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Erdbeben in Haiti: Mehr als 110.000 Tote geborgen

zuletzt aktualisiert: 23.01.2010 - 08:28

Port-au-Prince/Genf/Montréal (RPO). Elf Tage nach dem verheerenden Erdbeben hat die Regierung in Haiti die Phase der Such- und Rettungsarbeiten für beendet erklärt. Seit dem Beben am 12. Januar seien 132 Menschen lebend aus den Trümmern geborgen worden, teilten die Vereinten Nationen am Samstag in Genf mit.

Bei dem verheerenden Erdbeben in Haiti starben bislang über 110.000 Menschen. Wie das Innenministerium am Freitag in der Hauptstadt Port-au-Prince mitteilte, wurden 111.499 Leichen gezählt. Retter konnten aus den Trümmern eine 84-Jährige Frau und einen 22-Jährigen Mann lebend bergen.

Wie das Innenministerium in Haiti weiter mitteilte, wurden bei dem Beben mehr als 193.000 Menschen verletzt. Mehr als 609.000 Menschen lebten nach der Zerstörung ihrer Wohnungen und Häuser in rund 500 Feldlagern. Bislang waren die Behörden von 75.000 Toten und 250.000 verletzten Menschen ausgegangen.

Helfer konnten am Freitag die 84-Jährige Carida Roman lebend aus den Trümmern bergen. Freunde hätten die Frau aus ihrem eingestürzten Haus in Port-au-Prince befreien können, sagte ihr Sohn der Nachrichtenagentur AFP. Die alte Dame befindet sich nun im Krankenhaus. Nach Angaben eines Helfers hat sie zahlreiche gebrochene Rippen und kämpft mit dem Überleben. Israelische Rettungskräfte bargen einen 22-Jährigen Mann aus den Ruinen eines dreistöckigen Gebäudes. Er befand sich demnach in einem vergleichsweise stabilen Zustand.

Geologen rechnen mit weiteren Nachbeben

Inzwischen wurde der Hafen von Port-au-Prince teilweise wieder geöffnet. Rund ein Drittel der Anleger wurden in Betrieb genommen, sagte eine Sprecherin der Vereinten Nationen. Der Hafen werde ausschließlich für die Versorgung Haitis mit humanitärer Hilfe genutzt. Nach Angaben des US-Militärs liegen rund zehn Schiffe mit Hilfsgütern im Meer vor Anker. Es wird jedoch mit mehrwöchigen Reparaturarbeiten gerechnet. Die Wiederaufnahme des Hafenbetriebs dürfte die Versorgung Haitis mit Lebensmitteln, Treibstoff und Medikamenten verbessern. Bei der Versorgung aus der Luft hatte sich der Flughafen von Port-au-Prince als Nadelöhr erwiesen.

Geologen rechnen für die kommende Zeit mit weiteren starken Nachbeben in Haiti. Die Gefahr weiterer Erdstöße werde "für Monate, wenn nicht gar für Jahre weiterbestehen", warnte die zuständige US-Forschungsbehörde US Geological Survey in Washington. Die Chance, dass es in den kommenden 30 Tagen ein Nachbeben der Stärke 6 geben wird, liege bei 25 Prozent. Ein Beben der Stärke 5 habe sogar eine Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent.

Spendenmarathon in den USA

Bei einem Spendenmarathon sammelten in den USA 130 Hollywood-Stars und Musiker für die Opfer von Haiti. Schauspieler George Clooney, der durch die US-weit ausgestrahlte TV-Sendung führte, sagte, die Menschen auf Haiti würden nach dem verheerenden Erdbeben nicht alleine gelassen. In der Sendung, die live in zahlreichen Sendern wie MTV, ABC, Fox und CNN übertragen wurde, traten Bands wie Coldplay und der Alt-Rocker Bruce Springsteen auf. Zahlreiche Prominente, wie die Schauspielerinnen Reese Witherspoon und Julia Roberts, nahmen an Telefonen Spenden entgegen.

Krisengipfel in Montréal

Am Montag treffen sich Vertreter mehrerer Geberländer zu Beratungen in Montréal, um die Hilfen für den zerstörten Karibikstaat besser zu koordinieren. Zugleich wollen sie eine Geberkonferenz im März vorbereiten. An dem Krisentreffen der "Freunde Haitis" in der kanadischen Metropole nimmt allen voran US-Außenministerin Hillary Clinton teil, die die führende Rolle der Vereinigten Staaten bei den Hilfseinsätzen weiter verfestigen dürfte. Angekündigt hat sich Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner. Zu den weiteren Teilnehmern zählen Brasilien, Argentinien, Mexiko und Spanien. Boykottiert wird die Konferenz dagegen von Venezuela, Bolivien und Nicaragua, die den USA "neokolonialistisches" Verhalten vorwerfen.

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Die Bergungseinsätze und Hilfslieferungen liefen zunächst äußerst schleppend voran. Schuld waren einerseits die zerstörte Infrastruktur, die kaputten Straßen und Brücken, die manche Orte unzugänglich machten. Da aber andererseits auch Regierung und staatliche Verwaltung sowie die Uno-Mission bei dem Erdbeben stark beeinträchtigt wurden, fehlte es tagelang an Organisationsstrukturen. Die USA schlossen schließlich ein Abkommen mit dem haitianischen Präsidenten René Préval, wonach sie die Kontrolle über den Flughafen in Port-au-Prince übernahmen. Ihre Führungsrolle wird eindrucksvoll durch die Entsendung von bis zu 20. 000 Soldaten illustriert.

Doch immer noch braucht es mehr Koordinierung bei den internationalen Hilfseinsätzen. Tausende Helfer müssen sinnvoll eingeteilt, Tonnen von Hilfsgütern ausgegeben werden, die Hilfe soll möglichst schnell bei den Erdbebenopfern ankommen. Etwa 250. 000 Menschen wurden bei dem Beben verletzt, rund eine Million weitere haben kein Dach über dem Kopf.

Montréal als Tagungsort kein Zufall

Dass diese erste internationale Haiti-Konferenz in Montréal stattfindet, ist sicher kein Zufall: in der französischsprachigen Metropole leben mehr als 100.000 Haitianer, das ist die größte haitianische Gemeinde in Kanada. Auch die Generalgouverneurin Kanadas, Michaëlle Jean, stammt aus Haiti. Seit dem Beben hat Kanada fast 135 Millionen kanadische Dollar Soforthilfen bereit gestellt (umgerechnet rund 90 Millionen Euro), etwa 60 Millionen Dollar wurden privat gespendet. Die Regierung in Ottawa richtete eine Luftbrücke ein und sandte zwei Kriegsschiffe sowie einen zivilen Frachter in das Katastrophengebiet.

Über zusätzliche finanzielle Hilfen für den Wiederaufbau des geschundenen Landes wollen die Geberländer dann im März entscheiden. Nach Einschätzung des Präsidenten der Dominikanischen Republik, Leonel Fernandez, benötigt Haiti rund zehn Milliarden Dollar.

Quelle: AFP/sdr

 
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