Seebeben: Mehr als tausend Tote befürchtet
zuletzt aktualisiert: 29.03.2005 - 16:29Banda Aceh (rpo). Das neue Seebeben im Indischen Ozean hat in den betroffenen Ländern den Schrecken der Tsunami-Katastrophe vor drei Monaten mit einem Schlag wieder in Erinnerung gerufen. Besonders betroffen waren diesmal die indonesischen Inseln Nias und Simeulue in der Nähe des Epizentrums. Bundespräsident Köhler sendete bereits ein Beileidstelegramm in die Region. Die definitive Opferzahl ist immer noch umstritten.
Vizepräsident Yussuf Kalla sagte am Dienstag im Radio, es würden bis zu zweitausend Tote befürchtet. Die Behörden bestätigten bis Dienstagabend den Tod von 430 Menschen. Aus Angst vor einer neuen Flutwelle flüchteten in vielen Ländern die Menschen panikartig ins Landesinnere. Größere Tsunamis blieben jedoch aus.
In Indonesien, Indien, Malaysia, Sri Lanka und Thailand gaben die Behörden nach dem Erdstoß in der Nacht zum Dienstag umgehend Tsunami-Warnungen aus. In vielen Gebieten brach daraufhin Panik aus. Fernseh- und Radiosender riefen die Bevölkerung zum Verlassen der Küstengebiete auf. In der indonesischen Provinz Aceh, der am stärksten betroffenen Region der Tsunami-Katastrophe vom 26. Dezember, flohen tausende Menschen aus ihren Häusern. Teile Sumatras wurden drei Minuten lang von dem Beben erschüttert. Wenige Stunden später konnten die Wetterämter aber Entwarnung geben. Das Tsunami-Warnzentrum für den Pazifik auf Hawaii teilte mit, es habe nur kleine Flutwellen gegeben.
Trotzdem wurden auf der Insel Nias nach offiziellen Behördenangaben mindestens 330 Bewohner getötet. In Gunung Sitoli, der größten Stadt des als Surfer-Paradies geltenden Eilands, wurden vier Fünftel der mehrstöckigen Gebäude zerstört. Zahlreiche Menschen waren unter den Trümmern verschüttet. Viele Verletzte konnten nicht versorgt werden, weil das Hauptkrankenhaus wegen eines Stromausfalls nur eingeschränkt arbeitete, wie ein Behördensprecher sagte. Zudem seien viele Ärzte aus Angst vor einem Tsunami geflüchtet.
Geschwächte Überlebende in blutigen Verbänden berichteten von den Schrecken, die das nächtliche Beben ausgelöst hatte. "Ich wachte gerade rechtzeitig auf, um der einstürzenden Decke meines Wohnheimzimmers zu entkommen", sagte ein Student. UN-Hubschrauber brachten rund 20 Verletzte nach Sibolga auf Sumatra.
Nach Einschätzung des Roten Kreuzes wurden auf Nias mehr als tausend Menschen getötet. Der Koordinator der Tsunami-Hilfe des Internationalen Rote Kreuzes, Bernd Schell, sagte in Meulaboh, die Hilfe vor Ort sei schwierig. "Viele Straßen auf Nias sind zerstört und der Strom ist ausgefallen." Nach Angaben des Welternährungsprogramms (WFP) können auf dem Flughafen der Insel nur noch kleine Flugzeuge und Hubschrauber landen.
Auf der Nachbarinsel Simeulue kamen mindestens hundert Menschen ums Leben. Ein ranghoher Militärvertreter sagte, eine drei Meter hohe Welle habe im Hafen der Insel schwere Schäden angerichtet. Im Südwesten der Provinz Aceh auf Sumatra wurde die Stadt Aceh Singkil zerstört, wie die indonesische Nachrichtenagentur Antara meldete. Mehr als 10.000 Menschen seien aus ihren Häusern geflohen.
Bundespräsident Horst Köhler schrieb in einem Beileidstelegramm an den indonesischen Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono, es sei "unfassbar", dass so kurz nach der Tsunami-Flutwelle vom Dezember nun unzählige Menschen in einer neuerlichen Naturkatastrophe ihr Leben verloren hätten. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sandte ebenfalls ein Kondolenzschreiben an Yudhoyono. Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) bot Indonesien Hilfe an.
Unterdessen lief die internationale Hilfe an: Singapur schickte Militärhubschrauber und medizinisches Helfer nach Nias. Australien kündigte an, Indonesien umgerechnet knapp 600.000 Euro zur Verfügung zu stellen. Japan bot unter anderem Unterstützung durch seine Armee und Sanitäter an.
Mit einer Stärke von 8,7 auf der Richter-Skala gehört das Seebeben vom Dienstag zu den zehn stärksten der letzten hundert Jahre, wie ein Experte der US-Behörde für geologische Beobachtungen (USGS) in Los Angeles sagte. Das Epizentrum des neuen Bebens lag rund 200 Kilometer westlich von Sumatra und damit nur rund 300 Kilometer vom Epizentrum des Erdstoßes vom 26. Dezember entfernt. Bei der Tsunami-Katastrophe vor drei Monaten waren in ganz Südostasien mehr als 270.000 Menschen ums Leben gekommen. Das damalige Beben hatte die Stärke von 9,0 auf der Richter-Skala.
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