Erdbeben in Haiti: "Lage schlimmer als beim Tsunami"
VON MATTHIAS BEERMANN UND ANJA INGENRIETH - zuletzt aktualisiert: 18.01.2010 - 21:13Düsseldorf/Brüssel (RP). Während es in der verwüsteten Hauptstadt Port-au-Prince immer häufiger zu Plünderungen kommt, bleibt die Hilfe für die notleidende Bevölkerung extrem schwierig. Bislang wurden 70.000 Tote geborgen, die Gesamtzahl der Opfer könnte auf bis zu 200.000 steigen. Haitis Regierung rief den Notstand aus. Die EU sagte mehr als 400 Millionen Euro Hilfe zu.
Sechs Tage nach dem verheerenden Erdbeben nehmen in Haiti Gewalt und Plünderungen zu. Die Bevölkerung in der Hauptstadt Port-au-Prince kämpfe ums schiere Überleben, erklärte das Rote Kreuz gestern. Während hunderttausende Erdbebenopfer weiter verzweifelt auf Hilfe warteten und die Zahl der Todesopfer auf mindestens 70.000 anstieg, sagte die EU dem Karibikstaat mehr als 400 Millionen Euro Hilfe zu.
"Die Nerven liegen blank, während den hungrigen und durstigen Überlebenden langsam bewusst wird, was sie verloren haben", erklärte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Die Lebensmittelpreise seien seit dem Erdbeben am Dienstag vergangener Woche explodiert. Nur wenige Menschen hätten Zugang zu sanitären Anlagen, Wasser, Essen, ärztlicher Hilfe und Unterkünften. Immer häufiger schlägt die Verzweiflung der Menschen in Gewalt um.
Caritas international, Freiburg, Spendenkonto 202 bei der Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe BLZ 660 205 00 oder online unter: www.caritas-international.de
Deutsches Rotes Kreuz, Spendenkonto: 41 41 41 Bank für Sozialwirtschaft BLZ: 370 205 00 Stichwort: Haiti Online-Spenden unter: www.DRK.de/spenden
Verzweiflung schlägt in Gewalt um
Im Zentrum von Port-au-Prince räumten Plünderer Geschäfte leer und gingen mit Messern, Hämmern und Steinen aufeinander los. Die Polizei versuchte, sie mit Schüssen auseinanderzutreiben. Zwei Diebe wurden von der aufgebrachten Menge gelyncht. US-Soldaten sollen den Uno-Blauhelmen dabei helfen, die zunehmende Anarchie in dem verwüsteten Land einzudämmen.
Selbst erfahrene Katastrophenhelfer zeigten sich schockiert vom Ausmaß der Zerstörungen und der Zahl der Opfer. Das Chaos sei "schlimmer als beim Tsunami", der 2004 weite Teile Südostasiens verwüstete, beklagte die Uno. Mit so einer Lage sei man noch nie konfrontiert gewesen, sagte Elisabeth Byrs vom Uno-Koordinationsbüro für humanitäre Angelegenheiten.
Nach Angaben der haitianischen Regierung wurden bislang 70.000 Tote aus den Trümmern geborgen und in eilig ausgehobenen Massengräbern beigesetzt. Experten gehen inzwischen von bis zu 200.000 Erdbeben-Opfern aus. Die Regierung rief den Notstand aus und setzte eine einmonatige Staatstrauer an. Die EU will den Erdbebenopfern sofort mit 120 Millionen Euro beistehen. Weitere 300 Millionen Euro sind für den Wiederaufbau möglich, wie nach einem Krisentreffen der Außen- und Entwicklungsminister in Brüssel bekannt wurde.
Demnach wollen die Mitgliedsstaaten gut 90 Millionen Euro für kurzfristige humanitäre Hilfe bereitstellen. Die Kommission gebe rund 30 Millionen Euro. Der deutsche Staatsminister im Auswärtigen Amt, Werner Hoyer, betonte, über diese Soforthilfe hinaus seien die finanziellen Dimensionen der Unterstützung "überhaupt nicht absehbar". Er schätzt den Finanzbedarf auf "hohe Milliardenbeträge".
Geberkonferenz für Haiti
"Es fehlt uns nicht an Geld", unterstrich Europas neue "Außenministerin" Catherine Ashton. "Unser Problem besteht darin, die Hilfe ins Land zu bringen und dort zu verteilen." Am 25. Januar wollen die Geberländer in einer internationalen Konferenz über weitere Hilfsmaßnahmen für Haiti beraten. Haitis Präsident Rene Preval bat die internationale Gemeinschaft um ein auf mehrere Jahre ausgerichtetes Engagement. Der Fokus solle nicht nur auf der unmittelbaren Hilfe liegen, sondern auch auf der langfristigen Entwicklung des ärmsten Lands der westlichen Hemisphäre, sagte er.
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