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Haiti Erdbeben Suchhunde, Panorama AP 2010-0116
  Foto: AP, AP
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Erdbebenkatastrophe in Haiti: Kleine Wunder zwischen Resignation und Leichengeruch

zuletzt aktualisiert: 16.01.2010 - 15:15

Port-au-Prince (RPO). Entgegen aller Wahrscheinlichkeit finden die Rettungskräfte überall in Port-au-Prince noch Verschüttete, die atmen und lebend geborgen werden - am dritten Tag nach dem verheerenden Erdbeben der Stärke 7,0.

Britische Feuerwehrleute ziehen ein zweijähriges Mädchen aus einem eingestürzten Haus. Im Montana Hotel werden am Donnerstag und Freitag sieben Menschen aus den Gebäudetrümmern befreit, unter ihnen vier US-Bürger, die nach kurzer Zeit schon wieder aufstehen und laufen können.

Drei Tage lang war Josyanne Petidelle unter den Trümmern ihres Hauses in Port-au-Prince verschüttet. Schließlich wird die 19-Jährige reglos herausgeholt. Helfer sagen den weinenden Angehörigen, sie sollten ihren Körper doch zu den anderen Leichen ablegen.

Aber die Familie protestiert. So beugt sich ein Sanitäter zu der jungen Frau hin und fasst ihr noch einmal an den Hals. "Sie lebt!" ruft er, "sie lebt!"

Info
Spenden

Caritas international, Freiburg, Spendenkonto 202 bei der Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe BLZ 660 205 00 oder online unter: www.caritas-international.de

Deutsches Rotes Kreuz, Spendenkonto: 41 41 41 Bank für Sozialwirtschaft BLZ: 370 205 00 Stichwort: Haiti Online-Spenden unter: www.DRK.de/spenden

"Sie ist mir geradezu in die Arme gelaufen"

Ein australisches Fernsehteam erlebt seinen ganz besonderen eigenen Auftritt. Die Journalisten arbeiteten gerade an einem Bericht, als Reporter und Nachbarn ein Kleinkind schreien hörten. Wenig später ziehen sie ein gesundes, 16 Monate altes Mädchen aus den Trümmern seines zerstörten Elternhauses - 68 Stunden nach dem Erdstoß vom Dienstag.

"Wir mussten ein paar Wände niederreißen", sagt David Celestino, der in der Dominikanischen Republik für das Fernsehteam angeheuert wurde. "Wir hatten einen großen Hammer, wir schlugen ein Loch in die Wand, und sie kam ans Tageslicht. Sie ist mir geradezu in die Arme gelaufen."

Dabei sagen alle Experten, dass mit jedem Tag die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass verschüttete Erdbebenopfer noch gerettet werden können. Nach etwa drei oder vier Tagen ohne Wasser gebe es kaum noch Hoffnung, sagt Michael VanRooyen von der Harvard Humanitarian Initiative in Boston.

Auf einer alten Matratze zu Sanitätern gebracht

Aber mitten in der zunehmenden Resignation und im unerträglichen Geruch verwesender Leichen stellt das Leben seine Widerstandskraft unter Beweis. Die Rettung von Josyanne Petidelle in der Vorstadt Carrefour-Feuille löst im ganzen Viertel Begeisterung und Hoffnung aus. Die Nachbarn eilen herbei und gratulieren der Familie und sich selbst zur wundersamen Überwindung des Todes wenigstens in diesem einen Fall.

Drei Stunden lang haben Josyannes Vater, ihr Freund und die Nachbarn ohne Unterlass gegraben, nachdem sie ihre Rufe unter dem eingestürzten Haus gehört hatten. Als sie sie endlich erreichen, ist sie ohne jede Bewegung, das Kleid nur noch ein Lumpen, die Haut in weißem Staub gebacken und blutig. Während Fliegen über die offenen Wunden kreisen, hält sie die Augen weit geöffnet, ohne einen Wimpernschlag blicken sie ins Leere.

Die meisten Nachbarn halten sie für tot und richten ihre Aufmerksamkeit auf ein anderes Einsatzteam, Feuerwehrleute aus Miami, die gerade angekommen sind. Aber die Angehörigen legen Josyanne auf eine alte Matratze und verwenden diese als Trage, um die junge Frau die Straße hinaufzubringen zu einem Team von israelischen und mexikanischen Helfern, die dort an der eingestürzten Schule von St. Gerard im Einsatz sind.

"Wir können ihre Schreie hören, erreichen sie aber nicht"

Als Sanitäter Josyanne auf der Matratze sehen, rufen sie der Familie verärgert zu, sie sollten sie die Straße hinunterbringen, wo die anderen Leichen im Staub liegen. Aber Josyannes Vater und ihr Bruder bitten so lange, bis sich einer der Helfer müde über die Matratze beugt und zwei Finger gegen den Hals der Frau presst. Eine Sekunde später ruft er ganz überrascht, dass sie doch noch am Leben sei.

