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Album in den USA entdeckt: KZ-Zeichnungen zeigen Folter und Tod

zuletzt aktualisiert: 28.09.2007 - 15:28

Bad Arolsen (RPO). Ein einzigartiges Album mit Zeichnungen aus dem Konzentrationslager Dachau ist in den USA aufgetaucht. Auf den insgesamt 30 Blättern sind Erniedrigung, Folter und Tod abgebildet, gemalt von den Häftlingen. Die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Barbara Distel, bezeichnet das Album als einmaliges Kunstwerk.

Die Zeichnungen schildern das Lagerleben aus Sicht der Häftlinge. Dargestellt werden Szenen von der Ankunft über Erniedrigung und Folter bis hin zum Tod. Das Album gehört Shari Klages, deren Vater in Dachau den Holocaust überlebte. Sie will es jetzt, gut 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, veröffentlichen.

Dieser Entscheidung der 47-jährigen Amerikanerin vorausgegangen ist eine kriminalistisch anmutende und sich über drei Kontinente erstreckende Spurensuche nach dem Künstler und nach dem Weg, den das Album bis zu Klages genommen hat. Dabei sind die Schicksale zweier Menschen zu Tage getreten, deren Wege sich nur in einem kurzen historischen Moment trafen. Vieles wird wohl immer im Dunkeln bleiben, denn beide sind seit Jahrzehnten tot.

Gemeint sind der Künstler Michael Porulski und Klages' Vater Arnold Unger. Beide waren Polen, der eine Katholik, der andere Jude. Beide überlebten das KZ Dachau, in dem sie zeitgleich die drei letzten Wochen vor der Befreiung durch die US-Armee interniert waren. Kurz danach wird der damals 35-jährige Porulski seine kolorierten Tuschezeichnungen angefertigt haben, wie Gedenkstätten-Leiterin Distel meint. Während der Haft würde er "niemals gewagt haben", den Horror des Lagerlebens zu zeichnen, sagt sie.

Wie das Album dann in die Hände des damals erst 15-jährigen Unger kam, der inzwischen als Bürojunge und Übersetzer für die US-Armee arbeitete, hat sich trotz umfangreicher Recherchen von Fachleuten und unter Mithilfe der Nachrichtenagentur AP nicht herausfinden lassen.

Unger jedenfalls brachte das Album mit in die USA, wohin er 1947 gemeinsam mit 60 anderen Holocaust-Waisen einreisen durfte. "Er sprach niemals über seine Erfahrungen während des Krieges", sagt seine Tochter.

In letzter Minute der Gaskammer knapp entkommen

In den ersten Jahren nach seiner Ankunft in Amerika, aber noch lange vor ihrer Geburt, war das anders, wie ihre Recherchen inzwischen ergaben. In einem Zeitungsinterview in seinem neuen Heimatort in New Jersey berichtete Unger damals, dass er insgesamt drei Mal auf Märschen von einem zum anderen KZ fliehen konnte, aber immer wieder gefasst worden war. Einmal war er demnach sogar in letzter Minute dem Gang in die Gaskammer entkommen. Einem Cousin hat er erzählt - wie seine Tochter jetzt herausfand - dass er in Dachau die Leichenöfen der Gaskammern bedienen musste.

In einem Brief, den Klages in den Archiven des Suchdienstes des Roten Kreuzes fand, schilderte Unger seinen Leidensweg unter der NS-Herrschaft. Danach hatte sein Vater ein florierendes Möbelgeschäft in der Nähe von Krakau.

Als er neun Jahre alt war, "besetzten die Nazis die Stadt, zerstörten unser Leben, ermordeten meine Eltern und meine kleine Schwester und raubten uns alles, was wir besaßen", schrieb Unger, der als einziger von insgesamt 50 Angehörigen seiner Familie das Grauen überlebte. Nachdem ihm zunächst christliche Freunde geholfen hatten, kam er dann doch in das Krakauer Getto und von dort in eine Reihe von Konzentrationslagern.

Seine Erlebnisse aus dieser Zeit waren es nach Überzeugung der Tochter hauptsächlich, die ihn 1972 im Alter von nur 42 Jahren dazu brachten, sich das Leben zu nehmen. Da war seine Tochter Shari zwölf Jahre alt.

Nach Australien ausgewandert

Der Künstler Porulski starb 1989 und überlebte Unger damit um 17 Jahre. Sein Leben nach dem Holocaust, wie es in den Recherchen von Shari Klages zu Tage tritt, war ruhe- und heimatlos. Geboren 1910, kam der Bauernsohn 1934 an die Warschauer Kunstakademie. Nach dem Überfall Deutschlands wurde er im Juni 1940 "ohne jeden Grund" verhaftet, wie er später in einem Bittbrief an den UN-Flüchtlingskommissar schrieb.

Über die KZs Auschwitz und Neuengamme kam Porulski schließlich 1941 nach Dachau. 1949 wanderte er nach Australien aus, kehrte aber 1963 wieder nach Europa zurück und lebte in England und Frankreich. Anfang der 70er Jahre besuchte er seine Schwester in Polen, musste auf Druck der kommunistischen Regierung aber wieder ausreisen und lebte schließlich bis zu seinem Tod in ärmlichen Verhältnissen in England.

Bei seinem Besuch in Polen hatte er seiner Schwester auch Gemälde von Dachau gebracht, wie sich seine heute 75-jährige Nichte Danuta Ostrowska erinnert. Aber ihre Mutter habe sie mit den Worten weggeworfen: "Ich kann das nicht ansehen." Heute besitzt die Familie noch zehn seiner Gemälde hauptsächlich aus der Vorkriegszeit. Im Warschauer Karikaturen-Museum haben zwei von ihm gemalte Aquarell-Postkarten des Nazi-besetzten Polens überlebt.

Quelle: ap

 
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