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Griechische Mythologie
Menschen, Götter, Sensationen

Griechische Mythologie: Menschen, Götter, Sensationen
FOTO: Martin Ferl
Athen. Die griechische Mythologie ist voll von Geschichten, die uns nicht nur prachtvolle Märchen erzählen. In manchen von ihnen erkennen wir uns überraschend selbst. Die Figuren handeln selten aus eigenem Antrieb, doch manche taugen perfekt zum Vorbild - etwa Antigone oder Pylades. Manche Götter sind mit Vorsicht zu genießen. Von Wolfram Goertz

Können wir von den Griechen lernen? Eher nicht, aber vielleicht können wir die heutigen durch ihre mythologischen Urahnen besser verstehen? An Vorbildern ist die griechische Mythologie arm, zumal es gerade in ihrer Chefetage eine Vielzahl verhaltensauffälliger Götter gibt. Ihnen allen eignen erstaunlich menschliche Motive, so dass als Fazit aus dem Olymp gelten darf: Götter sind auch nur Menschen. Mancher Mann von heute findet sich perfekt im (von der griechischen Sonne aufgeheizten) Schürzenjäger Zeus wieder, der sich hilflos-hinfälligen Damen gern in Verkleidung nähert. Wegen dieser Eskapaden bekommt seine Gattin Hera Wutausbrüche - verständlich, da außereheliche Schwangerschaften an der Tagesordnung sind. Heras Beschwerden prallen an Zeus ab, weil sie in Wahrheit seine kleine Schwester ist und nichts zu bestellen hat; im Mythos ist es ja erlaubt, die Schwester zu heiraten. Wer das für unschicklich hält, bekommt Probleme, gegen die Donnergrollen ein Bachmurmeln ist.

Für seine Ausraster und wenig staatsmännischen Aktionen ist Zeus legendär. Das cholerische Klima um ihn, auch Markenzeichen einiger Staatsoberhäupter oder Konzernbosse der Gegenwart, überträgt sich auf Götter, die ihm nacheifern. Hier sind vor allem Hades, Hephaistos und Dionysos zu nennen. Über sie liest man etwa beim Dichter Hesiod sehr unvorteilhafte Berichte.

Jahrzehnte ohne die Gattin Im göttlichen Dunstkreis bewegen sich auch die Heroen, insofern sie vom Wohl und Wehe der Oberen abhängig sind. Schicken die Götter günstige Winde? Fordern sie Blutopfer? Versenden sie fatale Prophezeiungen? Mit den Göttern leben heißt, regelmäßig im Nebel zu stehen und Entscheidungen revidieren zu müssen. Diese Planungsunsicherheit gilt archetypisch in Homers "Odyssee"; andererseits ist sie erstaunlich arm an göttlichen Korrekturen. Kein Wunder: Homer plante sein Epos nicht nur als fantasievolles Märchenbuch, sondern auch als Entwicklungsroman. An Odysseus freuen uns immer wieder seine flammende Sehnsucht nach der Heimat, seine Standhaftigkeit trotz der notorischen Treulosigkeit (siehe die Affäre mit Kalypso, ein Widerspruch, der unlösbar mythologisch ist), seine Verschlagenheit, sein Raffinement. Aber was ist seine Biografie ohne die große Wartende, ohne die über alle Maßen und Grenzen liebende Gattin Penelope? Sie erwehrt sich schier über Jahrzehnte einiger hartnäckiger Freier und wird am Ende vom wiederkehrenden Helden glücklich umarmt. Lohn der Zeit!

Segen der Beharrlichkeit Die liebende Beharrlichkeit der Penelope ist ohne Vergleich, aber Unbedingtheit ist im Mythos nicht immer von Vorteil, wenn wir nur an Medea, die Mörderin ihrer eigenen Kinder, oder an Penthesilea denken, die psychopathische Amazone, die in der Schlacht sterben will. Ihre tödliche Anmaßung, sich auf dem Feld des Trojanischen Kriegs mit Achilleus und seinesgleichen messen zu wollen, verkehrt später der große Heinrich von Kleist ins Gegenteil: Er lässt Penthesilea durch ihr eigenes "vernichtendes Gefühl" sterben, weil sie versehentlich ihr Liebstes, nämlich den Achilleus, durch Hunde hat zerfleischen lassen.

Wie anders dagegen die keineswegs trotzige, sondern visionäre Beharrlichkeit der Antigone. Sie kann kein Befehl dieser Welt davon abbringen, ihren im Kampf gefallenen Bruder Polyneikes zu bestatten. Das Verbot einer Beerdigung erließ zwar ihr Onkel, König Kreon. Doch schützt Verwandtschaft im Mythos nie vor härtester Strafe, im Gegenteil: Gerade die Enge der Verwandtschaft gebiert die Alpträume der Vernichtung. Fast jeder Tragödienstoff des Altertums ist eine Familiensaga von grandioser Ausweglosigkeit. Deshalb taugt kaum eine zur Fabel über das Glück. Antigone lädt also den Schrecken ihres Todes auf sich, obschon sie soeben eine ganz andere Familienleistung vollbracht und ihren geblendeten Vater Ödipus in die Verbannung begleitet hat. Nun muss sie auf Kreons wütendes Geheiß in ein Felsengrab, wo sie sich - einsam, aber aufrecht - selbst umbringt. Antigone gilt als Priesterin des Moralischen, der etwa der Dramatiker Jean Anouilh, Griechen-Kenner par excellence, ein wunderbares literarisches Denkmal setzte.

