| 17.31 Uhr

Tropensturm "Harvey"
Houston vor dem Neuanfang

Houston räumt auf
Houston räumt auf FOTO: afp, jr/mb
Houston. Nach "Harvey" beginnen in Houston die Aufräumarbeiten. Ob der Tropensturm einen Wendepunkt in der Klimadebatte markiert? Viele Menschen in der texanischen Stadt hoffen darauf. Doch die Politik hat andere Prioritäten. Von Frank Herrmann

Früher schlängelte sich die Mason Road durch gepflegtes Suburbia, typisches Vorortmilieu mit akkurat gemähten Rasenflächen und Basketballkörben an den Bürgersteigen. Heute führt sie durch eine Landschaft, die Benny Pastora einen apokalyptischen Albtraum nennt. Ein furchtbarer Gestank liegt über dem Viertel, scheinbar sinnlos ragen Stoppschilder aus dem Wasser, vereinzelt auch Autodächer. Über dem Schlamm am Rand des Sees schwirren riesige Libellen, während Mückenschwärme Jagd auf nackte Waden machen.

Es ist der Tag fünf nach der großen Flut, der fünfte Tag nach dem apokalyptischen Sonntag, an dem der Tropensturm "Harvey" einen Regen nach Houston brachte, wie ihn noch keine amerikanische Stadt erlebt hat. Während das Wasser in den meisten Vierteln so weit gesunken ist, dass auf den Straßen der Verkehr wieder rollt, ist an der Mason Road kein Ende des Elends in Sicht. Wo die Allee mit ihren blühenden Myrten beginnt, grenzt sie an ein Rückhaltebecken, von dem die Houstonians inzwischen sprechen wie von einem Damoklesschwert. Noch nie musste das Barker Cypress Reservoir in so kurzer Zeit so viel Wasser auffangen. Um es nach und nach ablaufen zu lassen, werden Schleusen geöffnet. Dennoch bleibt die Gefahr, dass die altersschwachen Deiche dem noch immer enorm hohen Druck der Wassermassen nicht standhalten, dass sich eine Flutwelle Richtung Innenstadt wälzen könnte. "Es ist die Wahl zwischen zwei Übeln", sagt Pastora. "Und sie haben sich für das kleinere entschieden."

Einfamilienhaussiedlung unter Wasser gesetzt

Das kleinere Übel bedeutet, eine Einfamilienhaussiedlung namens Cinco Ranch, rund 40 Kilometer westlich der glitzernden Bürotürme der Downtown, auf absehbare Zeit unter Wasser zu setzen. Drei Wochen, hat Pastora von seinem Sheriff gehört, wird es wohl dauern, bis man wieder durch Cinco Ranch laufen kann, ohne bis zu den Hüften in brauner Brühe zu versinken. Der Mathematiker hält den Zeitplan für viel zu optimistisch. "Drei Wochen oder drei Monate, wer weiß das heute schon so genau."

Cinco Ranch ist untergegangen in einer Kloake. Die Kanalisation hat offenbar Schaden genommen, so dass Exkremente im Wasser schwimmen. Gerüchte gehen um, dass es nur so wimmelt von Schlangen. Bis Sonntag hat Benny Pastora in dem Viertel gewohnt, Dozent einer Universität, verheiratet mit Helen, einer Violinistin. 1995, damals brauchten sie Platz für ihre fünf Kinder, kauften sie ein geräumiges Haus in Cinco Ranch. In einer Straße, deren Name klingt wie aus einem Märchenbuch: Everhill Circle. Houston wuchs und wuchs, die Immobilienentwickler klotzten Siedlungen mit monotoner Architektur und wohlklingenden Namen ins Umland, auch direkt neben ein Auffangbecken im Westen der Stadt. Als das Barker Cypress Reservoir in den 30er Jahren angelegt wurde, in Regie des Ingenieurkorps der US-Armee, soll die Army davor gewarnt haben, in seinem Umkreis Häuser zu bauen. Nach "Harvey" scheinen sich alle wieder daran zu erinnern.

Und jetzt: von vorn anfangen

Was Pastora ganz sicher weiß, ist, dass er von vorn anfangen muss. Schimmlige Gipswände herausreißen, Kühlschrank, Waschmaschine, Trockner, die Möbel im Parterre ersetzen. Aber das sind die Sorgen für später. Zunächst geht es darum, Pinto und Taira zu retten, die beiden Katzen. Weil Helen besser mit ihnen kann, ist sie in ein Boot gestiegen, um nach den beiden zu suchen. In ein Airboat, eines dieser Dinger mit Propellerantrieb am Heck, wie sie in den Everglades in Florida durch seichte Sumpfgewässer düsen. Casey Fletcher, der Kraftwerksingenieur, dem so ein Boot gehört, ist spontan nach Cinco Ranch gekommen, um zu helfen. Troy E. Nehls, der zuständige Sheriff, hat den Bewohnern der versunkenen Siedlung per Facebook angeboten, dass sie sich am trockenen Ende der Mason Road einfinden können, um ihre zurückgelassenen Haustiere zu bergen. Es ist ein kleiner Zoo, der da an Land gebracht wird. Katzen, Wellensittiche, Papageien, sogar ein Leguan, reglos in einem Glaskubus liegend. Benny Pastora wartet auf Pinto, den gescheckten Kater, und Taira, eine Schönheit mit pechschwarzem Fell.

