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Fünf Jahre nach der Katastrophe
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Zeitraffer zeigt Katastrophe von Fukushima
Fukushima. Vor fünf Jahren wurde Japan von Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe getroffen. Die Region Fukushima ringt um ein neues Image. Von Helmut Michelis

Ein Glockenspiel läutet in der Präfekturverwaltung von Fukushima am Abend den Dienstschluss ein. Doch in dem schmucklosen Großraumbüro geht niemand, alle machen wie selbstverständlich weiter. "Das ist hier immer so. Lange Überstunden sind üblich", sagt Go Theisen. Der 27-jährige Deutsch-Japaner arbeitet hier. Er ist als Koordinator für internationalen Handel der ideale Brückenbauer zwischen den beiden weit entfernten Ländern. "Es geht meinen Kollegen nicht um den persönlichen Erfolg. Sie sind auf den Wiederaufbau ihrer Heimat fokussiert. Mein direkter Schreibtischnachbar hat dafür zum Beispiel eine viel besser bezahlte Stelle bei einem Lasertechnik-Unternehmen aufgegeben."

Fukushima, auf Deutsch "Glücksinsel", steht in Europa für einen bedrohlichen, gefährlich verstrahlten Ort wie Tschernobyl in der Ukraine, was den gebürtigen Essener gewaltig ärgert: "Man kann doch das Image einer ganzen Region nicht auf die Nuklearkatastrophe reduzieren. Es ist aber sehr mühsam, um Vertrauen zu werben." Kaum jemand wisse, dass neben der Großstadt Fukushima auch eine Präfektur so heißt. Sie hat fast zwei Millionen Einwohner, ihr Gebiet ist knapp dreimal so groß wie der Regierungsbezirk Düsseldorf, und sie reicht von der Küste bis in die Berge am Horizont hinein.

Skigebiete und Thermalquellen

Theisen schwärmt von den Skigebieten, den heißen Thermalquellen, historischen Burgen und den kulinarischen Köstlichkeiten wie Reiswein und Kitakata-Ramen, einer Nudelsuppe. Doch der Name "Fukushima" wird bis heute mit der Dreifach-Katastrophe von Erdbeben, Flutwelle und Reaktor-Kollaps verbunden, die Japan am 11. März 2011 heimsuchte, fast 20.000 Menschen das Leben kostete und Hunderttausende obdachlos machte.

Fotos aus der Todes-Zone des Tsunamis FOTO: dpa, km bjw

Heute vor fünf Jahren - der Student Theisen lebte noch bei den Eltern im Ruhrgebiet - hatte ihn seine ältere Schwester aufgeregt vor den Fernseher gerufen. "Ich habe die Dimension erst gar nicht verstanden. In Japan gibt es doch ständig Erdbeben. Doch dann war ich fassungslos. Es war für mich ein ähnliches Ereignis wie der Terrorangriff auf die USA am 11. September 2001." Mehr als 120.000 Häuser wurden durch das Erdbeben und die Flutwelle total zerstört, mehr als eine Million beschädigt. Ganze Dörfer und Stadtteile müssen neu errichtet werden; Millionen Tonnen verstrahlter Erde werden zurzeit abgetragen.

Theisens Mutter stammt aus der Stadt Fukushima, die etwa 50 Kilometer von dem kollabierten Atomkraftwerk entfernt liegt, sein Vater arbeitet bei der Essener Stadtverwaltung. Die Eltern hatten sich zufällig bei einem England-Besuch kennengelernt. Go Theisen wuchs dreisprachig auf: Die Mutter sprach mit den Kindern Japanisch, der Vater Deutsch, und die Eltern verständigten sich untereinander auf Englisch. "Wir haben Verwandte in Tokio und in Fukushima. Schon als kleines Kind bin ich in den Sommerferien jedes Jahr in Japan gewesen; es ist deshalb für mich kein Problem, zwischen den Kulturen zu wechseln, zumal sich Deutsche und Japaner sehr ähnlich sind."

Die Region kämpft um Normalität

Ein Jahr nach dem Tsunami reiste Theisen erneut zu den Großeltern in Fukushima. "Ich war erstaunt, gar keine Schäden zu sehen." Doch die Region kämpfe nach wie vor um die Normalität: "Die Katastrophe ist allgegenwärtig, viele Menschen leiden. Ich habe vor einer Woche die Stadt Naraha in der Küstenregion besucht, die jetzt wieder zur Besiedlung freigegeben worden ist. Der Bürgermeister hat mir berichtet, wie groß die Herausforderung ist, dort wieder eine Infrastruktur aufzubauen." Zudem hätten viele Geflüchtete sich inzwischen woanders eine neue Existenz aufgebaut und wollten nicht mehr zurück.

Go Theisen hatte sich nach seinem Japan-Studium an der Universität Düsseldorf im vergangenen Jahr entschieden, die Arbeitsstelle in Fukushima anzunehmen. Sein Schwerpunkt ist die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Nordrhein-Westfalen bei erneuerbaren Energien und in der Medizintechnik, die 2014 mit einer offiziellen Erklärung besiegelt worden ist. Häufig pendelt er deshalb zwischen Japan und Deutschland: "Für meine Hobbys Karate und Gitarrespielen habe ich kaum mehr Zeit." Doch wolle er zumindest künftig die Fußballspiele von Fukushima United besuchen, einem Drittligisten, der vielleicht eines Tages für ein Freundschaftsspiel gegen Rot-Weiß Essen zu gewinnen sei. Am 21. Mai sei er wieder in Düsseldorf: "Dann informiere ich beim Japan-Tag mit einem Info-Stand unter anderem über die Zuschüsse, die deutsche Firmen in Fukushima erhalten können."

Quelle: RP
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