Armenhaus als Urlaubsparadies: Haiti und der Fluch der Karibik
VON MATTHIAS BEERMANN - zuletzt aktualisiert: 18.01.2010 - 18:13Düsseldorf (RP). Die Region im tropischen Teil des Atlantischen Ozeans bietet starke Gegensätze: Superreiche machen Urlaub, wo nebenan Millionen von Menschen in Armut leben.
Winzige 21 Quadratkilometer misst das Paradies, es zählt 22 Badebuchten mit feinstem Sandstrand und türkisfarbenem Wasser. Saint Barthélemy ist nur ein Pünktchen in der Karibik, und gerade deswegen treten sich hier die Schönen und Reichen nur so auf die Füße. Rein kommt nur, wer angesagt ist. Oder Millionär, mindestens. Die Miete für einen Liegeplatz im Jacht-Hafen beträgt 10.000 Euro – am Tag. Ein Milchkaffee mit Croissant in der Hafenbar 17 Euro. Davon müssen drei Viertel der Menschen in Haiti eine Woche lang überleben.
1000 Kilometer bis zum Armenhaus
Nur rund 1000 Kilometer Luftlinie liegen zwischen dem Promi-Eiland und dem Armenhaus der Region, das vor wenigen Tagen von einem verheerenden Erdbeben verwüstet wurde. Es könnten auch Lichtjahre sein. Kaum irgendwo auf der Welt ist die Kluft zwischen Bettelarmen und Superreichen tiefer als in der Karibik. Während die Mehrzahl der Menschen in Ländern wie Haiti mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von 400 Dollar pro Jahr in Armut oder sogar extremer Armut lebt, verprasst eine Minderheit unter der karibischen Sonne Millionen.
Caritas international, Freiburg, Spendenkonto 202 bei der Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe BLZ 660 205 00 oder online unter: www.caritas-international.de
Deutsches Rotes Kreuz, Spendenkonto: 41 41 41 Bank für Sozialwirtschaft BLZ: 370 205 00 Stichwort: Haiti Online-Spenden unter: www.DRK.de/spenden
Party-Exzesse der VIPs
Saint-Barthélemy, das vor 50 Jahren von den Rockefellers als Urlaubsdomizil endeckte Südsee-Sylt der Superreichen, ist sicher ein Extrembeispiel. Regelmäßig berichtet die internationale Klatschpresse über die Party-Exzesse der VIPs, wenn etwa der russische Oligarch Roman Abramowitsch eigens 1000 Flaschen Edel-Champagner aus London einfliegen lässt. Aber auch in sonnigen Steuerparadiesen wie der Bahamas-Hauptstadt Nassau fließt der Schampus in Strömen, liegen die luxuriösesten Jachten des Planeten vor Anker.
Zwei Milliarden Dollar Bruttosozialprodukt
In der Karibik ist viel Geld unterwegs, aber nicht immer sieht man es so deutlich wie bei den Festen des Jetsets auf "Saint Barth". Auf den Cayman-Islands etwa, die von Haiti ebenfalls rund 1000 Kilometer entfernt liegen, werden schwindelerregende Dollar-Beträge nur von einem Konto zum anderen verschoben. Das kleine Karibik-Land südlich von Kuba, verwaltungstechnisch der britischen Krone untertan, ist in den vergangenen Jahrzehnten zum fünftgrößten Finanzplatz der Welt aufgestiegen. Es gibt 60.000 Einwohner, ein Kino, 269 Banken und fast zwei Milliarden Dollar Bruttosozialprodukt.
Brutto ist gleich Netto
Das Geschäftsmodell ist ganz einfach: Auf den Caymans ist Brutto gleich Netto, es gibt keine Steuern. Das hat 93 000 Firmen angelockt, die alle einen Briefkasten auf der Insel montiert haben. Mit ihren Niederlassungsgebühren finanzierten sie bisher den Staatshaushalt. Die Finanzkrise hat aber nun ein großes Loch in die Kasse gerissen, und der verschärfte Kampf gegen die Steueroasen ist auch nicht gut fürs Geschäft. Man wird sich wohl in Zukunft nach Alternativen umschauen müssen.
Arme auf dem Weg zu den Reichen
Wo es solche gewaltigen Unterschiede in der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums gibt, scheint vielen die Flucht aus dem Elend als einziger Ausweg. Die Armen suchen einen Weg zu den Reichen. Das gilt für Mittelamerika, wo etwa 25 Millionen Mexikaner trotz aller Grenzsperren in die USA gelangt sind – ein Viertel der gesamten mexikanischen Bevölkerung lebt seither nördlich des Rio Grande. Es gilt auch für die Karibik, wo die Ärmsten der Armen leben.
Tausende leben illegal in der Dominikanischen Republik
So schätzt man, dass mittlerweile zwischen 500.000 und einer Million Haitianer in der Dominikanischen Republik leben, die meisten allerdings illegal. Das kleine, vorwiegend vom Pauschaltourismus lebende Land, liegt wie Haiti auf der Karibik-Insel Hispaniola. Und wenn auch in der Dominikanischen Republik längst keine rosigen sozialen Verhältnisse herrschen, so liegt doch das Pro-Kopf-Einkommen mit 2000 Dollar rund fünfmal so hoch wie im bitterarmen Nachbarland Haiti.
"Remesas" Hälfte des Bruttoinlandprodukts
Die Migration ist nicht selten lebensgefährlich, sie zerreißt Familien, aber sie ist eine unentbehrliche ökonomische Stütze für die Daheimgebliebenen. Wenn es den Ausgewanderten gelingt, ein Auskommen zu finden, sparen sie sich meist jeden Dollar vom Mund ab und überweisen das Geld nach Hause. Mehr als zehn Milliarden Dollar transferieren emigrierte Zentralamerikaner jedes Jahr in ihre Ursprungsländer. In Haiti machen die "Remesas", die Auslandsüberweisungen, glatt die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts aus.
So lindert die massenhafte Migration in der Region die Armut und stabilisiert ganze Volkswirtschaften. Allerdings hat der finanzielle Transfer auch seine Nachteile. Weil die Empfänger die Auslandsdollars in die heimische Währung umtauschen, steigt deren Wert künstlich an, was wiederum die ohnehin meist schon spärlichen Exporte der armen Länder erschwert.
Freihandel gegen die Armut
Zuletzt setzten einige Staaten daher vor allem auf den Freihandel, um die Armut zu bekämpfen. Abkommen mit denVereinigten Staaten sollen dafür sorgen, dass Zölle und Abgaben auf Dienstleistungen allmählich verschwinden. Diese Strategie ist unter den Latino-Ländern freilich heftig umstritten, weil sie ihre schwachen Wirtschaften zugleich der übermächtigen Konkurrenz aussetzt.
So tut etwa Venezuelas linkspopulistischer Staatschef Hugo Chavez alles, um die von den Vereinigten Staaten gewünschte Freihandelszone mit einem alternativen Wirtschaftsbund zu kontern.
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