Flugzeug-Katastrophe in Polen: Kaczynski wittert eine Verschwörung
zuletzt aktualisiert: 22.12.2010 - 16:50Warschau (RP). Der Zwillingsbruder des bei einem Flugzeugabsturz in Smolensk tödlich verunglückten polnischen Präsidenten zweifelt öffentlich daran, dass es sich bei dem in Krakau Begrabenen tatsächlich um seinen Bruder handelt. Es ist nicht die erste obskure Äußerung des Politikers zu dem Unglück.
Die polnische Delegation war auf dem Weg zu einer Trauerfeier. Anlass war der 70. Jahrestag der Ermordung von 22 000 polnischen Gefangenen durch Stalins Geheimpolizei im russischen Dorf Katyn. Doch am 10. April zerschellte die Maschine des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski bei der Landung im dichten Nebel nahe dem Flughafen Smolensk. Alle 96 Insassen starben – eine weitere nationale Katastrophe in der ohnehin schon leidvollen polnischen Geschichte.
Bruder lässt die Katastrophe nicht los
Vor allem den Zwillingsbruder des getöteten Präsidenten, Jaroslaw Kaczynski, lässt die Katastrophe von Smolensk nicht los. Seit Monaten macht er mit obskuren Äußerungen und Beschuldigungen von sich reden. Vorläufiger Höhepunkt sind seine jüngsten Äußerungen zu einer möglichen Verschwörung. So äußerte der konservative Politiker Zweifel, dass es sich bei dem in der Krakauer Wawel-Kathedrale beigesetzten Leichnam tatsächlich um seinen Bruder handelt.
Er habe seinen toten Bruder Stunden nach dem Absturz auf dem Flughafen im russischen Smolensk anhand einer markanten Narbe identifiziert, sagte Kaczynski. Aber der Leichnam in dem von Russland nach Polen überführten Sarg habe nicht seinem Bruder geglichen. Ihm sei bloß gesagt worden, dass es sein Zwillingsbruder sei. Auch seien ihm Uniformteile seines Bruders vorgelegt worden – dabei sei der Getötete ja kein General gewesen und könne deshalb überhaupt keine Schulterstreifen gehabt haben, sagte Kaczynski weiter.
Er sei nicht der einzige, der diesen Verdacht hege, fügte er hinzu. Auch mehrere Hinterbliebene anderer Opfer hätten Zweifel angemeldet, dass es sich bei den nach Polen Überführten tatsächlich um ihre Angehörigen gehandelt habe. Der frühere Regierungs- und jetzige konservative Oppositionschef fügte hinzu, eine Entscheidung über eine Exhumierung habe er noch nicht getroffen.
Beobachter reagieren verwundert
Beobachter wundern sich vor allem, warum Jaroslaw Kaczynski so spät mit seinen Anschuldigungen an die Öffentlichkeit gegangen ist. Die polnische Generalstaatsanwaltschaft, die neben den russischen Behörden ebenfalls an den Ermittlungen zum Absturz beteiligt ist, versuchte die Gerüchte zu zerstreuen, in dem Sarg seien Uniformteile gefunden worden.
Es ist nicht die erste wüste Äußerung, die sich Jaroslaw Kaczynski im Zusammenhang mit dem Smolensk-Absturz leistet: Im September hatte er harte Vorwürfe gegen Polens Regierungschef Donald Tusk erhoben. Dieser trage die moralische und politische Schuld an dem Unglück von Smolensk, sagte Jaroslaw Kaczynski vor seinen Anhängern und forderte Tusks Ablösung. Gleiches gelte für Präsident Bronislaw Komorowski, fügte der Chef der oppositionellen Partei Recht und Gerechtigkeit hinzu.
Keine richtige Begründung für Theorie
Eine nachvollziehbare Begründung für diesen Angriff lieferte er zwar nicht, allerdings war Kaczynski im Juli bei den Wahlen für die Nachfolge seines getöteten Zwillingsbruders Komorowski unterlegen. Mit diesem stritt sich Kaczynski dann heftig über ein Gedenkkreuz vor dem Präsidentenpalast, das polnische Pfadfinder dort zum Gedenken an die Opfer der Katastrophe aufgestellt hatten. Komorowski ging aus dem Streit als Sieger hervor – das etwa vier Meter hohe Holzkreuz musste abgebaut und in die Sankt-Anna-Kirche in Warschau verlegt werden.
Kaczynskis jüngste Anschuldigung kommt nur wenige Tage nachdem sein politischer Gegner, Ministerpräsident Donald Tusk, den russischen Untersuchungsbericht über den Absturzhergang als "inakzeptabel" bezeichnet hatte. Russland hatte den Bericht über die Ursache nach monatelangen Untersuchungen kürzlich an Polen übergeben. Noch halten beide Seiten das Papier unter Verschluss. Auch Tusk äußerte sich nicht näher zu dem Inhalt. Am Rande des EU-Gipfels sagte er aber, der Bericht entspreche nicht der Konvention von Chicago. Welchen Passus des Abkommens, in dem die Regeln des internationalen Luftverkehrs – und damit auch das Vorgehen bei der Untersuchung eines Flugzeugabsturzes – festgelegt sind, präzisierte er nicht. Tusk monierte außerdem, dass die Russen auf verschiedene Fragen der polnischen Ermittler keine "positiven Reaktionen" gegeben hätten.
Die polnische Generalstaatsanwaltschaft in Warschau war bei ihren Ermittlungen von vier möglichen Szenarien ausgegangen: So könnte der Absturz durch eine technische Panne am Flugzeug, durch das Verhalten der Besatzung, durch eine mangelhafte Vorbereitung der Landung auf dem russischen Flughafen Smolensk oder durch "den Einfluss Dritter" verursacht worden sein. Letztere Version war unmittelbar nach dem Absturz von mehreren polnischen Zeitungen ins Spiel gebracht worden. Sie diskutierten tagelang, ob der Präsident selbst die Piloten trotz der schlechten Sicht zu dem gefährlichen Landemanöver gezwungen und damit den Absturz verschuldet habe.
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