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Flüchtlingskrise
Lesbos sehnt ein Wunder herbei

Flüchtlinge erreichen griechische Insel Lesbos
Flüchtlinge erreichen griechische Insel Lesbos FOTO: dpa, fs sh
Mytilini. Die griechische Insel erlebte 2015 eine Massenflucht von 650.000 Menschen. Die Bewohner sehnen sich nach Alltag, Jobs und Ruhe. Von Martin Kessler

Eine Seeschlacht kann noch so erbittert und apokalyptisch geführt werden. Am Tag danach ist nichts mehr zu sehen. Das Meer bleibt, wie es vorher war. Einen ähnlichen Eindruck vermittelt heute die Insel Lesbos.

650.000 Menschen, Flüchtlinge vor dem Bürgerkrieg, Familien in Not oder Migranten auf der Suche nach einem besseren Leben, landeten an den Stränden der Insel. Bezogen auf die 87.000 Inselbewohner war es so, als wären 600 Millionen Flüchtlinge durch Deutschland gezogen. "Du kannst dir nicht vorstellen, wie es hier in Mytilíni aussah", sagt mein Begleiter, Stratis Nikolaou, ein rüstiger Sechziger, der mit die Insel zeigt und seit Juni des vergangenen Jahres seine ganze Zeit den Flüchtlingen widmet. Der frühere Finanzbuchhalter einer Landwirtschafts-Kooperative in Lesbos erzählt von den Flüchtlingstrecks, die sich endlos in größter Hitze über die Straßen vom Norden nach Mytilíni bewegten und - unverschuldet - Berge von Müll hinter sich ließen.

Die Boote kamen von allen Seiten

FOTO: Weber

Doch jetzt: Die geschäftige Inselhauptstadt Mytilíni ist erfüllt vom Lärm der Autos und Motorroller, Parkplätze sind kaum zu finden, eine gewöhnliche griechische Kleinstadt. Der Strand, die Parks, die Wege sind geräumt. Auch in den anderen Teilen ist kaum etwas vom Jahrhundertereignis Flucht zu sehen. Der Frühling hat auf Lesbos Einzug gehalten, es duftet nach Wildkräutern, die Grillen zirpen noch nicht ganz so laut wie im Sommer. Dass Lesbos der wichtigste Ankunftsort auf der Fluchtroute über den Balkan war, ist nur noch in den Gesprächen zu spüren.

"Die Boote kamen von allen Seiten, 120 an einem Tag", erinnert sich der Fischer Thanasis Marmarinos aus Skála Sykamenéas. Der 62-Jährige von April 2015 bis Januar 2016 pausenlos im Einsatz. Statt Kalamares fischte er Menschen aus dem Meer. Hunderte, Tausende. Bis August nur mit der Hilfe der 120 Mitbewohner aus seinem Ort, darunter auch die 84-jährige Maritsa Mavrapidis, die jetzt mit Marmarinos und zwei anderen Frauen für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde.

Bis heute plagen den Fischer Albträume

"What's in my bag" - Fotoprojekt des IRC FOTO: Tyler Jump/ International Rescue Committee

250.000 Menschen kamen über den Strand von Skála bis Molivos an Land. Erst im September erreichten Rettungsorganisationen den Ort. "Ich erlebte, wie Menschen ertranken, ein Baby starb mitten im August an Unterkühlung." Fischer Marmarinos hat heute noch Albträume von dieser Zeit. "Ich sehe oft im Geist Flüchtlingsboote, wenn ich zum Fischen herausfahre." In den Monaten der Rettung hatte er überhaupt keine Einnahmen, musste sich selbst von den Essensrationen der Hilfsorganisationen ernähren.

Viele Menschen auf der Insel waren geschockt vom Massenansturm. Niemand hatte sie vorbereitet. Aber der erste Reflex bei vielen war Hilfe. Dimitrios Vatis hat ein romantisches Hotel direkt am Strand in der Touristenhochburg Molivos, einem verträumten Städtchen auf einem Felsen. Als die Flüchtlinge kamen, lagen die Badenden in Bikini und Schwimmhose auf ihren Liegestühlen. Doch die meisten reisten nicht panikartig ab, sondern halfen. Vatis Tochter Aphrodite (42), die in den USA Betriebswirtschaft studiert hatte, organisierte die Betreuung und medizinische Hilfe für die Flüchtlinge, die täglich landeten.

