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Seyne-Les-Alpes
Ein Ort des Grauens

Germanwings: Seyne-Les-Alpes ist ein Ort des Grauens
Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (l.), Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande überfliegen den Absturzort. Foto: ap FOTO: ap
Seyne-Les-Alpes. Einsatzkräfte suchen nach Überresten der Opfer, Bewohner bieten Hilfe an. Die große Anteilnahme rührt Bundeskanzlerin Merkel. Von Matthias Beermann und Christine Longin

Immer wieder steigen blau-weiß lackierte Hubschrauber von der Rasenfläche hinter dem Supermarkt Intermarché unterhalb von Seyne-les-Alpes auf. Gegen Mittag startet eine Gruppe Gebirgsjäger zu der Stelle, wo am Tag zuvor die Germanwings-Maschine auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf an einem Gebirgsmassiv zerschellte. "So etwas habe ich noch nicht gesehen", sagt Laurent Jaunatre von der Bergrettung der Bereitschaftspolizei in Grenoble. Der erfahrene Einsatzleiter, der schon viele Lawinenunglücke erlebt hat, überflog am Dienstag als einer der ersten im Hubschrauber den Absturzort. "Man kann sich nicht vorstellen, dass da die Überreste eines Flugzeugs mit 150 Menschen an Bord liegen", schildert er die traurige Szene. Unzählige Wrackteile sind über eine Fläche von zwei Hektar verstreut. "Ich habe nur drei Teile gesehen, die länger als einen Meter waren." Der Rest sind Kleinstpartikel, die über 150 Meter Höhenunterschied verteilt in den Felsen liegen. "Pulverisiert" sei der Airbus A 320, wiederholen die Retter immer wieder ungläubig - zermalmt.

Die sterblichen Überreste der Passagiere sollen ab heute nach und nach geborgen werden - soweit das überhaupt noch möglich ist. Gestern sei daran noch nicht zu denken gewesen, sagt Jaunatre. Denn zunächst müsse die Unglücksstelle gesichert und alles fotografiert werden. Gestern sind knapp 40 Einsatzkräfte vor Ort, die sich vom Hubschrauber abseilen mussten, da das Gelände so unwegsam ist, dass die Maschinen nicht landen können.

"Wir teilen das Gebiet in Planquadrate auf", erläutert Jaunatre. Das ganze Gebiet zu durchkämmen und die Überreste zu sichern, werde aber lange dauern. Von Wochen ist die Rede, vielleicht auch von Monaten. Denn die meisten Opfer sind nicht mehr zu erkennen, nur sehr wenige sind laut Jaunatre noch identifizierbar: "Da ist wohl nur noch eine DNA-Analyse möglich." Ein anderer Offizier erklärt, dass die schrecklichen Bilder verstümmelter Körper auch seine Männer belasteten. "Wir haben deswegen darauf geachtet, keine zu unerfahrenen Kollegen einzusetzen", sagt er.

Gendarmerie- und Rettungshubschrauber auf dem Weg zur Absturzstelle. FOTO: dpa, kne lof

In Seyne-les-Alpes, drei Kilometer Luftlinie vom Unglücksort entfernt, herrscht seit dem Absturz Ausnahmezustand. Das Bergdorf mit seinen 1500 Einwohnern ist zum Zentrum für Einsatzkräfte und zur Anlaufstelle für Angehörige geworden. "Wir können das immer noch nicht fassen", sagt Fanette Borel vom Fremdenverkehrsbüro. Der für morgen vorgesehen Wochenmarkt wurde "wegen der Ereignisse" abgesagt. Die Hilfsbereitschaft in dem Ort ist riesig: Allein bei ihr, berichtet Fanette Borel, hätten sich seit dem Morgen 40 Leute gemeldet, die den Angehörigen der Opfer Schlafplätze zur Verfügung stellen wollten. Danièle Fichtali, die ein paar Kilometer entfernt in einem Weiler mit 20 Einwohnern lebt, hat drei Zimmer in ihrem großen Haus freigeräumt und die Betten frisch aufgeschüttelt. "Wir Bergbewohner sind ein solidarisches Völkchen", sagt sie, "wenn wir helfen können, helfen wir".

Der Inhaber des Schreibwarenladens in Seyne-les-Alpes hat sein übliches Angebot um deutsche und spanische Zeitungen erweitert. Die ersten Familien sind bereits gestern in der Region eingetroffen. Die meisten von ihnen reisten allerdings zunächst nach Digne-les-Bains, eine knappe Stunde Autofahrt von Seyne-les-Alpes entfernt. Dort sollen Ärzte und Psychologen in Notfallteams die Angehörigen betreuen. Auch ein deutsches Konsularteam ist vor Ort, um bei den Formalitäten zu helfen.

Da die eigentliche Absturzstelle praktisch unerreichbar ist, hat man für die Trauernden zwei Andachtsräume geschaffen: Einer befindet sich in Seyne-les-Alpes und einer in Le Vernet, zehn Autominuten entfernt. Der kleine Ort wurde ausgewählt, weil man von hier aus wenigstens das Bergmassiv erkennen kann, in dem die Maschine zerschellte. Hier trugen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande gestern in ein Kondolenzbuch ein. Merkel, mit einer dicken schwarzen Daunenjacke gegen die Kälte in den französischen Alpen gewappnet, wollte sich ein Bild von der Lage machen. Gemeinsam mit Hollande und der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft überfliegt sie am Nachmittag die Absturzstelle.

Die Unglücksstelle am Tag nach dem Absturz FOTO: dpa, sh

In einer Lagerhalle neben dem Hubschrauberlandeplatz halten die Politiker danach kurze Ansprachen. In dem Hangar wurden drei Podeste improvisiert und die Flaggen Frankreichs, Deutschlands, Spaniens und Europas dahintergestellt, für Hollande, Merkel und den spanischen Regierungschef Mariano Rajoy. Mit "offenen Armen" habe die Region auf das Ereignis reagiert, sagt Merkel sichtlich bewegt und dankt dem "lieben François", dass Frankreich "mit großem Herzen" an der Seite Deutschlands stehe.

Rund 400 Journalisten aus aller Welt sind nach Seyne-les-Alpes gekommen. Die Übertragungswagen der großen Fernsehsender parken das sonst so verschlafene Städtchen zu. Nur rund ums Kultur- und Jugendzentrum herrscht kein Trubel. Von hier halten Gendarmen Neugierige energisch fern. In dem Andachtsraum, der im Obergeschoss eingerichtet wurde, sollen Trauernde unter sich bleiben können.

Quelle: RP
 
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