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Zerstörte Notunterkünfte
Wut von Flüchtlingen an griechisch-mazedonischer Grenze kocht über

Brennpunkte: Die Flüchtlingsbrennpunkte Europas
Brennpunkte: Die Flüchtlingsbrennpunkte Europas FOTO: dpa, kc jak
Idomeni. Seit Tagen harren Flüchtlinge an der greichisch-mazedonischen Grenze aus. Der Tod eines Mannes hat die ohnehin schon angespannte Stimmung noch weiter angeheizt. Flüchtlinge stürmen Zelte von Hilfsorganisationen ein und zerstörten Notunterkünfte. Helfer mussten sich in Sicherheit bringen.

Ein Marokkaner starb, als er nach Polizeiangaben auf einen Eisenbahnwaggon stieg und dabei eine Hochspannungsleitung berührte. Wütende Landsleute trugen daraufhin die Leiche zum Grenzübergang und wurden von Beamten mit Tränengas zurückgedrängt. Außerdem stürmten aufgebrachte Flüchtlinge Zelte von Hilfsorganisationen und zerstörten Notunterkünfte.

Erst am Samstag hatte sich ein Marokkaner unter ähnlichen Umständen schwere Verbrennungen zugezogen. Viele Flüchtlinge nutzen die an der Grenze geparkten Züge als Unterschlupf. Die Polizei ging davon aus, dass der am Donnerstag gestorbene Marokkaner aus Verzweiflung bewusst die Hochspannungsleitung berührte.

Die Lage an der griechisch-mazedonischen Grenze ist seit Tagen angespannt. Viele Flüchtlinge sitzen dort fest, nachdem Mazedonien am 19. November entschieden hatte, nur noch Syrer, Afghanen und Iraker durchzulassen. Der Zugverkehr zwischen Griechenland und Mazedonien ist unterbrochen, weil iranische Flüchtlinge aus Protest die Bahngleise im Niemandsland blockieren. Einige von ihnen haben sich den Mund zugenäht.

"Wir sind hier seit fünf Tagen", sagte ein Marokkaner namens Mohammed. "Wir haben kein Essen und wir frieren. Warum lassen sie uns nicht durch? Sind wir keine Menschen? Wir sind keine Terroristen." Mazedonien dient den Flüchtlingen auf der sogenannten Balkanroute als Transitland. Die Wut der Menschen, an der Grenze festzusitzen, kochte am Donnerstag über. Gruppen von Flüchtlingen stürmten Zelte von Hilfsorganisationen und zerstörten improvisierte Notunterkünfte, die das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) errichtet hatte. Helfer brachten sich in Sicherheit.

"Wir wurden im Morgengrauen angegriffen", sagte Antonis Rigas von Ärzte ohne Grenze. "Unsere Sicherheit war in Gefahr". Die Internationale Organisation für Migration (IOM) riet Helfern, aus Sicherheitsgründen nicht in das Flüchtlingscamp zu gehen. Die Organisation rief die Migranten mit Flugblättern auf, das Lager binnen drei Tagen zu verlassen. Die griechische Regierung schickte Busse und Züge, damit die Flüchtlinge, die keine Chance auf einen Grenzübertritt haben, nach Athen und Thessaloniki zurückkehren können. Nur 120 Menschen ließen sich darauf ein.

Am Donnerstag gab es auch Zusammenstöße zwischen unterschiedlichen Gruppen von Flüchtlingen. Migranten, die gemäß der mazedonischen Regelung die Grenze überqueren dürfen, aber dennoch warten mussten, und andere, die nicht durchgelassen werden, bewarfen sich gegenseitig mit Steinen.

Nach Angaben der griechischen Polizei harrten am Donnerstag rund 2500 Flüchtlinge aus Syrien, Irak und Afghanistan am Grenzübergang auf sowie rund 3000 Menschen aus anderen Ländern. Letztere werden von den örtlichen Behörden als Wirtschaftsflüchtlinge angesehen. "Wir sind keine Wirtschaftsmigranten, wir haben Geld", sagte ein Iraner namens Omid. "Ich bin Christ und ich bin hier in Gefahr", fügte er mit Blick auf die Lage im Flüchtlingscamp hinzu. Muslime hätten ihn und andere mit Steinen und Eisenstangen attackiert.

Mazedonien, Serbien und Kroatien liegen auf der sogenannten Balkanroute, über die hunderttausende Menschen in EU-Länder fliehen. Ein Großteil von ihnen will nach Deutschland weiterreisen. Um den Flüchtlingsandrang zu stoppen, errichtete Mazedonien inzwischen einen Grenzzaun zu Griechenland.

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(AFP)