Fast 50 Tote in Jamaika: Krieg im Urlaubsparadies
zuletzt aktualisiert: 27.05.2010 - 06:32Kingston (RPO). Das Sonnenparadies Jamaika wird von Gewalt überzogen. Das Auswärtige Amt hat eine dringende Warnung herausgegeben. In Kingston, der Hauptstadt der Karibikinsel herrscht Anarchie. Die Polizei spricht offen von Krieg. Sie jagt den Gangsterboss Christopher "Dudus" Coke. Doch der Drogenbaron gilt in seinem Land als Robin Hood.
Drei Tage nach Beginn eines Großeinsatzes von Polizei und Militär in Jamaika ist der gesuchte Drogenboss Christopher "Dudus" Coke weiter flüchtig. Der Aufenthaltsort von Coke sei nicht bekannt, sagte der jamaikanische Informationsminister Daryl Vaz am Mittwochabend der Nachrichtenagentur AFP. Zu der Möglichkeit, dass der Drogenboss bereits außer Landes sei, wollte sich der Minister nicht äußern.
Die Zahl der Toten bei der Jagd auf den Drogenboss ist inzwischen auf 49 gestiegen. Es ist die blutige Bilanz eines massiven Polizeieinsatzes. Er gilt Christopher "Dudus" Coke. Seit 1990 soll er eine international agierende Drogenbande namens "The Shower Posse" anführen, die angeblich zuvor sein Vater geleitet hat. Der Name lässt sich wörtlich als "Schauer-Truppe" übersetzen.
Der Begriff "Shower" lehnt sich dabei an die Liquidations-Praktiken der Bande an: Oft sollen sie ihre Opfer mit einem dem Maschinengewehr durchsiebt haben. Laut US-Ermittlern liefert das Kartell Marihuana und Crack vor allem in den Großraum New York. Im August wurde Coke in den USA formal angeklagt. Im Falle einer Auslieferung und Verurteilung drohen ihm eine lebenslange Haftstrafe und eine Dollar-Strafe in Millionenhöhe.
"Wir werden für Dudus sterben"
Doch der Gesuchte hat in Jamaika zahlreiche Unterstützer. Für seine Anhänger unter den Armen in Jamaika ist er ein moderner Robin Hood. US-Medien beschreiben anschaulich, wie sehr ihm seine Getreuen verbunden sind. "Jesus ist für uns gestorben, so werden wir für Dudus sterben", heißt es demnach in Kingston. Der zwielichtige Mann hat für sie den Status eines Wohltäters. Weil er öffentlich kaum in Erscheinung tritt, umgibt ihn bereits ein mythischer Glanz des Unwirklichen.
Auch darum ist wohl der Aufenthaltsort des 42-Jährigen nur schwer auszumachen. In seiner Hochburg Tivoli Gardens in der jamaikanischen Hauptstadt hat er eine Art Parallelstaat aufgebaut. Mit Jobs für Arme hat er sich viele Freunde gemacht und Abhängigkeiten geschaffen. Vor seiner kriminellen Karriere machte Coke bereits viel Geld mit Geschäften im Bauwesen, bei denen er aus den öffentlichen Finanztöpfen schöpfte.
Cokes gute Kontakte reichten bis ganz nach oben. Monatelang widersetzte sich auch Regierungschef Golding den Auslieferungsforderungen aus den USA. Washington erhöhte den Druck, indem es Jamaika mangelhafte Zusammenarbeit im Anti-Drogen-Kampf vorwarf. Daraufhin erklärte Golding Coke in der vergangenen Woche zum gesuchten Verbrecher, versprach seine Festnahme und rief angesichts des gewaltsamen Widerstands auf den Straßen den Ausnahmezustand aus.
Es droht ein Bürgerkrieg
Doch der nur selten öffentlich auftretende Coke hat auch weiterhin Bewunderer im Establishment: Senator Tom Tavares Finson, der noch vor Kurzem Coke als Anwalt vertrat, beschrieb ihn in der Zeitung "Jamaica Observer" als rechtschaffenen Geschäftsmann, der die "Transformation einer von Kriminalität und Gewalt durchsetzten Gesellschaft in einen Ort gemanagt hat, wo Menschen Geld verdienen können".
Die Kämpfe in Kingston eskalieren zusehends. Was eine Festnahme Cokes auslösen würde, bleibt offen. In Jamaika sind derzeit hunderte Polizisten und Streitkräfte auf der Suche nach ihm im Einsatz. Die Polizei hatte am Montag ein Viertel im Stadtteil Tivoli Gardens der Hauptstadt Kingston gestürmt und Barrikaden durchbrochen, die von Anhängern des Gangsters errichtet worden waren.
Das Auswärtige Amt in Berlin rät auf seiner Internetseite von einem Besuch Kingstons wie auch des nahe gelegenen Ortes Spanish Town dringend ab. Ein mögliches Übergreifen der Unruhen auf die bislang ruhigen Touristenziele an der Nord- und Ostküste will das Amt keineswegs ausschließen. Die Situation könne sich in kürzester Zeit verschärfen.
Am Montag begann es
Die Unruhen begannen am Montag. Explosionen erschütterten das Armenviertel, dunkle Rauchwolken hingen über den Dächern. Die Polizei trat in Kampfmontur auf, über der Stadt kreisten Hubschrauber. Sie forderte die Einwohner der Hauptstadt auf, in ihren Häusern zu bleiben.
Christopher "Dudus" Coke zählt in den USA zu den meistgesuchten Kriminellen des Landes. Die US-Justiz will ihm den Prozess machen. Washington fordert vehement seine Auslieferung und macht massiv Druck auf Jamaikas Regierung. Das US-Justizministerium bezeichnete ihn als einen der "weltweit gefährlichsten" Drogenbarone.
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