Greenpeace-Experte zu Fukushima: "Japans Behörden sagen nicht die Wahrheit"
VON ANNE WEISSSCHAEDEL - zuletzt aktualisiert: 19.03.2011 - 16:59Düsseldorf (RPO). Am Samstag erreichen die Welt Nachrichten aus Fukushima, die leise Hoffnung aufkeimen lassen. Neue Rückschläge blieben in der Nacht aus. Zudem wurde eine Stromleitung zur Anlage gelegt, die aber noch nicht in Betrieb ist. Ein Greenpeace-Experte bleibt skeptisch. Es werde Jahre dauern, bis Reaktoren abkühlen. Das Gebiet um den Reaktor werde auf Jahrhunderte bis Jahrtausende verstrahlt bleiben.
Oberste Priorität für die Retter hat derzeit die Kühlung der Brennstäbe in den Reaktoren und dem Abklingbecken des Atomkraftwerks Fukushima-Daiichi. Sollte es zu einer weiteren großen Explosion oder einem Feuer durch eine Kernschmelze kommen, könnten weite Teile Japans verstrahlt werden.
Zweifel an japanischen Daten
Zur Zeit ist ein Radius von 30 Kilometern um den Reaktor evakuiert. Die Strahlung in diesem Gebiet ist laut Greenpeace-Experte Christoph von Lieven zwischen 100- und 1000-fach erhöht.
"Da gibt es unterschiedliche Informationen. Diese stammen jedoch von der Betreiberfirma Tepco und es ist sicher, dass die japanische Regierung, Japans Atomenergiebehörde und die Betreiber nicht die Wahrheit sagen", sagt von Lieven im Gespräch mit unserer Redaktion.
Der Experte geht von einer stärkeren Verstrahlung in dem Gebiet aus, als bisher offiziell angegeben wurde: "Es wird in jedem Fall eine dauerhafte Evakuierungszone geben müssen, weil das Gebiet jetzt schon so stark verstrahlt ist, dass es nicht möglich sein wird, dort wieder zu leben."
Viele Jahre
Die Arbeiter am Atomkraftwerk Fukushima-Daiishi sind zurzeit damit beschäftigt, die Stromversorgung wieder herzustellen, die durch den Tsunami zerstört wurde. Es fließt jedoch noch kein Strom zu den Reaktoren. Dennoch versuchen die Entscheider vor Ort Hoffnung zu verbreiten. Experte von Lieven sieht dies kritisch.
"Selbst wenn es geschafft wird, dass der Strom wieder fließt, ist noch nicht klar, was von den Kühlsystemen noch funktioniert“, so von Lieven. Das hänge von den Schäden ab, die durch die Explosionen und durch das Salzwasser entstanden sind, mit dem seit Tagen notdürftig gekühlt wird. "Also kann man nicht einfach alles wieder einschalten", warnt der Experte.
Sarkophag als sinnvolle Notfallmaßnahme
Nach einer Bestandsaufnahme müsse entschieden werden, ob weiter mit Meerwasser oder mit dem üblichen mit Bor versetzten Kühlwasser gekühlt werden solle. Eine weitere Möglichkeit ist die Kühlung mit Borsand, so von Lieven. "Bor sorgt dafür, dass der Neutronenfluss gestoppt wird." Somit klinge auch die Hitzeentwicklung ab.
Ist das geschehen, könne man den Reaktor zu versiegeln. "Dann kann versucht werden, in ein paar Jahren einen Sarkophag zu bauen und das Gebiet zu untergraben und von unten zu versiegeln." Ein Sarkophag könne eine sinnvolle Notfallmaßnahme sein, um die Strahlung einzudämmen.
Gesundheitliche Schäden unvermeidbar
Die Arbeiter, die mit den Rettungsarbeiten am Kraftwerk betraut sind, werden in jedem Fall Strahlenschäden davontragen, so von Lieven. Ob und wie stark die Bevölkerung betroffen sei, könne man zu diesem Zeitpunkt und mit den aktuellen Informationen noch nicht sagen. Das japanische Gesundheitsministerium empfiehlt weiterhin die Einnahme von Jod-Tabletten zur Vorbeugung.

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