Nieren-Show in den Niederlanden: Genialer Bluff oder Tabubruch?
zuletzt aktualisiert: 02.06.2007 - 17:03Den Haag (RPO). Niederländische TV-Macher sind für Tabubrüche bekannt. Die Idee zu "Big Brother" kam ursprünglich auch aus den Niederlanden. Mit der groß angekündigten Show über das Verschenken einer menschlichen Niere schien jetzt ein schockierender neuer Höhepunkt erreicht zu sein.
Dass es doch anders kam, hatte vor der Sendung kaum einer geahnt. Dann aber überraschte der Moderator des Senders BNN, Patrick Lodiers, nach spannenden 90 Minuten mit den Worten: "Wir verschenken heute keine Niere, das ginge selbst nach Ansicht von BNN zu weit". Den viel gescholtenen TV-Machern ging es nach eigenen Angaben um Aufmerksamkeit für den dramatischen Mangel an Organspenden, vor allem an Nieren.
Plötzlich erschien der Sender für ein junges Zielpublikum in einem menschlicheren Licht. Was vorab noch als geschmacklos und unethisch verurteilt worden war, galt mit einem Schlag vielen als vielleicht fragwürdige, aber doch vertretbare Aktion. Selbst der sozialdemokratische Kulturminister Ronald Plasterk, der Tage zuvor im niederländischen Parlament die angekündigte Nierenspende im Fernsehen verurteilt hatte, äußerte sich begeistert. "Ein fantastisches Bravourstück", jubelte er nach dem Ende der Sendung.
Plasterk und andere lobten den Sender dafür, dass er das Problem schwindender Bereitschaft zur Organspende thematisiert hatte. Amtliche Zahlen und Fakten über die traurige Situation in den Niederlanden waren plötzlich in allen Medien und Biertisch-Debatten präsent. Stolz bilanzierte der Sender BNN: "In sieben Tagen ist hier mehr über Organspenden gesprochen worden als zuvor in sieben Jahren."
Paul Beerkens von der niederländischen Nierenstiftung, den der Coup ebenso wie die 1,2 Millionen Zuschauer und alle Vorab-Kritiker überrascht hatte, meinte: "Wenn wir jetzt nicht wirklich etwas tun, müssen wir in den Niederlanden uns echt schämen". Die Wartelisten für Empfänger von Organe würden immer länger, die Zahlen potenzieller Spender schrumpften seit Jahren. 200 Menschen sterben nach seinen Angaben jährlich, weil sie nicht rechtzeitig ein neues Organ erhielten.
Die Politik müsse das Problem grundlegend angehen und Wartezeiten für Nieren-Empfänger von derzeit viereinhalb auf etwa zwei Jahre verkürzen, so die Nierenstiftung. Worte und Flickschusterei seien nicht genug, sagte ihr Sprecher. Er reagierte damit auch auf den Schnellschuss-Vorschlag von Finanzminister Wouter Bos. Der hatte noch am Sendeabend angeregt, die Kosten für einen neuen Reisepass zu senken, wenn der Antragsteller auch ein Formular zur Registrierung als Organspender ausfüllt.
Ministerpräsident Jan Peter Balkenende hatte noch Minuten vor Beginn der Sendung in einem anderen TV-Programm über den erwarteten Imageschaden für sein Land als Folge der Spender-Show geklagt. Der christdemokratische Regierungschef konnte sich aber immerhin als Vorbild präsentieren: Er gehört zur Minderheit der Niederländer mit einem Spenderausweis. Sein Kulturminister versicherte noch am Abend, er werde sich schleunigst einen solchen Ausweis besorgen.
Auch ihn hatte überzeugt, was Hollands Transplantations-Stiftung der Sendung bescheinigte: "Verzweiflung und Nöte der Patienten sind gut dargestellt worden", fanden die Ärzte.
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