Ortsbesuch in Afrika: In Somalia sind Piraten gefeierte Helden
zuletzt aktualisiert: 20.11.2008 - 19:10Mogadischu (RPO). Auf den Meeren sorgen die somalischen Piraten zunehmend für Angst und Schrecken. In ihrer Heimat Somalia bauen sie sich vornehme Steinhäuser, fahren Luxusautos, heiraten schöne Frauen und engagieren sogar Catering-Dienste zur Verpflegung ihrer Geiseln. In dem Land ohne funktionierende Regierung sind sie geachtete Geschäftsleute. Ein Ortsbesuch.
Somalia hat seit fast 20 Jahren keine funktionierende Regierung mehr. Das Land ist von Bürgerkrieg, Chaos und Armut geprägt. Hier haben die Piratenbanden, die immer dreister in internationalen Gewässern Schiffe kapern, ihre Basis. Experten glauben, dass die internationale Piraterie nur zu besiegen ist, wenn auch das somalische Festland kontrolliert wird.
Davon ist das Land weit entfernt. Die Lebenserwartung liegt bei 46 Jahren, jedes vierte Kind stirbt noch vor dem fünften Geburtstag. Ausländische Hilfsorganisationen haben das Land angesichts der vorherrschenden Gewalt fast völlig verlassen. Im Süden des Landes haben islamische Extremisten die Herrschaft übernommen, die Verdächtige auspeitschen und steinigen lassen.
In dieser Woche ging der saudiarabische Supertanker "Sirius Star" mit Öl im Wert von rund 100 Millionen Dollar vor Anker. Als der 330 Meter lange Koloss am Horizont auftauchte, versammelten sich Dorfbewohner an der Küste zum Feiern. Händler bauten ihre Stände mit Zigaretten, Essen und kalten Getränken auf, um die fast täglich an Land kommenden Piraten zu versorgen.
Piraten werden hier als vertrauenswürdige Geschäftsmänner behandelt - zumindest an der Küste. Bei Dahir dürfen sie sogar alle Einkäufe anschreiben lassen. "Sie nehmen immer Sachen ohne zu zahlen und wir schreiben sie ins Schuldenbuch", sagt die Händlerin. "Später, wenn sie dann das Lösegeld haben, zahlen sie uns viel Geld." Die Tatsache, dass die Piraten für Jobs sorgen, verschafft ihnen Ansehen - auch wenn die Besatzungsmitglieder der gekaperten Schiffe monatelang festgehalten werden.