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Das erste Land mit eigener Nummer
Geh endlich ans Telefon, Schweden!

Sehenswürdigkeiten in Stockholm
Sehenswürdigkeiten in Stockholm FOTO: shutterstock/ Oleksiy Mark
Düsseldorf. Wer hatte nicht schon das Bedürfnis, einen Schweden anzurufen – bloß wen? Der schwedische Tourismusverband hat nun eine Nummer eingerichtet, die per Zufallsmodus Gespräche vermittelt – ein beinahe erfolgreicher Selbstversuch. Von Sebastian Dalkowski

Als das Telefon klingelt, ahnt Niki noch nicht, dass sie Minuten später einem Fremden vom besonderen Tageslicht in Südschweden erzählen wird. Mir nämlich. Nur ein nüchterner Zeitgenosse würde behaupten, dass es der Zufall ist, der uns an diesem Morgen zusammenbringt, und nicht das Schicksal. Ich bin kein nüchterner Zeitgenosse. Fest steht jedenfalls: Der schwedische Tourismusverband hängt auch in der Sache drin.

In diesen Tagen feiern die Schweden, dass sie als erstes Land der Welt vor 250 Jahren die Abschaffung der Zensur in die Verfassung aufgenommen haben – ein Aspekt, der im Gegensatz zu Elchen, Ikea und Pippi Langstrumpf außerhalb von Schweden nicht so bekannt ist. Also kam der schwedische Tourismusverband auf die Idee, darauf mit einer ungewöhnlichen Aktion hinzuweisen. Um für grenzenlose Kommunikation zu werben in Zeiten, in denen in vielen Ländern die Kommunikation eingeschränkt wird, gab es dem Land eine eigene Telefonnummer: +46771793336. Ab sofort kann jeder Ausländer diese Nummer wählen und wird per Zufallsgenerator an einen Schweden durchgestellt, der an der Kampagne "Svara för Sverige" teilnimmt ("Antworte für Schweden"). Rund 3000 Schweden haben die App heruntergeladen.

Unbedingt möchte ich mit einem Schweden telefonieren und wähle deshalb aufgeregt. Bevor ich durchgestellt werde, weist mich eine Durchsage darauf hin, dass ich bald per Zufall mit einem Schweden irgendwo in Schweden verbunden werde. Dann geht nicht Lasse, Ole oder Jan ans Telefon, sondern Damir. Damir ist 25, wohnt in Göteborg, studiert Bauwesen und floh 1993 vor dem Krieg in Kroatien. Schweden ist eine Einwanderergesellschaft, die schwedische Aufnahmebereitschaft ist weltbekannt. Damir schwärmt erst mal vom so genannten Jedermannsrecht, das es den Schweden grundsätzlich erlaubt, die Natur zu nutzen, unabhängig davon, ob es ein fremdes Grundstück ist. Wie so viele Schweden ist er ein Naturfreund.

Damir nutzt sogleich sein Recht auf freie Meinungsäußerung und kritisiert die Stimmung in Schweden. Der "Vibe" habe sich in den vergangenen Jahren geändert, sagt er, die Schweden hätten Angst vor Fremden. Nicht nur vor Flüchtlingen. Wenn er aus dem Fenster blickt, dann sieht er, wie die Leute an der Bahnhaltestelle mindestens zwei Meter voneinander wegstehen. "Ich mag das Land mehr als die Leute", sagt er. Es fehle eine Gemeinschaft von alteingesessenen Schweden und den Neuen. Wenn er das Studium beendet hat, möchte er in England einen Job finden.

Ob andere Schweden das ähnlich sehen? Nächster Versuch. Niemand geht ans Telefon. Noch mal. Wieder hebt niemand ab. Dann meldet sich ein Joachim, der aber gleich von seinem Anrufbeantworter verdrängt wird. Katharinas Anrufbeantworter sagt, dass sie gerade nicht telefonieren kann. Sieben Versuche lang scheitere ich. Telefonieren die Schweden ständig mit anderen Schweden oder gehen sie einfach nicht gerne ans Telefon?

Dann nimmt Eskil ab, ein 38-jähriger Stockholmer, der wie alle Schweden an diesem Tag ausgezeichnet Englisch spricht. Ich bin sein zweiter Anrufer, der erste hatte sich bloß einen Scherz erlaubt. Eskil war früher Unternehmer, hat sein Unternehmen aber verkauft. "Nun lebe ich meinen Traum." Selbstverständlich liebt auch er die schwedische Natur, besonders die Tatsache, dass in dieser Natur nur selten Menschen anzutreffen sind, weil Schweden wenige Einwohner hat, keine zehn Millionen, aber sehr viel Fläche, mehr als Deutschland. Er schwärmt von Riksgränsen, dem letzten Ort vor der norwegischen Grenze. Hingegen hat er was gegen die hohen Steuern in Schweden und das schlechte Wetter, vor allem im Winter. Viele Schweden würden zu dieser Jahreszeit deshalb nach Thailand reisen.

Und dann geht Niki ans Telefon. Sie wohnt ganz im Süden von Schweden, in Ystad, gleich am Meer, Deutschland beinahe in Sichtweite. Ich vermute, dass sie schon in Rente ist, aber nein, sie arbeitet als Malerin und Künstlerin. Freundlich klingt sie, etwas schüchtern, eine Frau, die gelernt hat, nur noch das Schöne zu sehen. Sie sagt, in ihrer Region, Skåne, gebe es ein Licht, das es nirgendwo sonst in Schweden gebe. Heller sei es, weshalb viele Künstler dort leben würden. "Hilft das Licht beim Malen?", frage ich. "Nein, nein", sagt sie, es mache sie einfach glücklich.

Ich frage sie nach dem von Damir beschriebenen flüchtlingskritischen "Vibe" in der schwedischen Gesellschaft. Sie streitet das nicht ab, sagt aber, dass die Parteien mit daran Schuld hätten, da sie es nicht geschafft hätten, den Leuten ihre Ängste zu nehmen. Die Schweden haben eine rechtspopulistische Partei, die Schwedendemokraten, mit 49 Sitzen im Reichstag. Das macht ihr Sorge. Kommt mir bekannt vor.

Schon bin ich wieder in Deutschland.

Die Telefonnummer für Schweden lautet: +46771793336

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