Wirbelsturm-Katastrophe in Birma: Hungernde Flut-Opfer in Birma essen Kadaver
VON MATTHIAS BEERMANN - zuletzt aktualisiert: 11.05.2008 - 13:21Düsseldorf (RP). Wegrasierte Bambushütten, überschwemmte Felder und überall aufgedunsene Kadaver und Leichen, die das Wasser verseuchen: Im vom Sturm völlig verwüsteten Irrawady-Flussdelta in Birma, zu dem ausländische Hilfsorganisationen bisher keinen direkten Zugang hatten, spielen sich dramatische Szenen ab.
So haben hungernde Menschen nach Berichten von deutschen Krisenhelfern begonnen, die Kadaver ertrunkener Tiere zu verzehren. Dadurch erhöht sich die akute Seuchengefahr noch weiter. „Die Situation da draußen ist verheerend“, sagt Roland Hansen vom Malteser Hilfsdienst. „Sie verschlechtert sich von Stunde zu Stunde.“
Eine Million Menschen seien betroffen. Hunderttausende sind mittlerweile in improvisierten Auffanglagern zusammengepfercht, ohne sauberes Wasser und ohne Nahrungsmittel. Viele Menschen leiden schon an Durchfallerkrankungen, Fieber und Infektionen der Atemwege.
Nur wenige Helfer schaffen es überhaupt ins Land. Ein Malteser-Team etwa, dass ins Land gereist ist, um dort ein Notlazarett aufzubauen. Westliche Helfer will die birmanische Regierung weiter nicht frei im Land agieren lassen. "Das war die Bedingung, um überhaupt endlich dort helfen zu dürfen", sagt Hansen. Seine Organisation ist seit sieben Jahren in Birma tätig. "Nur deswegen können wir schon etwas tun."
Bislang haben die Vorräte an Medikamenten und Wasser-Desinfektionsmitteln ausgereicht. Doch nun müssten schnell Hilfslieferungen aus dem Ausland folgen, sagt ein Malteser-Mann. Auch die ebenfalls in Birma seit vielen Jahren tätige Deutsche Welthungerhilfe konnte bisher noch auf Vorräte zurück greifen.
Paradox: Lebensmittel sind im Reis-Exportland Birma durchaus noch vorhanden, nur sind sie wegen der explodierenden Preise für die Menschen unerschwinglich geworden. „Viel wäre geholfen, wenn man wenigstens das Vorhandene verteilen könnte“, sagt Stefanie Koop von der Welthungerhilfe.
Doch den frustrierten Krisenhelfern sind weitgehend die Hände gebunden. Bisher durften sie nicht viel mehr tun als die Lage zu erkunden. Weil sie mit leeren Händen kamen, wurden die Mitarbeiter einer anderen Hilfsorganisation außerhalb der Hauptstadt Rangun von verzweifelten Flut-Opfern bereits tätlich angegriffen. „Man kann das verstehen“, sagt Stefanie Koop, „diese Menschen sind am Verhungern. Die Region ist ein Pulverfass.“
Besonders Frauen und Kinder leiden unter der katastrophalen Versorgungslage. „Schon vor der Sturmflut waren viele Kinder unterernährt“, schildert Unicef-Mitarbeiter Osuma Kunii, der in Rangun Lebensmittel verteilt. „Jetzt haben sie nicht mehr die Kraft, eine weitere Verschlechterung der Bedingungen auszuhalten.“
Massive Beteiligung an Referendum in Birma
Einen Tag nach dem umstrittenen Verfassungsreferendum in Birma hat die Staatszeitung von einer "massiven Wahlbeteiligung" berichtet. Die Öffnungszeiten der Wahllokale seien an einigen Orten sogar verlängert worden, damit alle Bürger ihre Stimme abgegeben konnten, meldete die Zeitung "New Light of Myanmar" am Sonntag. "Das Referendum war von Erfolg gekrönt", hieß es weiter. In den am stärksten von Wirbelstrum "Nargis" betroffenen Gebieten hatte die Militärregierung die Abstimmung um zwei Wochen verschoben.
Die birmanische Opposition berichtet unterdessen von massiver Wahlfälschung. In vielen Wahllokalen seien die Stimmzettel bereits vorab ausgefüllt worden, meldet die birmanische Exilzeitung "Irrawaddy".
Weltweit hatten Regierung und Hilfsorganisationen zuvor die Junta des verarmten Landes aufgerufen, das Referendum vollständig abzusagen und sich auf die Hilfe für die Opfer zu konzentrieren. Die birmanischen Militärmachthaber weigern sich weiter, internationale Katastrophenexperten in das abgeschottete Land zu lassen. Stattdessen übernehmen sie selbst die Verteilung der Hilfslieferungen. Nach Angaben der Vereinten Nationen erreichte die Hilfe bisher gerademal ein Viertel der Opfer.
Die neue Verfassung soll nach Angaben der Regierung den Weg zu Wahlen im Jahr 2010 freimachen. Kritiker befürchten jedoch, die seit 1962 regierende Junta werde ihre Kontrolle über das südostasiatische Land auf Jahre zementieren. Unter anderem versperrt die Verfassung Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi den Weg zum Präsidentenamt, weil sie bis zu dessen Tod 1999 mit einem Ausländer verheiratet war. Auch kann die Armeeführung demnach den Notstand ausrufen und die Regierung übernehmen, wenn sie die "nationale Solidarität" in Gefahr sieht.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum