1400 Tote/1500 Menschen werden vermisst: Karibik: Auf Hochwasser folgt Erdbeben
zuletzt aktualisiert: 30.05.2004 - 20:10Port-au-Prince / Jimani (rpo). In der dominikanischen Republik leiden die Menschen unter Katastrophen in Serie: Die von den Hochwassern in Haiti und der Nachbarrepublik betroffene Stadt Jimani wurde am Samstag auch noch von einem Erdbeben heimgesucht. Unterdessen stieg die Zahl der Getöteten auf 1400.
Über Schäden oder Opfer lagen zunächst keine Informationen vor. Die Telefonverbindungen in die Stadt an der Grenze zu Haiti auf der Insel Hispaniola waren unterbrochen. Wie ein Sprecher des nationalen Katastrophenschutzes mitteile, hatte das Beben die Stärke 4,4. Es dauerte vier Sekunden. Das Epizentrum lag den Angaben zufolge jenseits der Grenze in Haiti.
Nach der Hochwasserkatastrophe auf der Karibikinsel Hispaniola ist die Zahl der Todesopfer in der Dominikanischen Republik und Haiti auf mehr als 1.400 gestiegen. Die haitianische Zivilschutzbehörde erklärte, allein in der Ortschaft Bodarie seien 350 Leichen entdeckt worden. Mitarbeiter des Roten Kreuzes warnten vor möglichen Dammbrüchen im Süden des Landes, sollte es weiter regnen. Im Grenzgebiet zwischen der Dominikanischen Republik und Haiti kam es am Samstag zu einem leichten Erdbeben.
Rot-Kreuz-Sprecher Bernard Barrette erklärte, das Team habe Dörfer in der Umgebung der besonders schwer betroffenen Ortschaft Mapou überflogen. Die Dämme könnten einem weiteren Druck offenbar nicht standhalten. Das Rote Kreuz schätzte, dass in der Region noch 1.500 Menschen vermisst werden. Die offizielle Opferzahl der Überschwemmung, einer der schwersten Naturkatastrophen in der Karibik überhaupt, wurde am Samstag mit 1.454 angegeben.
Immer wieder starke Regenfälle und neue Unwetter
Starke Regenfälle und Unwetter hatten schon zuvor eine dramatische Lage in den Überschwemmungsgebieten in Haiti und der Dominikanischen Republik geschaffen. Helfer kämpfen nach wie vor gegen das Wetter und versuchen, die Menschen mit Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen.
Die UNO befürchtet allein in Haiti 1500 Tote und Vermisste. Jüngsten amtlichen Angaben zufolge starben mindestens 579 Menschen in Haiti und 350 weitere in der Dominikanischen Republik. Mit Fortdauer der Rettungsarbeiten wird jedoch mit mehr Opfern gerechnet. Trotz des anhaltenden Unwetters versuchten Helfer der Vereinten Nationen und regierungsunabhängige Organisationen die besonders betroffene Stadt Fonds Vérettes und die Region von Mapou Belle-Anse in Haiti mit Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen.
Die US-Armee strich am Donnerstag (Ortszeit) mehrere Flüge von Hubschraubern, die Nahrungsmittel und Decken nach Fonds Vérettes nordöstlich der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince bringen sollten. Einem AFP-Fotografen, der in einem US-Armeehubschrauber nach Fonds Vérettes gelangte, bot sich ein Bild des Schreckens. Die 45.000-Einwohner-Stadt, die derzeit nicht auf dem Landweg zu erreichen ist, wurde beinahe vollständig von den Flutwellen weggespült. Der staatliche Wetterdienst der Dominikanischen Republik warnte unterdessen vor dem Beginn der Wirbelsturmperiode in der Region, die von Juni bis Ende November dauert. Es müsse mit Hurrikans gerechnet werden, von denen einige gefährlich werden könnten, sagte der Chef des Wetteramts, José María Duquela.
"Das ist zuviel für Länder wie diese"
Der französischen Außenminister Michel Barnier zeigte sich bei einem Besuch in Haiti auf dem Rückweg vom EU-Lateinamerika-Gipfel im mexikanischen Guadalajara bestürzt. Dass zu dem täglichen Elend in Haiti und der Dominikanischen Republik auch noch eine Naturkatastrophe hinzu komme, "das ist zuviel für Länder wie diese", sagte Barnier am Freitag in Port-au-Prince. Zuvor hatte er sich bei einem Flug mit dem Hubschrauber ein Bild von den Zerstörungen gemacht. Barnier rief zu "aktiver Solidarität auf. Spanien kündigte eine Lieferung von 30 Tonnen Hilfsgütern in den kommenden Tagen an. Die UNO stellte nach Angaben ihres Entwicklungsprogramms in der Dominikanischen Republik 750.000 Dollar (612.445 Euro) für die Hochwassergeschädigten vor Ort bereit.
Eine Sprecherin des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) sagte am Freitag in Genf, die Opferzahl könne sich weiter erhöhen. Allein in der Stadt Mapou im Südwesten Haitis würden tausend Menschen vermisst. In der benachbarten Dominikanischen Republik seien ebenfalls Hunderte von Toten zu beklagen. Wie OCHA-Sprecherin Elisabeth Byrs weiter mitteilte, helfen zwei Teams von UN-Katastrophenexperten den Mitarbeitern der Hilfsorganisationen in den beiden auf der Karibikinsel Hispaniola gelegenen Staaten. Die Sprecherin schätzte die Zahl der von der Naturkatastrophe direkt betroffenen Menschen auf mehr als 48.000. Mehrere Orte wurden fast vollständig fortgespült. Dringendste Aufgabe sei es nun, die Leichen zu bergen, um Epidemien zu verhindern.
Luftbrücken eingerichtet
Zur Versorgung abgeschnittener Dörfer richteten die örtlichen Partner der Diakonie Katastrophenhilfe eine Luftbrücke ein. Derzeit würden Nahrung, Medikamente, Haushaltsgegenstände und Matratzen verteilt, erklärte die Organisation in Stuttgart. Nur wenige hätten in improvisierten Herbergen, Kirchen und Schulen Zuflucht gefunden, berichtete der Leiter des Lateinamerikabüros der Diakonie Katastrophenhilfe, Michael Jordan, von vor Ort. Die Deutsche Welthungerhilfe will tausend Familien im Süden Haitis dabei unterstützen, ihre landwirtschaftliche Existenzgrundlage wieder aufzubauen.
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) rief zu Spenden für das Katastrophengebiet auf. Für Soforthilfen wie Lebensmittel und Wasser würden knapp 600.000 Euro benötigt, erklärte die Organisation in Genf.
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