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Schießerei in Thalys-Schnellzug
Neuer Terrorschock in Frankreich

Drei Verletzte bei Schüssen in Thalys-Schnellzug
Drei Verletzte bei Schüssen in Thalys-Schnellzug FOTO: afp, vel
Paris. Bei einer Schießerei in einem Thalys-Schnellzug zwischen Amsterdam und Paris sind am Freitagabend zwei Menschen schwer verletzt worden. Die Männer überwältigten den Angreifer, der mehrere Schusswaffen bei sich hatte, und verhinderten so vermutlich Schlimmeres. Von Christine Longin

Es ist das Alptraumszenario zur Hauptreisezeit: eine Schießerei in einem voll besetzten Zug. Ein solcher Angriff ereignete sich am Freitagabend im Thalys zwischen Amsterdam und Paris. Zwei Passagiere aus den USA überwältigten einen Mann, der schwer bewaffnet in dem Schnellzug unterwegs war. "Wir drücken den beiden amerikanischen Passagieren, ohne die wahrscheinlich ein schreckliches Drama passiert wäre, unsere Dankbarkeit aus", sagte Innenminister Bernard Cazeneuve, der direkt nach der Tat in die nordfranzösische Stadt Arras gekommen war. Der belgische Regierungschef Charles Michel verurteilte im Kurznachrichtendienst Twitter den "Terrorangriff". Die französische Anti-Terror-Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf.

Die beiden US-Bürger seien Opfer der "barbarischen Gewalt eines Passagiers" geworden, sagte Cazeneuve weiter. Die Männer, bei denen es sich Medienberichten zufolge um US-Soldaten handeln könnte, sollen auf den Täter aufmerksam geworden sein, als er auf der Toilette eine Kalaschnikow lud und ihn dann beim Verlassen der Toilette überwältigt haben. Der Täter soll mehrere Schusswaffen und auch Stichwaffen in seinem Gepäck gehabt haben. Der Mann, ersten Erkenntnissen zufolge ein 26-jähriger Marokkaner, soll bereits im Visier der Geheimdienste gewesen sein. Der Täter soll in Brüssel zugestiegen sein. Der Innenminister warnte zur Zurückhaltung "wie bei allen Taten, die einen terroristischen Charakter haben könnten."

"Alles wird getan, um dieses Drama aufzuklären", versprach Präsident Francois Hollande, der umgehend mit dem belgischen Regierungschef telefonierte. Im Zug war auch der französische Schauspieler Jean-Hugues Anglade, der sich leicht an der Hand verletzte, als er die Alarmsirene betätigte. "Die Passagiere sind in Sicherheit, die Lage ist unter Kontrolle", twitterte das Unternehmen Thalys. Der Zug wurde nach Arras umgeleitet und evakuiert. Rund 150 bis 200 Passagiere wurden dort zunächst am Bahnhof und dann in einer Turnhalle psychologisch betreut. Reisende berichteten, dass der Zug vor Arras mehrmals abbremste und dann stoppte. "Dass ein bewaffneter Mann im Zug war, ist schockierend", sagte ein Passagier im Fernsehsender BFMTV.

Gut ein halbes Jahr nach "Charlie Hebdo"

Der Angriff ereignete sich gut ein halbes Jahr nach Anschlag auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo" am 7. Januar. Die Brüder Kouachi, die mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida im Jemen und im Irak in Verbindung gebracht werden, erschossen zwölf Menschen in der Redaktion, die für ihre "Mohammed"-Karikaturen bekannt ist. Der mit ihnen verbündete Attentäter Amédy Coulibaly, der sich zur Dschihadistenorganisation Islamischer Staat bekannte, tötete wenige Tage später in einem koscheren Supermarkt im Norden von Paris vier Juden. Seit den Attentaten gilt im Großraum Paris die höchste Terrorwarnstufe. Ende April hatte die Polizei Angriffe auf Kirchen im Großraum Paris vereitelt.

Im Juni hatte die Tat eines 35-Jährigen für Entsetzen gesorgt, der auf dem Zaun eines Fabrikgeländes nahe Lyon den Kopf seines enthaupteten Chefs aufgespießt hatte – umgeben von Botschaften auf Arabisch. Der Mann, der festgenommen wurde, hatte Kontakte zur salafistischen Szene.

 

Quelle: RP
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