Kampusch-Dokumentation in der ARD: "Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen"
VON DANA SCHÜLBE - zuletzt aktualisiert: 25.01.2010 - 22:16Düsseldorf (RPO). Entführungsopfer Natascha Kampusch hat in einer beeindruckenden Dokumentation über ihren Leidensweg gesprochen. Die heute 21-Jährige wirkte stark und gefasst. Nur wenige Male zitterte die Stimme. Der Namen ihres Entführers kommt ihr nicht über die Lippen.
Wacklig sind die Bilder, die den Gang in das Verlies zeigen, in dem die heute 21-Jährige leben musste. Acht Jahre lang in den Händen ihres Entführers Wolfgang Priklopil. "Ich wusste nicht, ob Tag oder Nacht ist, die innere Uhr war völlig aus dem Gleichgewicht", erzählt Natascha Kampusch.
Chronologisch erzählt die Dokumentation die Zeit der Gefangenschaft, ihre Befreiung und deutet den Medienrummel an, der danach begann. Zwei Jahre hat sich die junge Frau Zeit gelassen, bis sie sich entschied, bei dem Film mitzumachen.
"Ich wollte das von einer anderen Seite betrachtet sehen", anders, als die Dinge in Österreich gesehen werden, wie sie sagt. Und Autor Peter Reichard wollte den Film "so nah wie möglich an der Realität machen". Das ist ihm gelungen. Düster und unheimlich zeigen die Bilder die Leidensgeschichte Kampuschs - vom ersten bis zum letzten Tag.
Es war der 2. März 1998 als das kleine Mädchen Natascha Kampusch auf dem Schulweg verschwand. Mit zittriger Stimme beschreibt sie diesen Tag. Begleitet werden die Erzählungen lediglich von schemenhaften Bildern, die den Weg zeigen sollen, den der Entführer genommen hatte.
Kampusch schließt die Augen, als sie erzählt, wie Priklopil sie packte und in einen Kastenwagen packte. "Ich habe in dem Moment eigentlich schon mit meinem Leben abgeschlossen." Sie erinnert sich an jedes Detail, wie er sie in eine Decke hüllte, wie er sie auf den Boden legte.
Ruhig, gefasst scheint sie äußerlich, wie sie in diesem abgedunkelten Raum sitzt und von den grausamen Jahren erzählt. Lediglich ihrer Stimme hört man an, dass sie das Leiden noch einmal miterlebt. Teils gebrochen, teils abgehackt, aber auch wieder fest spricht sie.
Graue Wände, ein tropfender Wasserhahn - Detailaufnahmen des Verlieses untermalen die Erzählungen der jungen Frau. Sie zeigen das, was das kleine Mädchen damals gesehen und wie sie es empfunden haben muss. "Jeder Tropfen hat mehr Luftfeuchtigkeit bedeutet", sagt sie. Es sind beklemmende Bilder, die schon allein durch ihre Nähe zu den Dingen wirken. Die Musik, fast wie in einem Horrorfilm, die die Bilder unterlegen, hätte es nicht gebraucht.
Unterbrochen werden Kampuschs Schilderungen von der Geschichte der Fahndung. So beschreibt der Autor das Vorgehen der Polizei, die Spuren, die auch auf Priklopil deuteten, die Pannen. Alles sehr sachlich, ohne Vorwürfe.
Auch kommt der als engster Freund Priklopils geltende Ernst Holzapfel zu Wort. Er versucht, den Menschen hinter dem Täter zu beschreiben. Doch bekommt man vielmehr bei Kampuschs Erzählungen, die sich mit denen Holzapfels decken, ein Gefühl für ihn. Kampusch selbst spricht nur von "ihm" oder von dem "Täter", scheint sich so eine Distanz zu ihm aufgebaut zu haben. Nie nennt sie seinen Namen.
Im Verleich zu ihrer Mutter wirkt Natascha Kampusch unheimlich stark. Brigitta Sirny kommen immer wieder die Tränen, sie schluchzt, wenn sie an die Zeit ohne ihr Kind denkt. Die 21-Jährige dagegen wirkt, als helfe es ihr, die Dinge zu erzählen, um das alles zu verarbeiten.
"Das muss eine wahnsinnige Genugtuung für ihn gewesen sein, dass er jemanden eingesperrt hat", sagt sie. Man bekommt das Gefühl, die junge Frau hat Gründe dafür gefunden, warum Priklopil das getan hat. "Er hat das als Lösungsweg gesehen. Das hat in mir eine Art Mitgefühl ausgelöst."
Auch die Misshandlungen kommen in der Dokumentation zu Wort, der Sauberkeitswahn des Täters, wie sie nicht weinen durfte und wie sich das Mädchen selbst unterrichtet hat. Ab und zu stockt sie dabei, denkt nach, um schließlich genauer ins Detail zu kommen. Schließt die Augen, als wenn sie sich die Bilder noch mal genau vor Augen führen will, den Blick meist nach unten gerichtet.
Nüchtern auch das Ende des Films, der von der Flucht berichtet. Nüchtern, wie Kampusch den Tod des Täters beschreibt: "Dann ist der Zug über seinen Kopf gefahren. Dann war er tot."
Es ist möglich, dass eine zweite Dokumentation folgt. Auch Kampusch selbst will sich weiter mit dem Erlebten auseinandersetzen. So wie sie inzwischen das Haus des Entführers besitzt und bereits wieder in dem Verlies war. "Das ist, als würden Sie in Ihr Jugendzimmer zurückkommen", sagt sie.
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