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Tokio
In Tokio wird die Einsamkeit zum Geschäft

In Tokio wird die Einsamkeit zum Geschäft
In Tokio leben über neun Millionen Menschen. Viele von ihnen sind Singles. FOTO: dpa, km ms
Tokio. Noch nie waren so viele Japaner Singles wie heute. Das Alleinsein hat ökonomische Gründe und schafft einen riesigen Markt - für Liebe. Von Felix Lill

Auf den ersten Blick wirkt Yusuke Oshima wie der Held eines kitschigen Manga-Comics: Die Haare hat er wild und akribisch in alle Richtungen gestylt, im tiefen Ausschnitt des schwarzen Hemdes ziert eine funkelnde Kette seine blanke Brust. "An mir ist ja wirklich nicht alles echt", sagt er. Privat würde er nicht so rumlaufen, aber der Kunde, oder vielmehr die Kundin, sei eben König. Gleich, wenn in Tokio die Sonne untergeht, beginnt seine Arbeit. Dann werden sich die Liebespaare in der Megastadt auf Zweisamkeit freuen. Und die Übriggebliebenen kommen zu Yusuke Oshima, den sie in der Branche auch "den Märchenprinzen" nennen.

Oshima ist von Beruf "Host", oder in anderen Worten: Liebhaber. Nicht Prostituierter, wie er betont. "Frauen bezahlen mich, damit ich ihnen schöne Augen mache, mehr nicht. Ich benehme mich einfach wie der perfekte Gentleman." Seinen Charme lässt sich der Märchenprinz üppig vergüten.

Manga-Fans beim Japan-Tag 2015 FOTO: dpa, hka ink

Der Eintritt in den Nachtclub, in dem neben ihm zehn weitere Liebhaber arbeiten, zuhören, flirten, Komplimente machen, kostet für eine Stunde am Tisch mit einem der Kavaliere 12.000 Yen (rund 92 Euro). Getränke kommen obendrauf, jede weitere Stunde kostet extra. Wie ein Butler zeigt Oshima durch den Saal seines Etablissements, das an einen Stripclub erinnert: verspiegelte Wände, gepolsterte Sitzbänke, quadratische Tische mit Champagnerkübeln.

Oshima weiß, dass er gebraucht wird: Tokio, die mit 35 Millionen Einwohnern größte Metropole der Welt, ist zugleich der größte Singlemarkt des Planeten. Der Anteil der Singlehaushalte hat 50 Prozent erreicht. 47 Prozent aller japanischen Männer und 35 Prozent aller Frauen zwischen 30 und 34 Jahren sind nicht verheiratet. Auch der Anteil derer, die nicht nur keine Beziehung, sondern auch keinen Sex haben, steigt seit längerem. Für Hosts oder auch Hostessen, die weibliche Variante des Liebhaberjobs von Oshima, bedeutet das viel Kundschaft. Allein im Tokioter Stadtviertel Kabukicho, in dem auch Yusuke Oshimas Club liegt, finden sich gut 650 Adressen, die den Liebhaberservice anbieten. Pro Nacht setzt so ein "host club" oder "hostess club" zwischen 500.000 und 800.000 Yen um (rund 3800 bis 6100 Euro).

Und tatsächlich ist viel mehr käuflich als Körperlichkeit: Es geht um die Liebe oder zumindest das Versprechen derselben. Yusuke Oshima hat sich angezogen, Parfüm aufgetragen, die Schuhe glänzen. Er geht noch schnell die Liste im Handy durch, um keine der Besucherinnen zu verwechseln. Mit Stammkundinnen tauscht er Nummern aus. Eine alleinstehende Managerin schrieb ihm jüngst mitten in der Nacht: "Ich würde dich jetzt so gerne treffen." Oshima antwortete: "Ich liege im Bett, meine Liebe. Ich wünschte mir, du wärst auch hier." Natürlich heuchelt Oshima Gefühle vor, aber die Frauen wissen es. Dass dieses Geschäft funktioniert, wundert ihn manchmal: "Ich verstehe nicht, dass so viele attraktive Frauen zu mir kommen, weil sie niemanden haben."

Ein Phänomen von Wohlstandsgesellschaften, das in Japan wohl seine Zuspitzung findet. Die Mehrheit wünscht sich einen Partner, gibt in Befragungen aber an, keinen zu finden. In Gesprächen ist häufig das Wort "Einsamkeit" zu hören. Nach Umfragen hätte der Durchschnittsjapaner gern zwei bis drei Kinder, die Geburtenrate aber liegt seit langem bei 1,4 pro Frau, so gering, dass die Bevölkerung seit Jahren schrumpft. Dies hat zu Arbeitskräftemangel und einer vergreisenden Gesellschaft geführt.