Jetzt eilen Ärzte und Schwestern zu der Frau, flößen ihr Wasser durch den halb geöffneten Mund. Schließlich stößt Josyanne einen lauten schmerzerfüllten Schrei aus, was die Ärzte als gutes Zeichen werten. Dov Maisel, ein gerade erst aus Israel eingetroffener Arzt, sagt, sie habe vermutlich mehrere innere Verletzungen. "Aber ich denke, sie wird leben", sagt er. Auf der mit Blut getränkten Ladefläche eines Lastwagens wird Josyanne in die Zentralklinik gebracht.

Unterdessen graben die anderen Helfer weiter in den Trümmern der Schule. Eine Gruppe von Freiwilligen aus Mexiko arbeitet sich mit Schaufeln und bloßen Händen voran. Einer von ihnen ist Louis Alva. Er erklärt: "Wir können ihre Schreie hören, aber zurzeit erreichen wir sie nicht."

Erst verschüttet und dann selbst Helfer

Viele Menschen in Haiti wachsen in der Not über sich selbst hinaus. Die 43-jährige Magalie Rigaud von der Organisation Christian Relief Services (CRS) koordiniert die Logistik für die Hilfseinsätze - und das, obwohl sie nach dem verheerenden Erdbeben selbst acht Stunden lang verschüttet war. Rigaud war am Dienstag mit ihren zwölfjährigen Zwillingssöhnen gerade in einem Supermarkt in Port-au-Prince, als das Erdbeben einsetzte. "Ich habe mir meine Jungs geschnappt und mich über sie geworfen", berichtet sie. In den Trümmern hatte sich ein Hohlraum gebildet, in dem sie einigermaßen frei atmen konnten. "Müssen wir jetzt sterben?", fragten ihre Söhne.

Doch Rigaud beruhigte sie, sammelte ein paar Saftflaschen auf, so dass sie zu trinken hatten, und verteilte Pappstücke, mit denen sie sich Luft zufächeln konnten. Sie betete mit ihren Kindern und brachte sie sogar dazu, ein bisschen zu schlafen. Nach acht Stunden wurden alle Drei von Jungen aus der Nachbarschaft mit den bloßen Händen ausgegraben. Rigaud, die einige Schürfwunden und Blutergüsse davontrug, gönnte sich nach diesem Schock nur einen freien Tag. Dann machte sie sich daran, für die zehntausenden anderen Erdbebenopfer Hilfe zu organisieren. Für die 43-Jährige ist das selbstverständlich: "Die Leute verdienen es, dass wir uns für sie einsetzen."

Hilfsappell der Vereinten Nationen

Die Vereinten Nationen haben die internationale Gemeinschaft zu einer Soforthilfe von 550 Millionen Dollar für die Erdbebenopfer in Haiti aufgerufen. Drei Millionen Menschen seien dringend auf Nahrungsmittel, Wasser, Unterkunft und medizinische Notversorgung angewiesen, sagte der UN-Koordinator für humanitäre Einsätze, John Holmes.

Aufgrund der Auswertung von Satellitenaufnahmen stellten die Vereinten Nationen fest, dass mindestens 30 Prozent aller Gebäude in der Hauptstadt Port-au-Prince beschädigt oder zerstört wurden. In einigen besonder schwer betroffenen Vierteln sind es 50 Prozent und mehr.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, die humanitäre Hilfe habe begonnen. Es sei allerdings "unvermeidlich, dass sie langsamer und schwieriger anläuft, als jeder von uns wünscht". Es gebe die Sorge, dass die Enttäuschung darüber in Gewalt umschlage.

Rund 6000 Häftlinge nach Beben aus Haitis Gefängnissen geflohen


Rund 6000 Häftlinge sind nach dem schweren Erdbeben in Haiti aus den Gefängnissen des Landes geflohen. Die Gebäude seien durch das Beben beschädigt und anschließend nicht mehr bewacht worden, verlautete am Samstag aus Regierungskreisen. Von den Häftlingen hätten 4000 im Gefängnis der Hauptstadt Port-au-Prince eingesessen. Ein Großteil von ihnen sei zu lebenslanger Haft verurteilt gewesen. Journalisten der Nachrichtenagentur AFP konnten sich von den Schäden an dem Gefängnis überzeugen. In dem Gebäude befand sich niemand mehr.

Haitis Präsident dankt für Erdbeben-Hilfe

Haitis Präsident Rene Preval hat sich für die weltweit angelaufene Erdbeben-Hilfe für sein Land bedankt. Mit US-Präsident Barack Obama und mit UN-Generalsekretär Ban Ki Moon habe er über die Koordinierung der Hilfe gesprochen, sagte ein sichtlich geschockter Präsident am Freitag in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters.

Sie hätten versichert, alles ihnen mögliche zu tun. "Es ist wie in einem Krieg", die Schäden könnten mit denen nach einem 15-tägigen Bombenangriff verglichen werden. Schätzungen zufolge könnten bis zu 200.000 Menschen bei dem Beben am Dienstag ums Leben gekommen sein.

Quelle: apd/AFP/Reuters/felt

 
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