| 19.55 Uhr
Tote und etliche Vermisste nach Zugexplosion
Inferno in der Kleinstadt
Tankzug in kanadischer Kleinstadt explodiert
Tankzug in kanadischer Kleinstadt explodiert FOTO: afp, -
Lac-Mégantic. Ein Güterzug voller Öl, der führerlos einen Hügel herunterrast  mitten in einer Kleinstadt explodiert. Es klingt wie aus einem Drehbuch für einen Katastrophenfilm. In Kanada wurde es furchtbare Realität. Die Polizei bestätigt fünf Tote - und rechnet mit mehr.

Bei dem schweren Güterzugunglück in Ostkanada sind mindestens fünf Menschen getötet worden. Die Polizei der Provinz Quebec bestätigte am Sonntag, dass nach dem ersten Opfer am Samstag weitere Leichen in der Kleinstadt Lac-Mégantic gefunden wurden. Am frühen Samstagmorgen (Ortszeit) war ein führerloser Zug mit 73 Kesselwagen voller Rohöl in das 6000-Einwohner-Städtchen gerast und explodiert. Die Feuer wurden erst nach mehr als 24 Stunden gelöscht. Viele Häuser sind zerstört.

"Und wir müssen leider sagen, dass wir mit noch mehr Toten rechnen müssen", sagte ein Polizeisprecher der Nachrichtenagentur dpa. "Das Unglück war verheerend und hat den Ort schwer getroffen. Wir müssen uns auf weitere schlechte Nachrichten gefasst machen."

Noch immer gebe es Dutzende Vermisste. Das könne aber nicht gleich in Opfer umgerechnet werden. "Viele mögen im Urlaub oder über das Wochenende weggefahren sein. Wir sind dankbar, dass einige, die nicht zu Hause waren, sich von selbst bei uns melden und wir sie von der Liste nehmen können", sagte der Sprecher.

Das Unglück traf die Menschen in Lac-Mégantic an einem lauen Sommerabend - und dann ist es wie in einem Katastrophenfilm: Ein heißer Feuerball rast durch das idyllische Städtchen in Ostkanada. Kurz zuvor ist ein Güterzug mit Kesselwagen voller Rohöl entgleist, Waggons explodieren mit voller Wucht. Die Kleinstadt mit nicht einmal 6000 Einwohnern wird verwüstet, mindestens fünf Menschen sterben. Die Behörden befürchten noch mehr Opfer - und rätseln über die Ursache.

Es ist kurz nach Mitternacht, als der Güterzug auf einem Hügel ins Rollen kommt. 73 Kesselwagen voller Öl donnern in das Städtchen. Das Feuer wälzt sich nach dem Knall der Explosionen durch den ganzen Ort. Menschen, die gerade noch mit einem Drink die ungewöhnlich warme Nacht genießen, rennen nun um ihr Leben.

Videoaufnahmen von Augenzeugen zeigen aus einiger Entfernung, wie die Flammen meterhoch in den Nachthimmel schlagen. Dann erschüttert eine Explosion nach der anderen den Ort. "Mon Dieu!", "Mein Gott!", ruft der Filmer in der französischsprachigen Provinz Quebec. Vor Entsetzen lässt er fast seine Kamera fallen. Die Feuerwehr scheint auf verlorenem Posten zu stehen, obwohl selbst die Kameraden aus den nahen USA sofort angerückt sind. Mehr als 24 Stunden wüten die Flammen.

"Es war wie in einem Kriegsgebiet", sagte Feuerwehrchef Denis Lauzon noch im Hitzeschutzanzug. Hinter ihm lodern immer noch Flammen aus den Kesseln. "Viele Gebäude sind zerstört. Es ist einfach... es ist kaum vorstellbar." Die Polizei bestätigt am Sonntag fünf Todesopfer. Doch viele Menschen gelten noch immer als vermisst.

Wie kann ein Güterzug mit brennbarem Gefahrengut in einen Ort rasen? Noch dazu ohne Lokführer? Denn der war im Hotel schlafen gegangen - ganz so wie es sein Dienstplan vorsah.

Die Frage beschäftigt nicht nur die Behörden, sondern auch die Bahngesellschaft. "Wenn die Bremsen nicht ordentlich angezogen sind, rollt der Zug den Berg runter", sagte Bahnchef Edward Burkhardt der Zeitung "The Star". "Aber wir gehen davon aus, dass die Bremsen ordnungsgemäß angezogen waren."

Ob die Bremsen versagten, ob der Mensch versagte, ob ganz andere Gründe im Spiel waren, das wollen jetzt die Behörden klären. Die Bahngesellschaft hatte sich erst vor zehn Jahren gebildet. "Wir hatten eine sehr gute Sicherheitsbilanz diese zehn Jahre", sagte Bahnchef Burkhardt. "Damit ist es nun wohl vorbei."

Gut 2000 Menschen, mehr als ein Drittel der Einwohner, mussten ihre Häuser verlassen. Mehrere Hundert sind obdachlos. Die meisten kamen bei Freunden oder Verwandten unter, andere beim Roten Kreuz.m"Es ist ein kleiner Ort und wir sehen eine Menge Solidarität", sagte Myriam Marotte vom Roten Kreuz dem kanadischen Fernsehsender CBC.

Dutzende Menschen wurden verletzt. Mindestens 30 Gebäude im Zentrum der kleinen Stadt gibt es nach dem Feuer und den Explosionen nicht mehr. Bei der Brandbekämpfung halfen auch Feuerwehrleute aus den nahen USA. Noch am Sonntag wollte Kanadas Premierminister Stephen Harper das Städtchen besuchen.

Ein Rätsel ist nach wie vor die Unglücksursache. Der Bahnbetreiber berichtet, der Lokführer habe den Zug abgestellt und Bremsen und Ladung kontrolliert, bevor er sich in einem Hotel schlafen legte. Dennoch hätten sich die 73 Waggons von der Lokomotive gelöst und seien ins Tal gerast.

Lac-Mégantic ist eine kleine Stadt in der französischsprachigen Provinz Quebec. Sie liegt 250 Kilometer östlich von Montreal und 150 Kilometer südlich der Stadt Quebec. Die Grenze zum US-Staat Maine ist nur zehn Kilometer weiter.

Quelle: dpa
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