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Ministerpräsident Valls
Attentäter von Nizza hat sich "sehr schnell radikalisiert"

Als der Terror nach Nizza kam
Als der Terror nach Nizza kam FOTO: afp
Nizza. Frankreichs Premierminister ist davon überzeugt, dass der Attentäter von Nizza ein radikaler Islamist war – wenn auch erst seit Kurzem. Am Samstag hatte das Sprachrohr der Terrormiliz IS den Attentäter von Nizza als einen"Soldaten" des IS bezeichnet.

Bei den Ermittlungen sei herausgekommen, "dass sich der Attentäter sehr schnell radikalisiert hat", sagte Valls der Sonntagszeitung "Journal du Dimanche". Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) rufe auch gezielt Einzeltäter, "die unseren Geheimdiensten unbekannt sind", zu Anschlägen auf.

Auch nach Ansicht von Innenministers Bernard Cazeneuve könnte er sich sehr schnell radikalisiert haben. Menschen, die für die Botschaften des IS zugänglich seien, ließen sich für extrem brutale Aktionen gewinnen, ohne unbedingt dafür ausgebildet worden zu sein, sagte Cazeneuve nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts am Samstag. Seit Freitag hatte es Berichte gegeben, dass der Mann gewalttätig und unbeherrscht war.

Menschen in Nizza gedenken der Opfer des Anschlags FOTO: dpa, isl ay

Weitere Festnahmen in Nizza

In Nizza war ein 31-jähriger Tunesier am späten Donnerstagabend kurz nach dem Feuerwerk zum französischen Nationalfeiertag auf der Strandpromenade mit einem Lastwagen durch eine Menschenmenge gefahren und hatte dabei mindestens 84 Menschen getötet und zahlreiche weitere zum Teil lebensgefährlich verletzt, bevor Polizisten ihn erschossen.

Die IS-Miliz beanspruchte den Anschlag am Samstag für sich. Sie erklärte über ihr Sprachrohr Amak, der Täter sei ein "Soldat des Islamischen Staats". Eine unabhängige Bestätigung dafür gab es nicht. Der Attentäter war den französischen Geheimdiensten nicht als Islamist bekannt. Er trat lediglich im Zusammenhang mit Kleinkriminalität in Erscheinung und galt zudem als gewalttätig und depressiv.

Nach einem Zeitungsbericht soll er vor der Bluttat sein ganzes Geld abgehoben haben. Er habe innerhalb einer Woche sein Konto geleert, berichtete die Sonntagszeitung "Le Journal du Dimanche" unter Berufung auf Ermittlerkreise. Am Tag vor dem Angriff mit einem Lastwagen auf eine feiernde Menschenmenge in der südfranzösischen Stadt habe er auch sein Auto verkauft und seinem näheren Umfeld seine Radikalisierung gestanden. 

Anschlag in Nizza: Lkw wird abtransportiert FOTO: dpa, htf kno

Die Polizei in Nizza hat derweil zwei weitere Festnahmen bekanntgegeben. Eine Frau und ein Mann mit Verbindungen zu dem Attentäter seien gefasst worden, verlautete am Sonntag aus Justizkreisen. Wegen des Attentats von Donnerstagabend mit 84 Toten sind bereits vier weitere Menschen in Gewahrsam. Sie gaben laut Polizeikreisen an, dass dieser sich erst "kürzlich" radikalisiert habe. Die Ex-Frau des Todesfahrers wurde am Sonntag wieder freigelassen worden. Dies meldete die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Justizkreise.

Aufruf zum freiwilligen Polizeidienst

Valls sagte in dem Interview, der Terrorismus werde "noch lange" zum Alltag der Franzosen gehören. Die terroristische Bedrohung dürfe aber nicht zu einer "Trumpisierung" führen, sagte er mit Blick auf den populistischen US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump. Die Franzosen dürften ihren Rechtsstaat und ihre Werte nicht in Frage stellen.

Cazeneuve rief am Samstagabend alle patriotischen Franzosen zum freiwilligen Polizeidienst auf. Jeder, der wolle, könne sich dieser operativen Reserve anschließen. Auf diese Truppe, die schnell mobilisierbar sei, könnten die Präfekten je nach Ereignissen und zur Sicherung von Orten und Veranstaltungen zurückgreifen.

Finanzielle Hilfe für die Opfer von Nizza

Die Opfer des Anschlags sollen derweil nach Angaben der französischen Regierung ab der kommenden Woche finanzielle Hilfe bekommen. Wie die Staatssekretärin für Opferhilfe, Juliette Méadel, am Samstag sagte, werden die ersten Zahlungen aus dem Fonds für Terroropfer und Opfer anderer Straftaten Ende kommender Woche geleistet.

Méadel sagte auch zu, dass darauf geachtet werden solle, auch Traumatisierte und "indirekte Betroffene" wie etwa nahe Angehörige von Anschlagsopfern zu entschädigen. Opferverbände hatten die Sorge geäußert, dass traumatisierte Menschen leer ausgehen könnten, weil sie ihre Anwesenheit am Anschlagsort möglicherweise nicht nachweisen könnten.

Drei Tage nach dem Anschlag befinden sich noch 18 Menschen in Lebensgefahr, darunter ein Kind. Insgesamt seien noch 85 Personen in Krankenhäusern, teilte die französische Gesundheitsministerin Marisol Touraine am Sonntag mit. 

Mehr zum Anschlag in Nizza lesen Sie in unserem Dossier.

 

(das/AFP/dpa)
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