Geistliche.

Mit seiner Frau und seinen drei Kindern zog Salhi später nach Besançon. 2014 schließlich siedelte die Familie nach Saint-Priest über, einen Vorort der Großstadt Lyon. Sie bezog dort eine Wohnung im ersten Stock eines Sozialbaus. Im März 2015 fand Salhi einen Job in einer Transportfirma, die das Gaslager in Saint-Quentin-Fallavier belieferte.

Diskrete, freundliche Familie fiel den Nachbarn nicht weiter auf

Nachbarn sprachen von einer "diskreten" Familie, die ein ruhiges Leben führte. "Ihre Kinder spielen mit meinen, sie sind absolut normal und liebevoll", sagte eine Frau. "Er sprach mit niemandem, wir sagten uns nur 'Guten Tag' und 'Guten Abend'", berichtete ein anderer Nachbar. Salhis Kleidung sei nicht auffällig gewesen, er habe nur einen "kurzen Bart" getragen. Ein junger Mann sagte, in der Moschee von Saint-Priest habe er Salhi nie gesehen.

Die Frau des mutmaßlichen Attentäters wurde am Freitag festgenommen –zuvor hatte sie aber noch ein Radio-Interview gegeben und sich fassungslos über die Vorwürfe gegen ihren Mann gezeigt. "Mein Herz bleibt stehen", sagte sie auf Europe 1. "Wir sind normale Muslime, wir befolgen den Ramadan. Wir haben drei Kinder, ein normales Familienleben." Sie wüsste nicht, warum ihr Mann ein Attentat hätte verüben sollen.

Auf die Ermittler wartet nun viel Arbeit. Sie müssen die Radikalisierung des Mannes nachvollziehen, mögliche Komplizen und Hintermänner suchen. Und entschlüsseln, wie aus einem ruhigen Familienvater offenbar ein kaltblütiger Attentäter wurde.

(AFP)
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