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Außergewöhnliche E-Mails
Mein Brieffreund, der Baum

Fotos: Briefe an einen Baum
Fotos: Briefe an einen Baum FOTO: Stephen C. Weber
Melbourne. 77.000 Bäume in Melbourne haben Mailadressen bekommen, damit Bürger gezielt Schäden und Gefahren melden können. Doch stattdessen schicken sie Liebesbriefe an die Eukalyptusbäume, Ulmen und Platanen. Manche bekommen Antwort. Von Tobias Jochheim

Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel: Man weiß nie, was man bekommt. An dieses Bonmot von Forrest Gump dürften sich die Mitarbeiter des Umweltamts im australischen Melbourne immer wieder erinnert fühlen, wenn sie ihre Posteingänge öffnen. Neben Konferenzprotokollen und Hinweisen auf neue Verordnungen finden sich darin nämlich immer öfter fröhliche Grüße und Gedichte bis hin zu echten Liebesbriefen aus aller Welt. Wenn auch nicht an sie selbst, sondern an die Bäume der Stadt.

Im Mai 2013 hatte die städtische Försterei einen interaktiven Stadtplan veröffentlicht, mit den genauen Standorten von mehr als 77.000 Bäumen im Stadtzentrum sowie deren Arten und Lebenserwartung. Die 4-Millionen-Metropole gilt zwar als "Gartenstadt" des Roten Kontinents, doch nach jahrelangen Dürren sind 40 Prozent der Bäume im Stadtgebiet akut vom Vertrocknen bedroht. Durch die Häufung der gelben und orangefarbenen Punkte sollte das ins Bewusstsein der Bürger dringen, die Abbildungen der Bäume und diese selbst durch eine Nummer weniger abstrakt werden. Auch eine eigene Mailadresse bekam jeder Baum verpasst.

Vorher-Nachher: Sturm Ela wütete in Düsseldorf FOTO: Andreas Endermann

"Unsere ursprüngliche Idee war, es den Bürgern zu erleichtern, Baumsterben, Vandalismus oder herabgefallene Äste zu melden", sagt der zuständige Gemeinderat, der den passenden Namen Arron Wood trägt. "Die überraschende, aber sehr schöne Folge war, dass die Leute begannen, in E-Mails ihre Liebe zu den Bäumen auszudrücken." Mehr als 3000 Schreiben kamen bislang an, also rund vier pro Tag. Der beliebteste Baum ist die Bergulme 1028612. Sieben Nachrichten hat die 70-Jährige bis heute erhalten.

"Danke, dass du uns Sauerstoff gibst"

Zunächst meldeten sich Anwohner. Der Platane 1032398 in der St. Kilda Road meldete einer: "Mein Hund hat sich gestern an dir an dir erleichtert. Ich bitte vielmals um Entschuldigung". Dem Ahorn 1357773 schrieb ein fünfjähriges Kind: "Du lebst vor meiner Tür. Manchmal siehst du ein bisschen krank aus, aber ich liebe dich, weil du unseren Bürgersteig so viel schöner machst."

An die Algerische Eiche 1032705 war das folgende Schreiben gerichtet: "Danke, dass du uns Sauerstoff gibst. Danke, dass du so hübsch bist. Ich wüsste nicht, wo ich ohne dich wäre, die mein Kohlendioxid aufnimmt. Du bist ein Geschenk, das alle um sich herum immer weiter beschenkt."

Kein Wunder, dass dieses Süßholzgeraspel auch für böses Blut sorgt. Joanne Nova, eine erzkonservative Bloggerin, die das Ausmaß des menschengemachten Klimawandels leugnet, schlug vor, die Bäume aufzumuntern, indem alle "mehr Pflanzenfutter in die Luft blasen": "Zeigt den Bäumen, dass sie Euch wichtig sind, indem Ihr Achtzylinder-Autos fahrt." Als die Stadt nach verhaltenem Beginn im Dezember 2014 offensiv für das Projekt zu werben begann, ätzte ein lokaler Wirtschaftsvertreter: "Haben die ihre Medikamente nicht genommen?" Auf sachlicher Kritik an den Investitionen in das Projekt erwidert Wood, man hätte die Daten ohnehin erhoben und veröffentlicht. Der zusätzliche Aufwand für die Mailfunktion und deren Folgen sei minimal. Auch wenn inzwischen mehr als 2500 Schreiber Antwort bekamen.

Die besten Chancen haben jene mit "echten" Fragen, etwa nach dem Geschlecht "ihres" Baums. Die Lösung: Manche Bäume sind männlich oder weiblich, manche besitzen Blüten beider Geschlechter.

Witze über Cricket und Warnungen vor Viren

Der Ton der Schreiben variiert, oft auch innerhalb derselben Nachricht. Der Ulme 1022164 etwa schrieb ein Student: "Als ich heute St. Mary's College verließ, wurde ich getroffen – nicht von einem herabfallenden Ast, sondern von deiner strahlenden Schönheit. Du bist so ein attraktiver Baum, ich wette, du bekommst dauernd solche Nachrichten." Weiter ging es mit: "Ich hoffe, die Beuteltiere stören dich nicht. Die hinterlassen immer so ein Chaos. Ich wäre gern mit einem befreundet, finde aber keine Mailadressen von ihnen. Würdest du meine Grüße an sie ausrichten?"

