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Zugunglück in Viareggio: Italien sucht den Schuldigen

VON MATTHIAS BEERMANN - zuletzt aktualisiert: 01.07.2009 - 21:32

Düsseldorf/Viareggio (RP). Die Regierung Berlusconi kündigt eine Untersuchung des Kesselwagen-Unfalls in der Toskana an. Als Folge könnten die Transportvorschriften in der ganzen EU verschärft werden. Kritik gibt es an der italienischen Staatsbahn.

Einen Tag nach dem schweren Zugunglück im toskanischen Viareggio, bei dem die Explosion eines mit Flüssiggas beladenen Güterzugs das umliegende Wohngebiet in eine Flammenhölle verwandelt hatte, hat die Debatte über die Ursachen der Katastrophe gestern eine politische Wendung genommen.

Italiens Innenminister Roberto Maroni erklärte, wenn die Ursache des Unglücks festgestellt worden sei, müsse man womöglich auf eine Änderung der EU-Bestimmungen zum Transport von Gefahrengütern auf der Schiene drängen. "Deswegen haben wir eine Untersuchung eingeleitet. Um zu prüfen, ob es eventuell eine Lücke in diesen Bestimmungen gibt oder ob es sich um einen Fall mangelhafter Wartung handelt oder gar um die Missachtung der bestehenden Vorschriften", erklärte Maroni.

Infrastrukturminister Altero Matteoli sagte im Parlament, die Ermittler gingen Berichten nach, wonach an einem der mit Flüssiggas beladenen Waggons eine Achse gebrochen sei, die Spuren von Rost aufgewiesen habe. Der verunglückte Zug wurde von Mitarbeitern der italienischen Staatsbahn (FS) gefahren, während die Kesselwagen einer Tochter des US-Konzerns GATX gehören.

Zugführer nimmt sich in Schutz

Eine Sprecherin der Deutschen Bahn erklärte, die Waggons gehörten dem Unternehmen nicht und seien auch nicht von ihm gemietet worden. Der Zugführer schloss Fehler der Bahn aus. "Wir gerieten in ein Inferno, aber das war nicht meine Schuld", sagte er im Krankenhaus.

Auch FS-Chef Mauro Moretti versicherte, die Katastrophe sei nicht auf Fehler der Bahn zurückzuführen. GATX erklärte, die Kesselwagen seien neu gewesen: "Bislang sehen wir keinen Zusammenhang zwischen der Unfallursache und unseren Waggons." Bei dem Unglück starben bis gestern 16 Menschen, 27 wurden teils schwer verletzt und schwebten weiter in Lebensgefahr.

Die Gewerkschaften sprachen von einer „vorhersehbaren Katastrophe”. In den vergangenen Jahren sei bei der Instandhaltung des Bahnnetzes gespart worden. „Die Bahndirektion denkt nur an die Hochgeschwindigkeitszüge, weil es dort Gewinne zu machen gibt, und vergisst dabei die Sicherheit”, kritisierte ein Gewerkschaftssprecher.

Die Oppositionsparteien verlangten, dass Bahnchef Moretti vor dem Parlament über die Katastrophe berichtet. "Man muss volle Klarheit über diese Tragödie schaffen", forderte Oppositionspolitiker Massimo Donadi. Die Chefin des Industriellenverbandes Confindustria, Emma Marcegaglia, bezeichnete das Unglück als "Katastrophe, die in einem zivilisierten Land unannehmbar" sei. "Man muss begreifen, was in Viareggio geschehen ist. Unglücke dieser Art dürfen einfach nicht passieren", betonte Marcegaglia.

Umgebung weiterhin gesperrt

Unterdessen arbeiteten Feuerwehrleute am Mittwoch weiter daran, die bei dem Unfall unversehrten Kesselwagen zu leeren, um weitere Explosionen zu verhindern. Alle 13 noch intakten Flüssiggas-Waggons sollten bis zum späten Abend vollständig geleert werden. Aus Sicherheitsgründen blieb die gesamte Umgebung gesperrt. Rund 1000 Menschen hatten schon die Nacht davor nicht in ihren Häusern verbringen können.

"Die Infrastruktur wurde stark getroffen. Viele Wohnungen und Häuser sind völlig zerstört", sagte Guido Bertolaso, der Chef des Katastrophenschutzes. "Alles wieder instandzusetzen, das wird dauern". Jetzt müssten erst einmal Notunterkünfte für die obdachlos gewordenen Menschen gefunden werden. Es könnten auch immer noch Personen unter den eingestürzten Häusern liegen.

Das Explosionsunglück von Viareggio ist die zweite schwere Katastrophe, die Italien innerhalb kurzer Zeit trifft. Erst im April hatte ein Erdbeben in den Abruzzen 299 Menschen in den Tod gerissen.

Wie schon damals versucht Ministerpräsident Silvio Berlusconi, sich mit entschlossenem Handeln zu profilieren. Bei einem Besuch an der Unglücksstelle rief er den Notstand aus. "Wir werden das Geld zur Verfügung stellen, um die zerstörten Häuser wieder aufzubauen", versprach er.

Quelle: RP

 
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