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"Jahrhundert-Diebstahl" in Moldau
Die Spur der verschwundenen Milliarde führt nach Lettland

"Jahrhundert-Diebstahl" in Moldau: Die Spur der verschwundenen Milliarde führt nach Lettland
Die Aufnahme zeigt eine Filiale der Privatbank in Riga, Lettland. FOTO: dpa, wst
Riga. Der Fall ging als größter Korruptionsskandal in die Geschichte Moldaus ein: Mehr als eine Milliarde Dollar (rund 900 Millionen Euro) sind beim "Diebstahl des Jahrhunderts" aus drei großen Banken der kleinen Ex-Sowjetrepublik verschwunden.

Untersuchungen deuten darauf hin, dass ein Teil des Geldes durch Lettland geflossen sein könnte. Das Bankensystem des baltischen EU- und Euro-Landes steht nicht zum ersten Mal unter Verdacht, Finanzen aus mysteriösen Quellen zu kanalisieren.

Kurz vor der Parlamentswahl Ende November 2014 in Moldau fing alles an: Mit Hilfe eines undurchsichtigen Kredit- und Beteiligungsmodells wurden binnen weniger Tage Hunderte Millionen aus dem Finanzsystem des kleinen Landes mit 3,5 Millionen Einwohnern entwendet. Über ausländische Banken und Konten von sogenannten Off-Shore-Firmen sollen sie mittels dubioser Kreditgeschäfte außer Landes gebracht worden sein, wie eine von der Nationalbank in Chisinau in Auftrag gegebene Prüfung zeigt.

Als die drei beteiligten Banken - darunter ein staatliches Institut - unter die Aufsicht der Behörden gestellt wurden, kamen weitere Fehlbeträge ans Tageslicht: Durch den Korruptionsskandal verschwanden insgesamt mehr als eine Milliarde Dollar - umgerechnet rund ein Sechstel der Wirtschaftsleistung des landwirtschaftlich geprägten Moldau, das zu den ärmsten Ländern Europas zählt. 

Wie sich die Spur von so viel Geld innerhalb so kurzer Zeit verlieren kann, veranschaulicht der Prüfbericht der internationalen Audit-Firma Kroll. Demnach sind die Finanzmittel nach Eigentümerwechseln über ein "komplexes Netz von Transaktionen" verschoben worden. Dafür wurden vorwiegend als britische Limited Partnerships registrierte Unternehmen mit lettischen Bankkonten genutzt, wie es in dem vertraulichen Bericht heißt. Publik gemacht wurde dieser vom moldauischen Parlamentspräsidenten Andrian Candu. 

Die lettische Finanz- und Kapitalmarktkommission unternahm zunächst wenig. Auch bei einem Treffen der Außenminister beider Länder kam das Thema trotz der immensen Beträge nicht öffentlich zur Sprache. 

Riga - wichtiger Finanzplatz

Lettland hatte bereits früher Anleger vor allem aus Russland und anderen Ex-Sowjetrepubliken angelockt. Riga galt schon zu Sowjetzeiten als wichtiger Finanzplatz, der von der geografischen Nähe zu Russland profitiert. Bis heute ist die russische Sprache gängig und die Mentalität der Kunden aus dem Osten ist vertraut.

Mehr als die Hälfte aller Einlagen bei lettischen Banken kommt aus dem Ausland. Davon wiederum stammen 80 Prozent aus instabilen Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Immer wieder taucht auch Geld aus dunklen Quellen auf. 

Wiederholt wurde von Medien enthüllt, wie Banken in der zwei Millionen Einwohner zählenden Ostseerepublik Lettland als sicherer Hafen und Umschlagplatz für ausländische Einlagen dienen. Bislang spielte die lettische Bankenaufsicht die Berichte herunter. Beschwichtigt wurde regelmäßig auch bei Kritik internationaler Organisationen, die vor Gefahren für die Stabilität des Finanzsystems durch den übermäßigen Rückgriff auf ausländische Einlagen warnten oder den Kampf gegen Geldwäsche als nicht ausreichend bemängelten.  

Doch im Dezember verhängte die Finanz- und Kapitalmarktkommission unvermittelt eine Rekordstrafe von mehr als zwei Millionen Euro gegen die lettische Tochter der ukrainischen Privatbank. Verlangt wurde auch der Austausch von Vorständen, die Geldbußen erhielten. 

Aufgeschreckt wurden die Verantwortlichen in Riga durch einen Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der womöglich die Gespräche über den angestrebten Beitritt Lettlands gefährden könnte. Darin ist von "ernsthaften Bedenken" die Rede, dass die "erheblichen Risiken der Geldwäsche durch gebietsfremde Kunden der lettischen Banken nicht angemessen angegangen" worden seien. 

Andere vermuten einen weiteren Grund für die Untersuchungen: Dass sich die Behörden nun verstärkt bemühen, etwaige Verstrickungen in den Skandal in Moldau aufzuklären, könne auch mit dem jüngsten Wechsel an der Spitze der US-Botschaft in Riga zu tun haben. Immerhin unterhalten die obersten Vertreter der Vereinigten Staaten in beiden Ländern enge Kontakte - sie sind miteinander verheiratet.

(felt/dpa)
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