Gleichzeitig scheint das Bedürfnis nach Liebe nicht zu verschwinden, und Geld wird auf vielen Ebenen gemacht. In Japan haben in den letzten Jahren Kuschelcafés geöffnet, in denen Kunden einen Partner zum Liebkosen mieten. Es gibt Videospiele, in denen eine Liebesbeziehung mit einem Avatar geführt wird. Singles zahlen für Hochzeitsfotos, obwohl sie keinen Partner haben. So kommen Dienstleister wie Yusuke Oshima zu Wohlstand. Im Zentrum von Tokio lebt er in einer Dreizimmerwohnung, kaum ein Gleichaltriger könnte das bezahlen.

Als 1990 die größte Spekulationsblase der japanischen Geschichte platzte, fuhr ein ganzes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem an die Wand. Japan rutschte in eine teils bis heute währende Krise, geprägt von wirtschaftlicher Stagnation und Mangel an Zuversicht. Der ideale Lebenslauf, geprägt von einer lückenlosen Beschäftigung bis zur Rente, entspricht heute kaum noch der Realität. Mehr als die Hälfte aller Japaner unter 25 Jahren und rund ein Drittel der gesamten Arbeitsbevölkerung arbeitet ohne Festanstellung. In Japan heißt das meist: 40 Prozent weniger Bezahlung, keine Altersvorsorge, kaum Planungssicherheit, eine Sparquote nahe null.

Und es heißt auch: schlechte Chancen auf dem Heiratsmarkt. Bis heute ist Japans Arbeitsmarkt so organisiert, dass für Frauen eine Schwangerschaft das Karriereende markiert. Wer sich also Kinder wünscht, ist aus finanziellen Gründen gut beraten, sich an einen Mann mit einem sicheren Einkommen zu halten. Auch deshalb ist die Geburtenrate niedrig, sind Hochzeiten seltener als früher: Die Männer, die das traditionelle Leben allein stemmen könnten, sind selten geworden.

Wer verstünde solche Entwicklungen besser als ein Geschäftemacher? In Meguro, einem anderen Viertel Tokios, tummeln sich abends junge Leute in einer Bar. Ein cool aussehender Typ mit einem lockeren Pullover spricht ins Mikrofon: "Liebe Damen, herzlichen Glückwunsch! Heute habt ihr es mit guten Partien zu tun." Takeshi Hosaka eröffnet das Buffet seiner Kuppelparty, die dem Motto folgt: "Mädchen, schnappt euch einen Staatsdiener!" Hosakas Unternehmen Machi-kon veranstaltet fast täglich Events, in denen Mann und Frau zusammenkommen sollen: mal sind es Kochabende, ein anderes Mal Fußball- oder Brettspiele. Hauptsache, man wird einem Menschen des anderen Geschlechts vorgestellt. 70 Teilnehmer kommen im Schnitt, das Geschäft expandiert.

An einem der Tische sitzt Yuki Satou. Ihre Haare hat sie hochgesteckt, die Schminke verbirgt alle Makel, denn vom heutigen Abend verspricht sich die 33-jährige Krankenschwester etwas, sie hat immerhin 5000 Yen (rund 38 Euro) für das Ticket investiert. "Ich will einen Mann mit sicherem Einkommen. Am liebsten würde ich noch dieses Jahr heiraten", sagt sie. Ihr gegenüber sitzen zwei potenziell geeignete Kandidaten, ein Feuerwehrmann und ein Lehrer.

Der Ablauf des Abends ist streng organisiert. Die jungen und nicht mehr ganz so jungen Damen rutschen alle paar Minuten im Rotationsprinzip weiter, um die Herren, ihre mögliche Lebensversicherung, kennenzulernen. Takeshi Hosaka, der berufliche Matchmaker, schaut sich das Ganze aus der Distanz an. Er führt Buch über die Erfolge seines Unternehmens, das die traditionelle, echte Liebe verspricht, viel mehr also als die gespielten Zärtlichkeiten des Märchenprinzen Yusuke Oshima. Machi-kon sei erfolgreich im Verkuppeln: "Statistisch gesehen finden zehn Prozent unserer Kunden einen Partner. Von denen wird wiederum ein Fünftel schließlich heiraten." Er finde die Quote nicht schlecht, sagt Hosaka. All diejenigen, die leer ausgehen, dürften ja wiederkommen, um bald Liebe zu finden. Vielleicht.

Quelle: RP
 
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