Ein Freund, ein guter Freund Pylades ist der zuverlässigste Typ, den die alten Griechen erfunden haben, doch zu Berühmtheit hat er's nicht gebracht. Er bezwingt keine Schlangen und erbeutet keine Liebschaften. Er muss vielmehr einen anderen beaufsichtigen und diese Kontrolle genau einmal planmäßig verlieren. Trotz seiner zupackenden Art ist das Piano sein Alleinstellungsmerkmal. In jedem Fall steht er weit über den Kumpeln, Jasagern und Nibelungentreuen. Er ist der Freund als solcher - und ein Mann, der sich im zweiten Glied am wohlsten fühlt und von dem es keine Statue ohne seinen Kompagnon Orest gibt, den Muttermörder, der seinen Vater rächt. Pylades taugt zum Vorbild, obwohl er bei Euripides und Goethe fast wortlos daherkommt. Niemand käme auf die Idee, ihm bei Orests Mord an Klytämnestra persönliche Motive zu unterstellen; dabei ist Pylades der Neffe Agamemnons, des von Klytämnestra ermordeten Gatten. Nun, beim Mord steht Pylades abseits.

Aussetzer aus Liebe Die Patzer und Verfehlungen der Liebenden sind beispielhaft im Mythos, doch zuweilen sind die Helden selbst schuld, wenn sie das Duell mit den Göttern verlieren. Warum kann Orpheus nicht warten? Warum muss er sich zu früh nach Eurydike umdrehen, die er aus der Unterwelt befreit hat? Übermütig ist er geworden mit seiner Harfe und dem Gesang, der ihn unbehelligt ins Totenreich hinabsteigen lässt, und weiß nicht, welche unberechenbare Kapazität Hades ist, der Gott der Unterwelt.

Nur in der ersten Szene scheinen die Götter dem Orpheus gesonnen. Eurydike war vor dem Tod (Schlangenbiss!) von Aristaios, dem Sohn des Gottes Apoll, beinahe vergewaltigt worden. In Wahrheit spielt Frevel keine Rolle. Schändungen sind in der Mythologie an der Tagesordnung und kein Offizialdelikt, sofern die Täter aus dem Olymp stammen. Deshalb darf Orpheus erst hinab - und verliert dann doch alles.

Lob der Angstfreiheit Bei dieser unklaren Aktenlage braucht der rechtschaffene Heros vor allem eins: Furchtlosigkeit, ein Topos, der sich durch alle Epen der Weltgeschichte zieht, auch durch das finnische Kalevala oder die nordische Edda. Immer wieder begegnet einem der Schlagetot, der sich mit allen Mächten anlegt - und gewinnt. Herakles ist ein solcher Energiebolzen, Perseus auch (welcher der grausligen Gorgo namens Medusa das Haupt abschlägt). Beide sind indes göttlich optimiert, denn wer ist ihr Vater? Richtig: Zeus. Die Geschichte des Perseus ist wundervoll in ihrer Stafette abstruser göttlicher Hilfestellungen, mit denen Perseus den Gorgonen (drei maximal unansehnlichen Schwestern) widersteht.

Auch Herakles zeichnet sich durch legendäre Angstfreiheit aus, auch er hat in Zeus einen Strippenzieher, der ihn vor mancher Unbill (etwa vor dem Kretischen Stier) bewahrt. Herakles ist freilich auch der erste Komiker unter den Heroen: Was er tut, trägt eine humorvoll-satirische Komponente. Etwa die heiteren Schoten mit der Reinigung des Augiasstalls oder der Vertreibung der Stymphalischen Vögel durch metallische Klappen, die ihm Pallas Athene geborgt hat. Diese Klappen ergeben die erste Vogelscheuche der Literaturgeschichte.

Das reizende Paar Zeus und Konsorten können übrigens unerwartet menschenfreundlich sein. Etwa in der Geschichte von Philemon und Baucis: Eines Tages wird dieses reizende Ehepaar vom Gott und seinem Adlatus Hermes aufgesucht; die Alten bewirten sie herzig. Als sie die Götter erkennen, werden sie blass vor Furcht: Ihr Kühlschrank hat nicht mehr hergegeben. Der Gott ist zutraulich gesinnt und belohnt Philemon und Baucis fürstlich. Wäre er auf Krawall gebürstet, müssten sie sich warm anziehen: Wie, kein Retsina im Kühlschrank?

So war und ist das mit den großen und kleinen Griechen. Keiner weiß, woran man bei ihnen ist. Aber das macht sie liebenswert. Der vergnüglichste Weg, sich über sie zu informieren, führt über die Mythologie. Dort begegnet uns das Leben sinnbildlich und konkret - etwa in Zeus, der sich in eine Dame verliebt, sich wegen seiner eifersüchtigen Gattin in einen unauffälligen Stier verwandelt und mit jener Dame nach Kreta schwimmt. Wie heißt die Dame? Europa. Danke, Zeus!

Quelle: RP
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