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Kuba-Spezial
Kubas friedliche Revolution

Kuba: Kubas friedliche Revolution
Auf Kuba sind wegen des US-Embargos kaum neuere Autos zu sehen – dafür so wunderschöne 50er-Jahre-Modelle wie dieses in Havanna. FOTO: Werner Gabriel
Havanna. Der Wandel auf der größten Karibik-Insel ist unübersehbar. Endlich wollen die Menschen besser leben, freier sein und reisen können. Kuba libre, gewissermaßen. Von Hans Onkelbach

Nichts beschreibt den derzeitigen Wandel Kubas treffender als diese Szene in der Altstadt Havannas auf dem Platz an der Kathedrale: Che Guevara steht dort, grinst, posiert für Fotos und hält die Hand auf – am liebsten nimmt er Euro, Dollars sind auch okay. Die Scheine oder Münzen verschwinden in den Taschen seiner olivgrünen Uniform, und er wendet sich neuen Kunden zu, um sich salutierend oder martialisch guckend ablichten zu lassen. Genüsslich zieht er an seiner dicken Zigarre, zupft das schwarze Barrett auf den grau-melierten, schulterlangen Haaren zurecht. Die Optik muss stimmen. Schließlich war Che nicht nur Revolutionär, sondern auch von vielen beneideter Womanizer.

Che Guevara? Euros und Dollars? Der ist doch längst tot, erschossen in Bolivien 1967. Stimmt!

Die Entwicklung Kubas

Dieser Mann spielt nur den Che, er ist das, was die Engländer ein look-alike nennen. Sein Kapital: Er sieht dem damals aus Argentinien eingewanderten Revoluzzer auf diesem berühmten Foto verblüffend ähnlich. Davon lebt er, und zwar gut. Er ist Mitte 50 (der echte Che wäre vor ein paar Tagen 87 geworden), und sein monatliches Einkommen durch Touristen wird auf einige tausend Euro geschätzt, für kubanische Verhältnisse (offizielles Durchschnittseinkommen pro Monat rund 30 Euro) unfassbar viel Geld.

Das Plagiat des Helden der Revolution, zu Lebzeiten Kommunist aus tiefer Überzeugung, ist also lupenreiner Kapitalist –, und selbst dieser Auftritt ist seit kurzem kein Problem mehr in diesem Land, in dem das Original immer noch verehrt wird wie ein Messias.

Aber der gute Che, er würde sein Land nicht wiedererkennen. Denn Kuba mag nicht mehr nur das Wort vor dem Begriff "Krise" sein. Man will weg von dem Image jenes Staates, von dem die ganze Welt weiß, dass dort 1962 fast der dritte – nukleare – Weltkrieg ausgebrochen wäre. Und das vor allem bekannt ist wegen seines früheren Maximo Lider Fidel und dessen berüchtigten Reden in Rekordlänge, der – gezwungenermaßen – uralten Autos und feinen Zigarren mit dem Namen der Hauptstadt: Havanna. Das neue Kuba ist in einer Umwälzung, die gerade mächtig Tempo aufnimmt: Nachdem US-Präsident Barack Obama Kubas neuem Staatschef Raul Castro (Fidels jüngerem Bruder) die Hand schüttelte und Kuba von der Liste der Terrorstaaten nahm, spürt man mehr Aufwind denn je.

Fotos: Kuba hat viele Gesichter FOTO: Werner Gabriel

Bereits vor diesem überraschenden Tauwetter hatte die Regierung, unter dem Druck der schlechten Lebensumstände fast aller Kubaner, das strenge anti-privatwirtschaftliche Regelwerk gelockert. Bauern dürfen nun einen Teil ihres Landes für sich verwenden, kleine Läden auf privater Basis sind erlaubt, in den Städten und auf dem Land sprießen winzige Familienbetriebe (casas particulares), bei denen Touristen für wenig Geld (umgerechnet 22 Euro pro Nacht und Zimmer) wohnen können. Uni-Dozenten werden zu Fremdenführern,

Maschinenbauingenieure zu Taxifahrern, Lehrerinnen bedienen nebenbei in Restaurants – auf eigene, lukrative Rechnung. Sie tun das, weil der Staat ihnen nicht die Möglichkeit gibt, ein Leben nach eigenen Wünschen zu führen, das Salär eines Dozenten für Quantenphysik an der Uni Havanna beträgt 20 Euro pro Monat. Überall leicht erkennbar: hübsche, sehr junge Frauen suchen den Kontakt zu Touristen – in der Hoffnung, geheiratet zu werden, prostituieren sie sich. Looking for the Yankee-Dollar – oder den Euro, egal. Sie haben aufgegeben, wollen nur noch raus. Ein boomender Geschäftszweig, sagen kubanische Zyniker in einer Mischung aus Zorn (besonders auf den Staat, der das verursacht hat) und Mitleid.