Als sie Hals über Kopf fliehen mussten, gerettet von der "Cajun Navy", einer Armada von Freiwilligen aus Louisiana, konnten sie nur das Allernötigste mitnehmen. Dann kam Nehls mit seiner Idee. Sie klang verwegen, zumal es riskant sein kann, sich in die Nähe der leeren Häuser zu wagen. Überall hängen abgerissene Stromkabel, nicht weit von hier wurden zwei Helfer durch einen Stromschlag getötet, nachdem sie gekentert waren. Fragt man Troy Nehls, ob das Risiko nicht zu hoch sei, wo es doch nur um ein paar Haustiere gehe, antwortet er wie ein erfahrener Seelentherapeut. "Es gibt so viele Kinder, die Albträume haben nach allem, was sie durchmachen mussten. Wenn ich denen wenigstens etwas zurückgeben kann, was sie beruhigt, hat sich die Sache gelohnt." Mit seinem Cowboyhut wirkt der drahtige Mann fast schon filmreif, als hätte ihn Hollywood engagiert, um die Rolle eines Sheriffs zu spielen, wie er perfekt dem Texas-Klischee entspricht. Andererseits ist sich Troy Nehls nicht zu schade, vom Boot aus in schmutziges Wasser zu springen, bekleidet mit Gummihosen, um zu aufgegebenen Häusern zu waten, abwechselnd mit Trevor, seinem Zwillingsbruder.

Ausnahmefall, für den man einfach nicht planen kann

Am entgegengesetzten Ende der Stadt, in einem Vorort namens Crosby: Weiße Zäune, Kuhweiden, Pferdekoppeln. Von Fluten ist kaum noch etwas zu sehen, und bis zu Dan Harris' Ranch auf einem Hügelchen an der Euell Road sind sie ohnehin nie gekommen. Dafür durchlebt Crosby die Katastrophe nach der Katastrophe. In der Nacht zum Donnerstag wurden die Bewohner von zwei Explosionen in einem Chemiewerk aus dem Schlaf gerissen. Da Notstromaggregate in fast zwei Meter hohem Wasser versanken, die dort benutzten Chemikalien aber ständig gekühlt werden müssen, kam es zur Havarie. Schwarzer Rauch zwang die Behörden zum Handeln, im Umkreis von zweieinhalb Kilometern wurde die Gegend rings um die Fabrik evakuiert. Harris wohnt nur wenige Meter außerhalb der Sperrzone. Er sitzt in einem Golfcart, neben ihm sein Pitbull Bruno, und verbreitet gute Laune. Solange ihn keiner auffordert, denkt er nicht daran, wegzuziehen.

Die geradezu biblischen Regenfälle sieht Harris als einen Ausnahmefall, für den man einfach nicht planen könne. "Du kannst kein Unternehmen zwingen, sich für einen Sturm zu wappnen, wie es ihn alle fünfhundert Jahre nur einmal gibt", sagt er. Bei Weitem nicht jeder in Houston sieht das so. Es gebe nun mal diesen unsichtbaren Elefanten im Raum, auch wenn mancher nicht über ihn reden wolle, schreibt Vernon Loeb, der Chefredakteur des "Houston Chronicle". Dieser Elefant namens globale Erwärmung sei hier in Amerika, so wie es ihn auch in Afrika, in Nahost und der Antarktis längst gebe, ob man ihn nun wahrhaben wolle oder nicht. Immer häufiger auftretende extreme Wettereignisse seien die logische Folge.

Ob "Harvey" einen Wendepunkt der amerikanischen Klimadebatte markiert, sogar in Texas? Auch Juan Barras findet, dass es höchste Zeit wäre. Andererseits weiß er nur zu gut, mit welchem Markenzeichen Houston für sich wirbt: Energie-Kapitale der Welt. In einer Stadt, in der alles am Öl und am Gas hängt, der Wohlstand, die Steuereinnahmen, die Spenden für lokale Politiker, in so einer Stadt habe ökologische Weitsicht einen sehr schweren Stand - auch nach "Harvey".

Hier lesen Sie, wie eine Deutsche das Unwetter in Texas erlebt hat.

Quelle: RP
 
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