Ela 2014: Sturmschäden in Düsseldorf von oben FOTO: Hans Blossey

Inzwischen kommt die Fanpost aus aller Welt, von Hongkong über Brasilien bis Dänemark. Die Projektmitarbeiter sprechen neben Englisch unter anderem auch Spanisch, Deutsch und Ungarisch. "Unsere Bäume sprechen auch Mandarin und Gälisch, aber auf Mails aus China oder Irland warten wir noch", berichtet Wood. Zu lesen bekommen hat sein Team schon viel Herzerwärmendes. "Ich hoffe, du hast gut auf dich auf und nicht krank", radebrecht etwa ein Russe liebevoll auf Englisch über das "wundervolle Projekt".

Manche Briten machen genüsslich Cricket-Witze auf Kosten Australiens, der Goldulme 1033102 schrieb ein anderer: "Ich war hocherfreut, dich in solcher Blüte zu sehen. Viele deiner Artgenossen lebten im Vereinigten Königreich, aber sie fingen sich sämtlich ein schlimmes Virus ein und starben. Sei bitte sehr vorsichtig, und falls dir unbekannte Insekten auffallen, schick sofort eine Mail an einen Baumpfleger!" Dem Schreiber war es ernst damit. "Ich vermisse eure charakteristische Silhouette und wunderschön geformten Blätter. Ihr wart eine Zierde der englischen Landschaft – mehr, als ich in Worten ausdrücken könnte."

"Grüß die Linden und Eichen in Deutschland"

Die erste Mail aus Deutschland kam am 21. Februar dieses Jahres. Rund einen Monat später erhielt die Absenderin Antwort: Auf Deutsch erzählte der Zitroneneukalyptus von seinem Duft und seiner Frostempfindlichkeit, die leider dafür sorge, dass er in unseren Breiten nicht wachsen könne. Die Mail endet mit "Bitte richte den Linden und Eichen in Deutschland Grüße von mir aus."

Eine besonders große Anziehungskraft übt das Projekt auf jene aus, die es aus der Stadt fortgezogen hat. Der Großblättrigen Feige 1458045 schrieb jemand: "Nach fast zehn Jahren in Melbourne bin ich kürzlich zurück in meine Heimat New York City zurückgezogen. Dich und deine Artgenossen vermisse ich dort sehr. Ich hoffe, ich werde mich in deinen Schatten setzen können, wenn ich das nächste Mal herkomme. Und ich hoffe, dass der Sommer nicht zu heiß für dich ist."

Düsseldorf: Ein Monat nach dem Sturm Ela FOTO: Uwe-Jens Ruhnau

Eine weitere Schreiberin würdigt "ihre" Englische Eiche 1063728 an den Ufern des Yarra River: "Eine Woche nachdem ich in Melbourne ankam, warst du es, die mir die ersten ruhigen Momente ermöglichte. Alles war neu für mich, doch unter deinen Ästen fand ich Frieden. Jetzt bin ich zurück in Deutschland und vermisse dich sehr, denn in München habe ich noch nichts Vergleichbares gefunden."

Völkerverständigung auf dem kleinen Dienstweg war es wohl, als eine Deutsche namens Tina der Chinesischen Ulme 1289990 in Australien von den feuchten, kalten, dunklen Wintern hierzulande erzählte; "das mag für dich himmlisch klingen, ist es aber nicht, glaub mir!" Sie würde das Gespräch gern persönlich fortführen, schrieb Tina zum Schluss, "aber Australien ist so verdammt weit weg". Als Ausgleich für die entgangene Gesellschaft gab sie dem Baum noch einen guten Tipp: "Halt dich von Feuer fern!"

"Viel Erfolg für die Klausuren!"

Manchmal nimmt sich ein Mitarbeiter ein Herz und etwas Zeit und antwortet auch auf launige Mails: "Ich muss bald Klausuren schreiben. Du nicht. Viel mehr haben wir uns wohl nicht zu sagen, weil wir eben kaum Gemeinsamkeiten haben – du weißt schon, weil du ein Baum bist und so", hatte ein Student am 29. Mai dieses Jahres der Ulme 1022165 gemailt. "Viel Erfolg!", kam noch am selben Tag zurück. "Die Forschung zeigt, dass die Natur Lernprozesse positiv beeinflussen kann, deshalb hoffe ich, dich inspirieren zu können." Am 9. Juli meldete sich der Student zurück. Er habe seine Noten für das vergangene Semester bekommen. "Absolut unabhängig davon" wollte er wissen: "Wie gehst du mit dem Schmerz der vielen Enttäuschungen um, die unser Leben auf dieser Erde mit prägen?"

Darauf steht die Antwort noch aus. Sie würde aber wohl ähnlich lauten wie jene der Zypresse 1058295 auf die Frage nach ihrem Vorschlag zur Lösung der Griechenland-Krise: Darin lavierte sie herum, zog historische Parallelen zur ökonomischen Lage Russlands nach dem Zerfall nach der Sowjetunion – und antwortete schließlich: "Ich weiß es nicht. Ich bin doch nur ein Baum."

Vielleicht weiß es ja bald ein anderer: Rund 3000 Bäume werden in Melbourne pro Jahr gepflanzt in der Hoffnung, die Temperatur in der Innenstadt mittelfristig um bis zu vier Grad zu senken. Und Vertreter von mehr als 100 Städten aus aller Welt haben schon gefragt, ob sie sich ein Beispiel an der Kampagne nehmen dürfen. In der 95-seitigen Broschüre dazu ist der Punkt "E-Mails an Bäume" nur ein einziges Mal aufgeführt, ohne jede weitere Erklärung. Aber das ist vielleicht auch gut so.

Denn mit dem Bäume retten ist es wie in der Liebe: Worte tun gut. Aber am Ende zählen die Taten.

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