Dies alles könnte für die derzeitigen kommunistischen Alleinmachthaber fatale Folgen bringen. Noch glauben sie, die Lage unter Kontrolle zu haben, und reden sich die neuen Zeiten schön als "Veränderung des Sozialismus". In Wahrheit schauen sie zu, wie eine Entwicklung ins Rollen kommt, deren Umwälzungen revolutionären Charakter einer ganz anderen Art als damals haben werden. Der größte Unterschied: Dieses Mal, anders als bei der Revolution Ende der 1950er Jahre unter Fidel Castro und Che Guevara, läuft der Aufstand des kubanischen Volkes ohne Blutvergießen ab. Jedenfalls bisher.

Symbol der Trendwende – auf Distanz zu Moskau. Die Uhr ist schon weg. FOTO: Werner Gabriel

Die Waffen sind allerdings auch nicht lebensgefährlich, dafür umso mächtiger und von wuchtigem Kaliber: Sie heißen Euro, Schweizer Franken, US-Dollar oder englisches Pfund. Sie werden mitgebracht von vielen hunderttausend Touristen pro Jahr, die Invasion hat längst begonnen.

Invasion – ein Wort, das in Kuba schwer wiegt: Im April 1961 versuchten Exil-Kubaner, unterstützt von den USA, in der Schweinebucht an Land zu gehen mit dem Ziel, die gerade erst ins Amt gekommene Regierung Fidels zu stürzen. Die Invasion endete in einem Fiasko für die Angreifer (und ihre Freunde im Hintergrund), noch heute ist man stolz im offiziellen Kuba über diesen Sieg gegen die Feinde. Er hat sich im kollektiven Gedächtnis der Kubaner als prägendes Element des Nationalverständnisses verankert.

Den neuen Invasoren dagegen leistet man keinen Widerstand, im Gegenteil. Kubas Jugend möchte aussehen wie Justin Bieber oder Beyoncé, junge Männer tragen Short-Cuts und Muskel-Shirts mit Stars and Stripes, auf der Nase die Fakes von Ray-Ban-Brillen. Die jungen Frauen träumen von Bling-Bling-Uhren, lieben Leggings im Design der amerikanischen Flagge, Miniröcke und Netzstrümpfe in Highheels – in Brasilien ist die Jugend sehr körperbewusst. Fidel ist für sie ein todkranker, alter Mann, von dem die Großeltern manchmal schwärmen, aber in ihren Augen ist er ein letztes Bollwerk gegen die erhoffte Öffnung hin zum – von der Jugend eher bewunderten – Erbfeind USA. Oder nach Europa.

Den jungen Menschen ist bewusst, wie blockiert ihr Land ist durch das von den USA vor 55 Jahren verhängte Embargo – aber sie machen nicht mehr nur die "Yankees", sondern auch ihre eigene Führung verantwortlich.

Werden sie eines Tages revoltieren, auf die Straße gehen? Eher nicht, sagen Kubas Intellektuelle. Die Menschen sind der Politik müde, können das Wort Revolution nicht mehr hören und sind in eine politische Lethargie versunken, sie haben nur das eigene Überleben im Blick. Das beschäftigt sie den ganzen Tag, jeder hat zwei, viele haben drei Jobs. Bei einem offiziellen durchschnittlichen Einkommen von 30 Euro pro Monat kein Wunder.

Also ist Initiative überlebenswichtig. Wer kann, kellnert, verkauft irgend etwas, betreut Touristen oder findet eine andere Lücke im System, um an Dollars, Euro oder CUC zu kommen. Letzteres ist eine kubanische Besonderheit.

Der Peso convertible (genannt CUC – 1 CUC = 88 Cent) ist für die Touristen oder Geschäfte mit dem Ausland gedacht. Der normale Kubaner agiert mit dem normalen Peso – im Wert 25:1 zum CUC. Diese Inlandswährung ist für die Menschen Garantie, überhaupt Nahrung und Sprit kaufen zu können. Denn viele könnten die Preise sonst nicht bezahlen.

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