Einer wünschte sich ein Gewehr

Papst Franziskus besucht Flüchtlinge auf Lesbos FOTO: afp, mlm

Die Belohnung für die Hilfsaktion: Vatis verbucht für die Saison 2016 einen Rückgang der Besucher von fast 90 Prozent. "Ich kann mein Hotel im Sommer schließen", meint der promovierte Elektroingenieur, der 25 Jahre in den Vereinigten Staaten lebte, für den Weltkonzern General Electric arbeitete und noch heute zehn Patente hält. "Von meinem Geschäft lebt meine vierköpfige Familie und 20 Beschäftigte." Er hat aber einen rationalen Rettungsplan. "Wir brauchen die EU-Kredite, die bei Erdbeben ausbezahlt werden." Helfen würde auch ein Kurzarbeitergeld wie in Deutschland zur Zeit der Finanzkrise oder wenigstens ein zinsfreier Aufschub der Fälligkeit der Kredite.

Zum Eklat kam es in Molivos, als die Kommunalverwaltung der Insel einen verlassenen Camping-Platz in unmittelbarer Nähe zum einzigen Vier-Sterne-Hotel von Lesbos zum Flüchtlingslager umfunktionieren wollte. "Manche Hotel- und Restaurantbesitzer bedrohten die Abgesandten aus dem Hauptort Mytílini fast mit Gewalt", berichtet Gudrun Halbinger, eine deutsche Physiotherapeutin, die seit 1983 auf der Insel lebt. Einer der Redner hätte bedauert, kein Gewehr mehr im Schrank zu haben.

"Wir brauchen positive Nachrichten"

Das Flüchtlingslager wurde schließlich acht Kilometer weiter in unbewohntem Gebiet errichtet. Die Hotelgäste müssen den Blick auf das Elend nicht ertragen. Nikos Molvalis, der Chef des Tourismusverbands Molivos ist erleichtert. "Den Campingplatz wollten nur fünf Syriza-Aktivisten, die sich als Flüchtlingshelfer wichtig machten."

Für Lito Dakou, die Organisatorin des bekannten klassischen Musikfestivals in Molivos, bleibt das Felsennest "ein magischer Ort". Immerhin gehört es mit Mytilíni zu den 15 ältesten Städten Europas. "Wir brauchen positive Nachrichten über Lesbos", beschwört sie mich. "Die Insel ist anders, als im Fernsehen berichtet wird" Die aus Molivos stammende Unternehmerinmit Hauptwohnsitz in Düsseldorf wirbt für ihre Insel. "Urlaubsreisende müssen nichts befürchten. Sie können Natur, Kultur und unser Festival im August sorgenfrei genießen."

Nur mit einer List ins Lager

Auch Gregorios Delavekouras, der griechische Generalkonsul in Düsseldorf, beklagt, dass die Menschen in Lesbos für ihre Hilfe jetzt wirtschaftlich bestraft werden. Air Berlin hat den Direktflug von Düsseldorf nach Mytilíni gestrichen. "Das Lesbos-Geschäft ist tot", sagt Unternehmenschef Stefan Pichler.

Die Touristen gehen auf Nummer sicher. Dabei sind auf den Straßen nur wenige Flüchtlinge zu sehen. Sie konzentrieren sich auf zwei Lager: Kara Tepe und Moria, die beide nördlich von Mytilíni liegen. Doch welcher Unterschied. Moria mit seinen 2500 Insassen ist der erste offizielle Flüchtlings-Hotspot der Europäischen Union (EU). Das Lager ist doppelt mit Nato-Stacheldraht umgeben. Nur durch eine List schaffte ich es, ins Lager zu kommen. Doch sobald ich Flüchtlinge ansprach, ging sofort die Lagerpolizei dazwischen.

Der FC Barcelona soll helfen

Dafür geben sich die prominenten Besucher die Klinke in die Hand: erst der Papst und die beiden Oberhäupter der orthodoxen Kirche, dann die Königin von Jordanien, schließlich der griechische Migrationsminister Joannis Mouzalas, der prompt mit Wasserflaschen beworfen wurde. Andere Insassen des wie ein Abschiebegefängnis aussehenden Lagers steckten Abfall in Brand. Randale auf Lesbos lauteten die Nachrichten.

Ein anderes Bild bietet Kara Tepe. Lagerleiter Stavros Mirogiannis bezeichnet die Menschen in seinem Camp als "reisende Gäste". Es gibt Schulklassen im Freien, Theatervorführungen und Sportveranstaltungen. Die Menschen dürfen frei ein und ausgehen.

Lesbos' Bürgermeister Spyros Gilanos hat sich sogar etwas Besonderes für die Flüchtlinge ausgedacht. Er will den FC Barcelona für ein Sommercamp nach Lesbos holen. "Wir stehen in guten Verhandlungen", meint sein Sprecher Marios Andriotis. Vielleicht können auch auf Lesbos hin und wieder Wunder geschehen.

Quelle: RP
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